Es war die 90. Minute im WM-Viertelfinale zwischen England und Norwegen, als Jude Bellingham den Ball ins Netz beförderte und damit den Ausgleich zum 1:1 erzielte. Was auf den Tribünen und vor Millionen Bildschirmen als reguläres Tor gefeiert wurde, hatte kurz davor offenbar ein entscheidendes Problem: Der Ball berührte auf seinem Weg ein Kamerakabel, das quer über dem Spielfeld hing. Kein Schiedsrichter auf dem Rasen griff ein. Keiner der Referees an den Videomonitoren schlug Alarm.
England gewann das Spiel schließlich mit 2:1 nach Verlängerung und steht im Halbfinale. Doch die Frage, ob der Ausgleichstreffer überhaupt hätte zählen dürfen, lässt die Fußballwelt seither nicht los — und „Heute”-Experte Peter Pacult findet für den Vorfall klare, unmissverständliche Worte.
Das Kabel, das kein Offizieller bemerkte
Der Ablauf ist mittlerweile durch Videoanalysen dokumentiert: Bellinghams Ball streifte in der Luft ein Kamerakabel, bevor er sein Ziel fand. Solch ein Kontakt mit einem fest installierten Gegenstand außerhalb des Spielfeldinventars macht den Ball nach den FIFA-Regularien zu einem toten Ball — das Tor hätte demnach nicht gegeben werden dürfen.
Doch weder der Hauptschiedsrichter noch seine Assistenten an der Linie reagierten. Auch der Videobeweis, der bei dieser WM 2026 mit besonderem technischen Aufwand betrieben wird, griff nicht ein. Das Tor zählte.
Pacult: „Wozu gibt es diese ausufernde Technik?”
Peter Pacult, langjähriger österreichischer Trainer und Fußballexperte bei „Heute”, nimmt kein Blatt vor den Mund. „Der Ball berührt das Kabel einer Kamera, keiner der Offiziellen am Spielfeld sieht das, kein Referee an den Bildschirmen”, sagte Pacult in seiner Analyse. „Ich frage mich jetzt wirklich, wozu es diese mittlerweile ausufernde Technik gibt, wenn so etwas nicht bemerkt wird.”
Für ihn ist der Vorfall kein bloßes Missgeschick, sondern ein strukturelles Versagen. Die Schiedsrichter-Technologie, die bei dieser WM einen noch nie dagewesenen Umfang erreicht hat, hätte genau für solche Situationen gerüstet sein sollen.
Der zweite Skandal dieser WM — nach der zurückgenommenen Rot-Sperre
Pacult ordnet den Kabelvorfall in einen größeren Kontext ein. „Nach der zurückgenommenen Rot-Sperre ist das der zweite ganz große Skandal dieser WM”, betonte der „Heute”-Experte. Bereits zuvor hatte eine fehlerhafte Sperre für Aufruhr gesorgt, die nachträglich wieder aufgehoben werden musste.
Dass sich innerhalb weniger Tage zwei derart schwerwiegende Fehler häufen, stellt die Glaubwürdigkeit des Schiedsrichterwesens bei diesem Turnier ernsthaft infrage. Pacult macht auch deutlich, warum der Fehler gegen Norwegen besonders schwer wiegt: „Es ist ein Unterschied, ob du mit 1:0 oder 1:1 in die Pause gehst.” Das Ergebnis zur Halbzeit veränderte die gesamte taktische Ausgangslage.
Kein Riss zwischen Tuchel und Bellingham trotz öffentlichem Schlagabtausch
Abseits des Kabelvorfalls sorgte auch ein Disput innerhalb des englischen Lagers für Gesprächsstoff. England-Cheftrainer Thomas Tuchel übte nach dem Abpfiff scharfe Kritik am Auftritt seiner Mannschaft — worauf Bellingham öffentlich zurückschoss. Pacult sieht darin jedoch keinen tiefen Graben: „Einen Bruch zwischen Trainer und Mannschaft sehe ich dabei nicht, sonst wäre England nicht so weit.”
Dass ein Spieler den Trainer in einem WM-Viertelfinale offen korrigiert, ist ungewöhnlich. Dass das Team dennoch funktioniert und die Verlängerung für sich entschieden hat, spricht nach Pacults Lesart für eine grundsätzlich intakte Mannschaftsstruktur.
Embolo-Gelb-Rot im Spiel Argentinien gegen Schweiz: Regelkonform, aber bitter
Einen weiteren Aufreger des WM-Viertelfinals lieferte die Partie zwischen Argentinien und der Schweiz. Breel Embolo sah nach einer Schwalbe die Gelb-Rote Karte. Pacult lässt hier keine Diskussion zu: „Das ist sicher bitter für die Schweizer, regeltechnisch aber völlig korrekt. Es ist auch egal, wo die Szene passierte — Schwalbe ist Schwalbe.”
Anders als beim Bellingham-Tor gibt es beim Embolo-Entscheid keinen Regelauslegungsspielraum. Argentinien gewann die Partie und steht ebenfalls im Halbfinale der WM 2026.
Was die FIFA nach diesen Schiedsrichter-Pannen unternimmt
Bisher hat der Weltverband FIFA zu den konkreten Vorfällen keine öffentliche Stellungnahme abgegeben. Die zuständige Schiedsrichterkommission der FIFA pflegt es, solche Fehleranalysen intern zu behandeln. Ob die Kabel-Situation zu einer Regeländerung oder zumindest zu einer technischen Nachjustierung bei der Kamerainstallation führt, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt offen.
Für Norwegen ist das Turnier beendet. Das Tor zählt, das Ergebnis steht. Ob die FIFA-Schiedsrichterkommission den Vorfall öffentlich aufarbeitet oder schweigt, dürfte die Debatte über Sinn und Grenzen der WM-Technologie noch Wochen begleiten.



