Das Haus war verkauft, das Geld überwiesen, die Zukunft scheinbar gesichert. Silvia und Wolfgang G. aus Wien hatten 40 Jahre lang gespart — und nach dem Hausverkauf 700.000 Euro einem Steuerberater und Wirtschaftstreuhänder anvertraut, den sie seit Jahrzehnten kannten. Kein fremder Name, kein dubioser Inserat-Kontakt. Ein Bekannter. Jemand, dem man blind vertraute.
Das Versprechen des Finanz-Experten klang solide: Das Geld werde so angelegt, dass es die laufenden Pflegekosten des schwer kranken Wolfgang sowie die Kosten einer Seniorenresidenz dauerhaft abdecke. Zehn Monate lang funktionierte das auch — dann kam der Schock, der das Ehepaar seither nicht loslässt.
700.000 Euro weg: Was das Wiener Ehepaar dem Treuhänder anvertraute
Der Finanz-Experte empfahl einen „sicheren” Pensionsvertrag mit monatlicher Leibrente. Im Beisein eines von ihm vorgeschlagenen Notars unterzeichnete das Paar den Vertrag und überwies die gesamte Summe auf das Konto des Mannes. Zehn Monate lang erhielten Silvia und Wolfgang G. die vereinbarte Rente pünktlich. Dann blieben die Zahlungen aus — ohne Vorwarnung, ohne Erklärung.
„Plötzlich haben wir kein Geld überwiesen bekommen. Wir waren entsetzt”, schildert Silvia G. gegenüber „Heute”. Der Verdacht bestätigte sich rasch: Der Treuhänder war insolvent. Alle Versuche, ihn zu erreichen, scheiterten. Ein Rechtsanwalt wurde eingeschaltet — doch da hatte die Finanzmarktaufsicht (FMA) bereits die Hand auf dem Konto.
Schwer krank, kein Rollstuhl, keine Pflege: Die Lage von Wolfgang G.
Wolfgang G. leidet an Morbus Parkinson, trägt drei Stents und eine künstliche Herzklappe und hat mehrere Operationen an Wirbelsäule und Hüfte hinter sich. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen und kann nicht mehr selbstständig gehen. Die professionelle Pflege, die er dringend bräuchte, können die beiden nicht mehr finanzieren.
„Die Pflege kostet so viel, das können wir uns nicht leisten”, sagt Silvia G. Das Paar musste bereits in eine kleinere Wohnung umziehen. „Unser Sohn hilft uns aus, sonst könnten wir unser Leben kaum finanzieren.” Was als Altersabsicherung gedacht war, hat die Familie in eine akute Notlage gebracht.
Fast 50 Geschädigte: Die WKStA und der Kreditschutzverband übernehmen
Inzwischen ist der Steuerberater offiziell insolvent. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hat den Fall übernommen. Das Ehepaar wird vom Kreditschutzverband von 1870 vertreten — einer der ältesten österreichischen Institutionen zum Schutz von Gläubigerinteressen.
Bei der Tagsatzung wurde das Ausmaß des Schadens sichtbar. „Es hat sich herausgestellt, dass fast 50 Personen geschädigt wurden”, berichtet Silvia G. aus dem Gespräch mit dem Masseverwalter. Der Fall zieht damit Kreise weit über das Ehepaar hinaus — und wirft die Frage auf, wie ein konzessionierter Wirtschaftstreuhänder jahrelang unbehelligt agieren konnte.
Nur 7 Prozent in drei Jahren: Was die Geschädigten realistisch erwarten können
Die Aussichten sind düster. Dem Ehepaar wurde mitgeteilt, dass es im besten Fall in etwa drei Jahren rund sieben Prozent der verlorenen Summe zurückerhalten könnte — das wären knapp 49.000 Euro von ursprünglich 700.000 Euro. Der Rest dürfte unwiederbringlich verloren sein.
Für einen Zivilprozess gegen den Treuhänder fehlt schlicht das Geld. „Irgendwann wird der Fall erst vor Gericht landen. Und dann müssen wir ein Urteil abwarten, bevor wir einen Zivilprozess starten können”, erklärt Silvia G. „Aber für einen langen Prozess haben wir kein Geld.” Hinzu kommt die bittere Unsicherheit über die eigene verbleibende Zeit: „Wir wissen gar nicht, ob wir in unserem Alter das Ende des Falls noch erleben.”
Warnsignale bei Leibrenten-Verträgen: Worauf die FMA österreichweit hinweist
Der Fall fügt sich in ein Muster, das die Finanzmarktaufsicht Österreich (FMA) in den vergangenen Jahren wiederholt dokumentiert hat. Unseriöse Konstrukte mit Leibrenten-Versprechen nutzen gezielt das Vertrauen älterer Menschen — und die Schwelle, einen langjährigen Bekannten zu hinterfragen, ist psychologisch hoch.
Auf folgende Warnsignale sollte bei derartigen Angeboten geachtet werden:
- Der Vertragspartner schlägt den Notar selbst vor und begleitet ihn zur Unterzeichnung
- Die gesamte Anlagesumme wird auf ein Privatkonto — nicht auf ein reguliertes Depot — überwiesen
- Es gibt keine schriftliche Bestätigung eines konzessionierten Wertpapierdienstleisters
- Rendite- oder Rentenzusagen werden mündlich gegeben, nicht im Vertrag fixiert
- Der Anbieter ist weder im FMA-Register noch im Firmenbuch als lizenziertes Institut eingetragen
Die FMA betreibt unter ihrer offiziellen Website eine öffentlich zugängliche Warndatenbank, in der konzessionspflichtige Anbieter überprüft werden können — ein Schritt, der vor jeder größeren Überweisung stehen sollte.
Was jetzt noch offen ist — und wie lange das Verfahren dauern kann
Das WKStA-Verfahren gegen den insolventen Steuerberater läuft. Wann es zu einer Anklage kommt, ist derzeit nicht abzusehen. Erst nach einem rechtskräftigen Strafurteil könnten die Geschädigten zivilrechtliche Schritte einleiten — ein Weg, der in Österreich bei komplexen Wirtschaftsstrafsachen erfahrungsgemäß fünf bis zehn Jahre in Anspruch nehmen kann.
Für Silvia und Wolfgang G. ist das keine abstrakte Zeitspanne. Es ist die Frage, ob die Pflege des 70-jährigen Mannes in dieser Zeit überhaupt organisiert werden kann — und wer die Kosten trägt, solange das Verfahren läuft.



