Am Abend des 25. Juni lag Etchika P. tot in ihrer Wohnung in Wien-Mariahilf — erstochen, mit zahlreichen Stich- und Schnittverletzungen. Die 70-jährige Transgender-Ikone und Box-Managerin, bekannt weit über die LGBTIQ-Community hinaus, hatte Stunden zuvor noch auf TikTok gepostet. Ihr letzter öffentlicher Satz klingt im Nachhinein wie eine dunkle Vorahnung: „Ich bin mit einem Mann zusammen, dessen Leben ich schützen muss.”
Der mordverdächtige Mitbewohner, ein 24-jähriger Tschetschene, verließ die Wohnung offenbar Hals über Kopf — Zeugen sahen ihn mit nur einem Koffer verschwinden. Was danach folgte, war eine mehrwöchige internationale Fahndung, die nun mit einer Festnahme auf offener Straße in Frankreich endete. Wie der Verdächtige entkam, wo er untertauchte und was jetzt auf ihn zukommt.
Der Tatvorwurf: Mord, Drohung, illegale Waffen in Wien-Mariahilf
Laut Informationen von „Heute” wird dem 24-Jährigen ein breites Bündel an Delikten zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt wegen Mordes, schwerer Körperverletzung, gefährlicher Drohung sowie illegalen Waffenbesitzes.
Das Opfer, Etchika P., war nicht nur als Transgender-Persönlichkeit eine bekannte Figur, sondern auch als Boxpromoterin in der Sportszene vernetzt. Die Tat ereignete sich am 25. Juni 2026 in ihrer Nobelmietwohnung unweit des Naschmarkts im 6. Wiener Gemeindebezirk. Im Eingangsbereich des Wohnhauses erinnern seither Blumen und eine Parte an die Getötete.
Flucht mit einem Koffer: Die erste Spur führt nach Frankreich
Unmittelbar nach der Tat verschwand der Verdächtige so rasch, dass Zeugen nur einen flüchtigen Blick auf ihn erhaschen konnten — einen jungen Mann, der mit einem einzelnen Koffer die Wohnung verließ. Wohin er fuhr, blieb zunächst unklar. Österreich hatte er offenbar innerhalb von Stunden verlassen.
Sein Ziel war Nizza. Die Hafenstadt an der Côte d’Azur ist kein zufälliger Fluchtort: Sie gilt als eines der bedeutendsten Zentren der tschetschenischen Diaspora in ganz Europa. Schätzungen zufolge leben zwischen 30.000 und 60.000 Tschetschenen in Frankreich, ein erheblicher Teil davon in und um Nizza. Der Verdächtige kam laut „Heute”-Informationen bei Bekannten aus der dortigen tschetschenischen Community unter.
Österreichisches Bundeskriminalamt und FAST-Team: Die Zielfahnder schließen den Ring
Was wie eine aussichtslose Suche wirkte, entwickelte sich zu einem koordinierten internationalen Ermittlungserfolg. Zielfahnder des österreichischen Bundeskriminalamts arbeiteten eng mit dem französischen FAST-Team zusammen — einer auf die Jagd flüchtiger Verdächtiger spezialisierten Einheit.
Der geheime Aufenthaltsort des 24-Jährigen wurde nach „Heute”-Informationen rasch ausgeforscht. Doch die Ermittler warteten. Statt sofort zuzuschlagen, beobachteten sie ihren Zielpersonen und warteten auf den richtigen Moment — eine klassische Taktik der Zielfahndung, um Gegenwehr oder eine weitere Flucht zu verhindern.
Festnahme auf offener Straße: Mittwochabend in Nizza
Am Mittwochabend war die Gelegenheit gekommen. Als der Verdächtige im Schutz der Dunkelheit seinen Unterschlupf verlassen wollte, griffen französische Polizisten zu. Die Festnahme erfolgte auf offener Straße, ohne dass der 24-Jährige entkommen konnte. Seither sitzt er in Frankreich in Haft.
Die Chronologie der Ereignisse, die zur Festnahme führten:
- 25. Juni 2026: Etchika P. (70) wird in ihrer Wohnung in Wien-Mariahilf getötet.
- 26. Juni 2026: Wiener Polizei sucht öffentlich nach dem tschetschenischen Untermieter.
- Folgewochen: Verdächtiger taucht bei Bekannten in Nizza unter; Bundeskriminalamt und FAST-Team nehmen die Ermittlungen auf.
- Mittwochabend, 9. Juli 2026: Festnahme auf offener Straße in Nizza.
Auslieferung nach Wien: Antrag gestellt, Entscheidung liegt bei Frankreich
Die Staatsanwaltschaft Wien hat den Auslieferungsantrag laut eigenen Angaben bereits gestellt. Formell gilt die Übergabe des Verdächtigen an österreichische Behörden als naheliegend — innerhalb der Europäischen Union greifen bewährte Rechtshilfemechanismen.
Allerdings obliegt die endgültige Entscheidung der französischen Justiz. Der Beschuldigte hat das Recht, Rechtsmittel gegen eine Auslieferung einzulegen, was den Prozess verzögern kann. Für den 24-Jährigen gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.
Trauer in Wien: Eine Community verliert eine besondere Stimme
Während die Justiz ihren Lauf nimmt, trauert Wien. Nicht nur die LGBTIQ-Community, sondern auch Kreise der österreichischen Box-Szene nehmen Anteil. Etchika P. war eine Frau, die in mehreren Welten gleichzeitig zu Hause war — als Transgender-Persönlichkeit, als Unternehmerin, als Förderin junger Boxer.
Ihre letzten TikTok-Worte, wenige Tage vor ihrem Tod gesprochen, hängen schwer über der Causa: ein Satz, der im Rückblick mehr preisgab, als er verbergen sollte. Ob und wann ein Wiener Strafprozess gegen den Festgenommenen eröffnet werden kann, hängt nun davon ab, wie schnell Frankreich die Auslieferung bewilligt.



