Linz, Anfang September 2026. Die aktuellen AMS-Zahlen für Oberösterreich landen auf den Schreibtischen der Landespolitiker, und eine Zahl sticht sofort heraus: Von den insgesamt 39.324 beim AMS gemeldeten Arbeitslosen sind 19.810 Frauen — damit übersteigt die weibliche Arbeitslosigkeit in diesem Bundesland erstmals die männliche. Was lange als strukturelle Unmöglichkeit für einen Industriestandort wie Oberösterreich galt, ist im August 2026 Realität geworden.
Die Entwicklung kam nicht über Nacht. Monat für Monat beobachtete das Arbeitsmarktservice den Abstand schrumpfen, bis er im August schließlich kippte. Warum ausgerechnet jetzt, warum ausgerechnet hier — und welche Gruppe mit Abstand am härtesten trifft — das erklären die neuen Daten in aller Deutlichkeit.
Erstmals mehr Frauen arbeitslos: Was die August-Zahlen konkret zeigen
Der Anstieg bei Frauen verlief im Jahresvergleich deutlich steiler als bei Männern. Die Zahl der arbeitslosen Frauen stieg gegenüber August 2025 um 1.346 Personen, das entspricht einem Zuwachs von 7,3 Prozent. Bei den Männern betrug das Plus hingegen lediglich ein Prozent. Dieser Abstand macht die Verschiebung rechnerisch zwangsläufig — und politisch brisant.
„Die Frauenarbeitslosigkeit beobachten wir mittlerweile über Monate — mittlerweile haben wir tatsächlich mehr arbeitslose Frauen als Männer in Oberösterreich, das ist eigentlich untypisch für unseren Wirtschaftsstandort“, sagte Iris Schmidt, AMS-Landesgeschäftsführerin Oberösterreich, im ORF. Es ist eine ungewöhnlich direkte Einschätzung aus einer Behörde, die sonst eher in Quartalsberichten spricht.
Ältere Frauen ab 60: Eine Arbeitslosenquote von 34 Prozent
Wer in Oberösterreich weiblich und zwischen 60 und knapp unter 65 Jahre alt ist, steht vor einer besonders hohen Mauer am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe liegt laut AMS bei 34 Prozent — mit Abstand der höchste Wert aller erfassten Gruppen.
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„Hier haben wir eine Arbeitslosigkeit von 34 Prozent — das ist mit Abstand der höchste Wert. Und besonders diese Frauen haben es schwer, noch in den Arbeitsmarkt zu kommen“, erklärte Schmidt im ORF. Viele dieser Frauen haben jahrzehntelange Berufsbiografien im Handel — einem Sektor, der seit Jahren unter massivem Druck steht.
Der Strukturwandel im Handel trifft Frauen überproportional hart
Ein wesentlicher Treiber der Entwicklung liegt im stationären Handel. Textil-, Elektro- und Möbelgeschäfte verlieren Marktanteile an den Online-Handel — und mit ihnen verschwinden genau jene Arbeitsplätze, die überproportional von Frauen besetzt werden.
„Und genau in diesem Bereich sind auch viele Frauen beschäftigt. Schließen nun die Geschäfte, so wird es für sie umso schwieriger, in einem anderen Bereich des Handels einen Job zu bekommen“, so Schmidt. Der Strukturwandel im Einzelhandel ist kein neues Phänomen — aber seine sozialen Konsequenzen treten in diesen Zahlen nun klar sichtbar zutage.
Langzeitarbeitslosigkeit steigt um 17,3 Prozent — und 20.765 Stellen bleiben offen
Parallel zur Frauenarbeitslosigkeit gibt es eine zweite Entwicklung, die Arbeitsmarktexperten beunruhigt. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Oberösterreich stieg im Jahresvergleich um 17,3 Prozent auf nunmehr 11.560 Personen. Ein Wert, der zeigt, dass die Rückkehr in Beschäftigung für einen wachsenden Teil der Betroffenen nicht in Wochen, sondern in Monaten oder Jahren gemessen wird.
Dabei fehlt es laut AMS nicht an Stellen. Gleichzeitig waren im August 20.765 offene Jobs beim AMS gemeldet — ein Plus von ebenfalls 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Chancen bestehen laut Schmidt besonders für Menschen mit niedriger formaler Qualifikation oder technischen Abschlüssen. Das Paradox eines gleichzeitig wachsenden Angebots und wachsender Langzeitarbeitslosigkeit verweist auf ein strukturelles Mismatch, nicht auf fehlende Nachfrage.
- Gesamtzahl Arbeitslose Oberösterreich August 2026: 39.324 Personen
- Davon Frauen: 19.810 (erstmals mehr als Männer)
- Anstieg weibliche Arbeitslosigkeit zum Vorjahr: +7,3 Prozent
- Anstieg männliche Arbeitslosigkeit zum Vorjahr: +1 Prozent
- Arbeitslosenquote Frauen 60–65 Jahre: 34 Prozent
- Langzeitarbeitslose: 11.560 (+17,3 Prozent)
- Offene Stellen: 20.765 (+7,3 Prozent)
- Arbeitslosenquote gesamt Oberösterreich: 5,3 Prozent
Oberösterreich bleibt im Bundesländervergleich auf Platz drei — die Politik reagiert trotzdem
Trotz der markanten Verschiebung gehört Oberösterreich mit einer Gesamtarbeitslosenquote von 5,3 Prozent noch zu den besser aufgestellten Bundesländern. Im österreichweiten Vergleich belegt das Land den dritten Platz hinter Tirol und Salzburg. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) sieht trotz der wirtschaftlichen Lage weiterhin „starke Substanz“ in Oberösterreich, fügt aber hinzu: „Darauf dürfen wir uns aber nicht ausruhen.“
SPÖ-Arbeitsmarktsprecher Hans Karl Schaller fordert konkrete Maßnahmen: „Wenn Frauen erstmals die Mehrheit unter den Arbeitslosen stellen, darf die schwarz-blaue Landesregierung nicht länger zusehen.“ Auch die Grünen verlangen Initiativen für arbeitssuchende Frauen und Langzeitarbeitslose. Grünen-Arbeitsmarktsprecherin Brigitte Huber-Reiter warnt dabei ausdrücklich vor den Folgen für ältere Arbeitslose — jene Gruppe, für die ein Wiedereinstieg statistisch am unwahrscheinlichsten ist.
Was nun folgt: AMS-Maßnahmen und offene politische Fragen
Das AMS Oberösterreich hat die Entwicklung nach eigenen Angaben bereits seit mehreren Monaten im Blick. Konkrete Förder- und Qualifizierungsmaßnahmen, die speziell auf ältere Frauen und Handelsberufe ausgerichtet sind, wurden bislang noch nicht öffentlich angekündigt. Die politischen Forderungen aus SPÖ und Grünen liegen auf dem Tisch — eine Antwort der Landesregierung steht aus.
Ob die August-Zahlen eine Trendwende einleiten oder das neue Normalmaß des oberösterreichischen Arbeitsmarkts darstellen, wird sich spätestens mit den September-Daten zeigen, die das AMS voraussichtlich Anfang Oktober 2026 veröffentlicht.
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