In der Camillianergasse in Wien-Hietzing, mitten in einer Gemeindebausiedlung aus den 1930er-Jahren, hat sich über Monate eine Situation aufgebaut, die Nachbarn inzwischen als unerträglich beschreiben. Eine Großfamilie bezog eine 61 Quadratmeter große Wohnung — und seither, so berichten Anrainer übereinstimmend, reißt der Lärm auch an Sonn- und Feiertagen nicht ab, häufen sich Polizeieinsätze, und der Hausgarten verkommt zum Dauerspielplatz.
Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) hat bereits einen Beschwerdebrief eines Nachbarn erhalten — passiert ist bisher nichts. Nun gehen die Bewohner der Siedlung mit einer Unterschriftenaktion an die Öffentlichkeit. Ob das den Vermieter Wiener Wohnen zum Handeln zwingt, ist noch offen.
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Wer lebt tatsächlich in der 61-Quadratmeter-Wohnung?
Über die genaue Zahl der Bewohner herrscht Uneinigkeit. Anrainer sprechen von vier Erwachsenen und acht Kindern, also insgesamt zwölf Personen. Wiener Wohnen hingegen nannte gegenüber der Presse lediglich zehn Bewohner — und erklärte gleichzeitig, dass diese Zahl “keine unzulässige Nutzung der Wohnung” darstelle.
Wie es zu dieser Diskrepanz kam, erläuterte ein Nachbar gegenüber der “Krone”: Die Mutter brachte zwei Kinder aus einer früheren Beziehung mit, ihr neuer Mann weitere fünf. Dann kam ein gemeinsames Kind zur Welt. Zuletzt zogen auch die Schwiegereltern ein. Davon, so der Eindruck der Anrainer, hatte Wiener Wohnen offenbar keine Kenntnis.
Lärm, Streit und Polizei: Was die Nachbarn konkret beklagen
Die Unterschriftenaktion, die der “Krone” vorliegt, listet eine Reihe konkreter Vorwürfe auf. Die Beschwerden sind vielschichtig und reichen vom Alltäglichen bis zum Handfesten:
- Lärm auch an Sonn- und Feiertagen: Babygeschrei, laute Gespräche, Musik
- Streitigkeiten und aggressives Verhalten gegenüber Nachbarn
- Wiederholte Polizeieinsätze in der Siedlung
- Überfüllte Müllbehälter und Unrat im Garten
- Verwahrloster Hausgarten, der als Dauerspielplatz genutzt wird
- Häufige Besuche der kinderreichen Verwandtschaft
- Mangelnde Gesprächsbereitschaft der Familie
Ein konkreter Vorfall illustriert die Stimmungslage: Als ein Anrainer die Familie bat, am Sonntag nicht zu mähen, soll er mit Beschimpfungen abgespeist worden sein.
Angst und Feindseligkeit: Das Klima in der Siedlung
Die Situation hat eine emotionale Schärfe angenommen, die über bloße Lärmbelästigung hinausgeht. Anrainer berichten gegenüber der “Krone” von handfester Angst vor dem Familienoberhaupt, von dem es angeblich Videomaterial mit verhaltensauffälligem Auftreten geben soll. Ein Nachbar schilderte, er sei als “Nazi” bezeichnet worden, weil er gegen Ausländer sei.
Hinzu kommen strukturelle Sorgen. Die Häuser in der Camillianergasse stammen aus den 1930er-Jahren; Anrainer fürchten Schimmelbildung durch den hohen Wasserverbrauch der Großfamilie. Auch der Verschleiß der Gemeinschaftsbereiche ist ein Streitpunkt — denn für Reparaturkosten kommen laut Mietvertrag alle Parteien gemeinsam auf.
Wiener Wohnen: Bisher die Hände gebunden, jetzt unter Druck
Der städtische Wohnbauträger Wiener Wohnen hat sich bislang auf eine rechtlich enge Linie zurückgezogen. Solange keine dokumentierten Verstöße vorlagen, sah man sich nicht in der Lage, mietrechtliche Schritte einzuleiten. Die bloße Anzahl der Bewohner reichte dafür offenbar nicht aus.
Mit der nun vorliegenden Unterschriftenaktion könnte sich das ändern. Das Dokument, das den Beschwerden eine formale Grundlage gibt, könnte laut Angaben im Umfeld der Siedlung eine Prüfung durch Wiener Wohnen auslösen. Ob und welche mietrechtlichen Konsequenzen daraus folgen, ist derzeit noch ungeklärt.
Was der Brief an Bürgermeister Ludwig bisher bewirkte
Ein Nachbar hatte bereits vor der Unterschriftenaktion den direkten Weg gewählt und einen Brief an Bürgermeister Michael Ludwig geschrieben. Eine konkrete Reaktion blieb aus. Die Zuständigkeit liegt formal beim kommunalen Vermieter Wiener Wohnen, nicht beim Stadtoberhaupt persönlich — doch der Brief zeigt, wie verzweifelt die Anrainer nach Gehör suchen.
Die Lage in der Camillianergasse steht exemplarisch für eine Frage, die im Wiener Gemeindebau immer wieder auftaucht: Wo endet die Pflicht zur Toleranz unter Nachbarn, und wo beginnt die Verantwortung des Vermieters einzugreifen — besonders wenn 12 Personen auf 61 Quadratmetern leben?
Ob Wiener Wohnen die Unterschriftenaktion zum Anlass für ein formales Prüfverfahren nimmt, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden.
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