Dienstagabend, kurz vor 23 Uhr, Studio der „ZIB2“: ORF-Moderator Armin Wolf stellt eine Frage, die in Österreich seit Jahrzehnten unbequem bleibt. Warum hängt der Bildungsabschluss eines Kindes hierzulande noch immer so stark davon ab, was die Eltern gelernt haben? Die zwei Männer, die ihm gegenübersitzen, sind ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti und SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer — und beide wissen, dass die Antwort ihren Parteien nicht schmeichelt.
Was folgte, war ein seltener Moment österreichischer Bildungspolitik: Einigkeit über die Diagnose, harter Clinch über die Therapie. Zum Schulbeginn 2026 prallten zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen davon aufeinander, wie Österreich seine Schulen reparieren soll — und wer dabei die Verantwortung trägt.
50 Prozent in Wien: Was Marchetti mit den Zahlen meint
Marchetti ließ gleich zu Beginn eine Zahl fallen, die aufhorchen lässt. 50 Prozent der Wiener Schulanfänger, sagte der ÖVP-Bildungssprecher, könnten dem Unterricht an der Tafel nicht folgen und den Lehrer schlicht nicht verstehen. Der Grund: fehlende Deutschkenntnisse. Besonders bemerkenswert an dieser Feststellung sei, so Marchetti, dass 60 Prozent dieser Kinder bereits in Österreich geboren wurden.
Für ihn zeigt das: Das Problem beginnt nicht in der Mittelschule. Es beginnt vor dem ersten Schultag. Deshalb müsse die Elementarpädagogik — also Kindergarten und Vorschule — stärker in den Mittelpunkt rücken, statt sich erst ab der fünften Schulstufe über Schulreformen zu streiten.
Wo ÖVP und SPÖ tatsächlich übereinstimmen
Himmer stimmte diesem Ausgangspunkt zu. Auch für den SPÖ-Bildungssprecher ist die Elementarpädagogik eine entscheidende Grundlage. Bei den grundsätzlichen Problemen seien die beiden Parteien „gar nicht so weit auseinander“, sagte Himmer zu Marchetti. Der Unterschied liege nicht in der Diagnose, sondern in den Schlussfolgerungen daraus.
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Allerdings hielt Himmer auch fest, dass über diese Fragen „schon seit vielen Jahren“ gesprochen werde, ohne dass sich genug getan habe. Der Ton war kollegial — die inhaltliche Distanz aber deutlich spürbar.
Ganztagsschule: „Wir halten das für unfair“
Genau beim Thema Ganztagsschule trennten sich die Wege klar. Marchetti verteidigte die ÖVP-Linie: ein flächendeckendes Angebot zusätzlich zum bestehenden System, aber keine verpflichtende Ganztagsschule für alle. Der Staat könne „niemals ein Elternhaus komplett ersetzen“ — das Elternhaus müsse seinen Teil beitragen.
Himmer ließ das nicht gelten. „Wir halten das für unfair“, sagte der SPÖ-Bildungssprecher. Kinder sollten nicht deshalb schlechtere Chancen haben, weil ihre Eltern weniger Geld oder einen niedrigeren Schulabschluss haben. Ziel müsse sein, niemanden zu verlieren. Wolf konfrontierte Himmer an dieser Stelle mit einer unbequemen Gegenfrage: Warum gibt es ausgerechnet im SPÖ-geführten Wien noch immer kein flächendeckendes Ganztagsschulsystem? Himmer verwies darauf, dass Wien die höchste Zahl echter Ganztagsschulen in ganz Österreich aufweise und der Ausbau Schritt für Schritt erfolge.
Volksschule verlängern oder zuerst reparieren?
Bildungsminister Christoph Wiederkehr hatte vorgeschlagen, die Volksschule von vier auf sechs Jahre zu verlängern und Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren gemeinsam zu unterrichten. Marchetti zeigte sich skeptisch. Die Diskussion über eine gemeinsame Schule gebe es „seit Jahrzehnten“. Außerdem sei die heutige Volksschule bereits eine Gesamtschule — und die funktioniere „offensichtlich nicht gut genug“. Eine Verlängerung auf sechs Jahre mache auch „logistisch keinen Sinn“.
Himmer setzte dem eine andere Perspektive entgegen. „Aus meiner Sicht geht es nicht um Logistik, sondern es geht um jedes einzelne Kind“, sagte der SPÖ-Bildungssprecher. Österreich habe Kinder, die nicht dieselben Chancen hätten, weil das System sie ihnen nicht gebe. Mehr ganztägige Betreuung, mehr gemeinsame Lernzeit und ein Ausbau der Schulteams seien für ihn die zentralen Hebel. Für die Ganztagsschule gebe es zudem „wissenschaftliche Evidenz“ — es sei kein ideologisches Projekt, sondern der richtige Weg.
Sommerferien kürzen: WKÖ zündet nächste Debatte
Zum Abschluss der Sendung kam ein Thema auf den Tisch, das unmittelbar den Familienalltag trifft. WKÖ-Präsidentin Martha Schultz hatte angeregt, die Sommerferien von neun auf sechs Wochen zu verkürzen. Die Reaktionen der beiden Bildungssprecher zeigten einmal mehr, wo die eigentliche Bruchlinie liegt:
- Marchetti (ÖVP): grundsätzliche Gesprächsbereitschaft — Schultz spreche „etwas Richtiges an“, weil neun Wochen für viele Eltern schwer zu organisieren seien. Er halte es für sinnvoll, das Thema mit allen Beteiligten zu diskutieren.
- Himmer (SPÖ): warnte davor, die Ferien isoliert zu betrachten. Kürzere Sommerferien ohne gleichzeitigen Ausbau der Ganztagsschule würden Eltern erst recht vor ein großes Betreuungsproblem stellen.
- Marchettis Kernbotschaft: Zunächst müsse sichergestellt werden, dass die bestehenden vier Jahre Volksschule besser funktionieren — erst dann macht eine Strukturdebatte Sinn.
- Himmers Kernbotschaft: Das zweite verpflichtende Kindergartenjahr und der Kindergarten-Ausbauplan seien vereinbarte Reformen — aber ohne Ganztagsschule bleibe der Systemwandel unvollständig.
- Gemeinsamer Nenner: Beide sehen die Elementarpädagogik als dringlichste Baustelle, bevor über spätere Schulformen gestritten wird.
Was nach dem ORF-Duell offen bleibt
Marchetti verwies auf bereits vereinbarte Reformen in der Elementarpädagogik: ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr sowie ein koordinierter Ausbauplan für Kindergärten. Das seien konkrete Schritte, die mehr brächten als eine ideologische Auseinandersetzung über Schulformen, so der ÖVP-Mann. Himmer räumte ein, dass Veränderungen im Bildungssystem Unruhe auslösen könnten — deshalb müsse man die Vorteile erklären, statt „Schreckgespenster an die Wand zu malen“.
Ob die Koalition aus den skizzierten Reformansätzen tatsächlich ein gemeinsames Programm zimmern kann, blieb nach dem 15. September 2026 offen — die Debatte über verpflichtende Ganztagsschule, Volksschulverlängerung und Kindergartenausbau wird das österreichische Bildungsjahr jedenfalls begleiten, solange die Zahlen aus Wien so deutlich ausfallen wie jene, die Marchetti in die Sendung mitgebracht hat.
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