Am Donnerstagmorgen bargen Taucher der Berufsfeuerwehr Wien drei leblose Männer aus dem Marchfeldkanal bei Gerasdorf im Bezirk Korneuburg. Das traurige Ende einer tagelangen Suchaktion — die drei jungen Wiener waren seit Montag vermisst, nachdem ihr Stand-up-Paddle-Ausflug nicht wie geplant geendet hatte.
Die Hinweise verdichten sich, dass das Trio in den Bereich einer Wehranlage geraten ist und dort ertrank. Was genau an diesem Wasserbauwerk so gefährlich ist und warum die Stelle trotz Absperrung betreten wurde, erklärt nun der Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft Marchfeldkanal — mit einer Warnung, die über diesen Einzelfall hinausgeht.
Suchaktion mit 25 Einsatzkräften endet mit Tragödie
Nachdem das Trio am Montag nicht nach Wien zurückgekehrt war, starteten die Behörden eine großangelegte Suchaktion. Die Feuerwehr Gerasdorf rückte mit 25 Einsatzkräften aus, die Feuerwehr Großebersdorf unterstützte den Einsatz zusätzlich mit einer Drohne. Vier Tage nach dem Verschwinden der Männer war die Suche beendet — ohne jeden Überlebenden.
Die genauen Todesumstände werden derzeit von der Kriminalpolizei ermittelt. Erste Erkenntnisse deuten jedoch darauf hin, dass die Männer in die nahegelegene Wehranlage gerieten und dort von der Strömung erfasst wurden.
Was eine Wasserwalze so tödlich macht: Der „Überfall“ am Marchfeldkanal
Franz Steiner, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft Marchfeldkanal, schilderte im Gespräch, was an dieser Stelle konkret passiert: „Wir wissen noch nicht, ob die Männer wirklich bei der Wehranlage ertrunken sind. Es gibt dort aber einen sogenannten Überfall, einen Sprung von einem Meter, wo eine regelrechte Wasserwalze entsteht.“
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Diese Wasserwalze ist kein theoretisches Risiko. 5.000 Liter fließen pro Sekunde durch das System — eine Kraft, gegen die selbst erfahrene Schwimmer kaum ankämpfen können. Steiner wählt klare Worte: „Diese Walze in der Wehranlage ist lebensgefährlich, das ist wie ein Strudel, der einen einsaugt. Da kommt man kaum wieder heraus.“
Absperrung war vorhanden — und dennoch überwunden
Die Wehranlage ist mit einem Sperrseil und einem gut sichtbaren Warnschild abgesichert. Steiner betont, dass Unwissenheit als Erklärung kaum in Frage kommt: „Man müsste schon mutwillig an dem Schild vorbei, um zur Wehranlage zu geraten.“ Ob das Seil im konkreten Fall missachtet wurde, ist Teil der laufenden Ermittlungen.
Die Betriebsgesellschaft veröffentlichte nach dem Fund umgehend einen Warnbeitrag auf ihrer Website. Darin listet sie die Gefahren auf, die im Bereich von Wehranlagen entstehen können:
- Tückische Unterströmungen, die unsichtbar unter der Wasseroberfläche wirken
- Walzenbildung durch Gefällesprünge wie den rund 1 Meter hohen „Überfall“
- Unvorhersehbare Wasserbewegungen, die Boote, Kanus und Kajaks erfassen können
- Strömungsgeschwindigkeiten, die ein Herausschwimmen praktisch unmöglich machen
Letzter Todesfall vor 30 Jahren — bis jetzt
Steiner gibt an, dass es an der Wehranlage seit rund drei Jahrzehnten keinen tödlichen Vorfall mehr gegeben hatte: „Vor etwa 30 Jahren, kurz nach der Errichtung, gab es zuletzt einen Fall, wo jemand in der Wehranlage zu Tode gekommen ist. Seitdem kam es zu keinen Vorfällen.“ Der aktuelle Fall ist damit der erste schwere Unfall seit Bestehen der Anlage in neuerer Zeit.
Diese lange Ruhephase dürfte das Gefahrenbewusstsein in der Bevölkerung mitunter getrübt haben — ein Umstand, der nach Ansicht der Betriebsgesellschaft nun dringend korrigiert werden muss.
Regeln am Marchfeldkanal: Was erlaubt ist — und was nicht
Ganzjährig gilt im Marchfeldkanal ein striktes Badeverbot. Mit nicht motorisierten Wasserfahrzeugen wie Stand-up-Paddles oder Kajaks darf man laut Betriebsgesellschaft von Juni bis Dezember auf dem Kanal unterwegs sein — allerdings ausschließlich außerhalb der gesperrten Bereiche. Steiner appelliert eindringlich, Warnschilder ernst zu nehmen: „Es ist wichtig, dass Menschen auch bei diesen Temperaturen jetzt auf die Warnschilder achten. Ansonsten wird es schnell lebensgefährlich.“
Die Kombination aus sommerlicher Hitze, dem Reiz des kühlen Wassers und einer gewissen Vertrautheit mit dem Kanal kann offenbar dazu verleiten, Verbotszonen zu unterschätzen — mit im schlimmsten Fall irreversiblen Folgen.
Kripo ermittelt: Was als nächstes folgt
Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen zur genauen Todesursache aufgenommen. Ob strafrechtliche Konsequenzen folgen — etwa wegen des mutmaßlichen Missachtens der Absperrung — ist derzeit offen. Unklar ist auch, ob die Betriebsgesellschaft nach diesem Unglück zusätzliche Sicherungsmaßnahmen an der Wehranlage prüfen wird.
Ob der tragische Fund bei Gerasdorf eine breitere Diskussion über die Sicherheit an Freizeitgewässern in Niederösterreich auslöst, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.
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