Brüssel, Montagabend. NATO-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich tritt vor EU-Abgeordnete und wählt keine zurückhaltenden Worte. Sabotage, Cyberattacken, Drohnen — Russland führt nach seiner Darstellung einen verdeckten Krieg gegen westliche Staaten, um die Unterstützung für die Ukraine zu zermürben. Und Europa, so der US-General, reagiert bislang nicht entschlossen genug.
Was Grynkewich vor dem Europaparlament forderte, geht weit über bloße Verurteilungen hinaus. Die Frage, die sein Auftritt aufwirft: Wie viel Eskalationsbereitschaft ist der Westen tatsächlich bereit zu zeigen — und was passiert, wenn er es nicht tut?
Grynkewichs Forderung: Russland öffentlich beim Namen nennen
Der Kommandeur des US-Europakommandos sprach sich am 28. September 2026 in Brüssel klar dafür aus, Verantwortliche für hybride Angriffe öffentlich zu benennen, sobald ihre Urheberschaft ausreichend belegt sei. Eine solche öffentliche Zuschreibung erhöhe die Kosten für die Angreifer und zwinge sie, ihr Vorgehen anzupassen.
Das klingt nach Diplomatensprache, ist aber mehr als das. Grynkewich argumentiert, dass Stille und Zurückhaltung Moskau geradezu einlädt, weiterzumachen. Wer schweigt, signalisiert Duldung.
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Hybride Kriegsführung: Was Russland laut NATO konkret tut
Nach Angaben der NATO hat die Zahl hybrider Aktivitäten, die Russland und seinen Stellvertretern zugeschrieben werden, in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Grynkewich nannte dabei ausdrücklich drei Kategorien:
- Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur — darunter ein Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle
- Cyberangriffe auf westliche Behörden und Unternehmen
- Politische Einflussnahme, um gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen
Moskau weist derartige Vorwürfe regelmäßig zurück. Doch die NATO-Dokumentation dieser Vorfälle wird dichter, und westliche Geheimdienste zeichnen zunehmend ein konsistentes Bild.
Die „Eastern Sentry“-Mission und ihre Wirkung an der Ostflanke
Die NATO-Mission „Eastern Sentry“ soll die Ostflanke des Bündnisses stärker absichern. Sie umfasst zusätzliche Flugzeuge, Luftabwehrsysteme und erweiterte Aufklärungskapazitäten. Grynkewich zufolge hat die Mission bereits messbare Wirkung gezeigt: Russland verhalte sich seit deren Anlaufen bei Drohnenflügen entlang der Grenzen zu Polen und den baltischen Staaten spürbar vorsichtiger.
Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Sie legt nahe, dass sichtbare militärische Präsenz durchaus Abschreckungswirkung entfaltet — genau das Argument, das Grynkewich auch für den zivilen Bereich der öffentlichen Zuschreibung nutzt.
Luftalarm in Lublin: Die Lage an der polnischen Grenze bleibt angespannt
Noch während Grynkewich in Brüssel sprach, wurde die Bedrohungslage an der polnisch-ukrainischen Grenze konkret. In der ostpolnischen Region Lublin lösten russische Luftangriffe auf die benachbarte Ukraine am selben Montag Sirenenalarm aus. Polnische Kampfflugzeuge stiegen auf, Luftabwehr- und Radarsysteme wurden in erhöhte Bereitschaft versetzt.
Es war kein Einzelfall. Bereits am 24. September hatte das Polnische Regierungszentrum für Sicherheit Bewohner in den Regionen Lublin und Podkarpackie über russische Luftangriffe auf die Ukraine und den Einsatz polnischer Flugzeuge informiert. Nach Ende des Angriffs wurde Entwarnung gegeben — doch die Warnungen häufen sich.
Mehr Ukraine-Unterstützung als Antwort auf Hybridangriffe
Grynkewich geht in seiner Forderung noch einen Schritt weiter: Europäische Staaten sollten nach einem hybriden Angriff ihre Unterstützung für die Ukraine aktiv verstärken. Damit würde Moskau unmissverständlich signalisiert, dass die Strategie der Einschüchterung das Gegenteil dessen bewirkt, was sie bezweckt.
Ob diese Logik politisch durchsetzbar ist, bleibt offen. In mehreren EU-Hauptstädten gibt es erhebliche innenpolitische Vorbehalte gegen eine weitere Eskalation der Unterstützungsleistungen. Wie weit die europäischen Regierungen Grynkewichs Empfehlungen tatsächlich folgen werden, dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen.
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