Der Kuss sitzt tief im kollektiven Gedächtnis der Filmwelt: Denzel Washington beugt sich in einer Szene von „Gladiator II“ zu einem Mann hinab, berührt dessen Lippen — und tötet ihn kurz darauf. Keine Liebesgeschichte, kein Statement. Einen solchen Kuss kannte das antike Rom als Todeszeichen. Doch der Szene im Schnitt zu begegnen, war dem Studio offenbar dann doch zu viel. „Sie hatten Angst“, sagte Washington später gegenüber dem US-Magazin „Gayety“.
Seit der Kinostart von „Gladiator II“ im November 2024 schwelt eine Debatte, die weit über die Frage nach Historientreue hinausgeht: Ist Hauptdarsteller Paul Mescal „männlich“ genug für die Arena? Und steckt Regisseur Ridley Scott wirklich dahinter — oder hat das Gerüchtefeuer längst ein Eigenleben entwickelt?
Der Vorwurf: Mescal soll für Scott nicht „männlich“ genug gewesen sein
Das Branchenportal „Puck“ hatte berichtet, Scott habe Mescal die enttäuschende Leistung in „Gladiator II“ persönlich angelastet und ihm fehlende Männlichkeit vorgeworfen. Der Vergleich mit Russell Crowe, der im Jahr 2000 als Maximus Decimus Meridius zur Ikone wurde, begleitete Mescal von Anfang an wie ein Schatten. Dass der irische Schauspieler schmaler gebaut ist, ruhiger wirkt und vor der Arena-Rolle queere Figuren gespielt hat, befeuerte die Diskussion zusätzlich.
Dann verdichteten sich die Berichte: Scott soll Mescal für sein nächstes Projekt „The Dog Stars“ in letzter Minute durch Jacob Elordi ersetzt haben — angeblich aus demselben Grund, fehlender Maskulinität. Die Geschichte verbreitete sich rasch und wurde in zahlreichen englischsprachigen Medien aufgegriffen.
Scotts Sprecher widerspricht: Was wirklich hinter dem Casting-Wechsel steckt
Gegenüber dem US-Magazin „Entertainment Weekly“ meldete sich nun Ridley Scotts Sprecher zu Wort — und wies die Version klar zurück. „Nicht wahr“, heißt es in der Stellungnahme. „Ridley liebt Paul und hatte sich darauf gefreut, nach der großartigen Zusammenarbeit bei ‚Gladiator II‘ erneut mit ihm an ‚Dog Stars‘ zu arbeiten. Leider verhinderte Pauls Probenplan für einen anderen Film letztlich, dass er Ridleys Film drehen konnte.“
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Der Grund ist denkbar profan: Mescal ist bereits für Sam Mendes‘ vierteilige Beatles-Filmreihe als Paul McCartney besetzt. Die Proben für dieses Großprojekt kollidierten schlicht mit dem Drehplan von „The Dog Stars“. Jacob Elordi rückte nach. Von einem Männlichkeitsurteil, so der Sprecher, keine Spur.
Warum die Debatte trotzdem nicht verstummt
Das Gerücht traf auf fruchtbaren Boden, weil es eine bereits laufende Kulturkontroverse aufgriff. Mescals Sexualität wurde online immer wieder thematisiert — obwohl er sich selbst als heterosexuell bezeichnet und seit Längerem mit der US-Popsängerin Gracie Abrams liiert ist. Ausgangspunkt war seine Filmbiografie: Mescal hatte zuvor mehrfach queere Charaktere gespielt, was Teilen des Publikums bei einem Gladiatoren-Epos verdächtig vorkam.
Gleichzeitig kursierte im Netz die Befürchtung, „Gladiator II“ werde eine „woke“ Neuinterpretation der Antike. Was Denzel Washingtons Kussszene betrifft, lief die tatsächliche Anpassung in die entgegengesetzte Richtung: Die Szene wurde aus dem Endschnitt herausgenommen, nicht hineinreklamiert. „Ich habe einen Mann auf die Lippen geküsst, und ich glaube, sie waren noch nicht bereit dafür“, sagte Washington.
Was an Washingtons herausgeschnittener Szene historisch korrekt gewesen wäre
Washingtons Beschreibung macht deutlich, wie die Szene gemeint war: „Ich habe ihn etwa fünf Minuten später getötet. Das ist Gladiator. Es ist der Kuss des Todes.“ Solche Gesten waren im antiken Rom nicht sexuell konnotiert, sondern Zeichen von Macht, Überlegenheit oder symbolischer Einverleibung des Feindes. Filmhistorisch hätte die Szene also auf ein reales kulturelles Muster zurückgegriffen — kein Anachronismus, sondern Authentizität.
Dass das Studio dennoch kürzte, zeigt, wie sensibel das Thema zwischen Produktion und Vermarktung verhandelt wurde. Der fertige Film versuchte, weder das eine noch das andere Lager vollständig zu bedienen — und erntete dafür Kritik von mehreren Seiten.
Mescal gegen Crowe: Ein Vergleich, den niemand gewinnen kann
Der Generationenvergleich zwischen Mescal und Crowe ist in gewisser Hinsicht unausweichlich, aber unfair. Crowe spielte 2000 einen gebrochenen General, der nichts mehr zu verlieren hat — eine Rolle mit einer anderen emotionalen Architektur als Mescals Lucius, der als junger Mann erst in die Arena geworfen wird. Die Figuren sind verschieden konzipiert. Dennoch wird Mescal an einem Körperbild gemessen, das in diesem Kontext gar nicht für ihn vorgesehen war.
Die Debatte wirft eine breitere Frage auf, die weit über einen einzelnen Blockbuster hinausgeht: Welches Männerbild erwarten Kinogänger heute von Antiken-Epen — und wessen Erwartungen zählen eigentlich bei der Besetzung?
Ob Ridley Scotts „The Dog Stars“ mit Jacob Elordi in der Hauptrolle die Gemüter ebenfalls erhitzen wird, bleibt vorerst offen.
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