Politik

Gastro-Kennzeichnung ÖVP: Wie Marchettis Plan Fleisch, Milch und Eier im Wirtshaus sichtbar macht

Gastro-Kennzeichnung ÖVP: Wie Marchettis Plan Fleisch, Milch und Eier im Wirtshaus sichtbar macht

Wer in einem Wiener Wirtshaus ein Schnitzel bestellt, weiß heute in den meisten Fällen nicht, ob das Schweinefleisch aus dem Waldviertel stammt oder aus einem Mastbetrieb irgendwo in Osteuropa. Die Speisekarte schweigt. Der Kellner zuckt mit den Schultern. Und der Gast zahlt — ohne eine einzige gesicherte Information über die Herkunft seines Essens.

Artikel teilen

XRedditLinkedIn

Genau das soll sich nach dem Willen der ÖVP grundlegend ändern. Generalsekretär Nico Marchetti hat am 26. Juni 2026 einen konkreten Vorstoß angekündigt: eine einheitliche, schrittweise einzuführende Herkunftskennzeichnung für Fleisch, Milch und Eier in der Gastronomie. Doch wie weit geht der Plan — und wer soll ihn umsetzen?

Was die ÖVP konkret fordert: Das „AT, EU oder Non-EU“-Modell

Das Kernstück des Vorhabens ist denkbar schlicht gehalten. Nach den Vorstellungen des Bauernbundes soll künftig auf jeder Speisekarte oder einem Aushang ersichtlich sein, ob Fleisch, Milch oder Eier aus Österreich (AT), aus einem anderen EU-Staat oder aus einem Drittland stammen. Drei Kategorien, klar und ohne bürokratischen Aufwand.

Marchetti betonte, dass die österreichische Land- und Lebensmittelwirtschaft mit ihrer flächendeckenden Struktur das Rückgrat der Versorgungssicherheit sei und einen Garanten für Qualität, Tierwohl und Nachhaltigkeit darstelle. Gleichzeitig verlangten immer mehr Konsumenten Klarheit darüber, woher ihr Essen kommt. „Die Volkspartei setzt den nächsten Schritt zu mehr Transparenz bei Lebensmitteln“, sagte Nico Marchetti, ÖVP-Generalsekretär, am 26. Juni 2026.

Bauernbund-Präsident Strasser: „Es beginnt eine neue Zeit“

Hinter dem Vorstoß steht auch der Österreichische Bauernbund, dessen Präsident Georg Strasser den Schritt als historischen Einschnitt wertet. „Unter Einbindung aller relevanten Interessenvertretungen entlang der Wertschöpfungskette soll ein System entstehen, das Akzeptanz findet und tatsächlich in der Breite wirkt“, erklärte Georg Strasser, Präsident des Österreichischen Bauernbundes.

Neueste Beiträge

Mehr zum Lesen

Neues aus der Redaktion
01Grazer Haushaltssperre: Warum 65 Millionen Euro Graz jetzt zur Notbremse zwingen02Rodionov bei US Open 2026: Wie ein Vier-Satz-Kampf gegen Mensik Österreichs letzten Mann stoppte03Salko Hamzic, WSG Tirol: Wie Bosnien dem ÖFB einen 19-jährigen Keeper entreißen will

Strasser ließ keinen Zweifel an der Stoßrichtung: „Es beginnt eine neue Zeit für die Transparenz von Lebensmitteln in der Gastronomie. Wer im Wirtshaus bestellt, soll wissen, woher Fleisch, Milch und Eier auf dem Teller stammen.“ Die Forderung ist nicht neu — sie scheiterte bisher vor allem an der Frage, wie eine solche Regelung in der Praxis umsetzbar wäre, ohne Wirte mit Dokumentationspflichten zu überlasten.

Gastronomie, Handel und Landwirtschaft sollen gemeinsam ran

Die ÖVP setzt ausdrücklich nicht auf eine Lösung, die von oben herab verordnet wird. Stattdessen soll ein breiter Runder Tisch das Modell erarbeiten — mit Vertretern aus folgenden Bereichen:

  • Gastronomie und Hotellerie
  • Landwirtschaft und Bauernbund
  • Lebensmittelhandel und Gastro-Großhandel
  • Lebensmittelverarbeiter
  • Gemeinschaftsverpflegung (Kantinen, Mensen, Spitäler)

Als erster Schritt soll dabei auf freiwillige Initiativen gesetzt werden, darunter das bestehende Programm „Gut zu wissen“, das Wirten bereits heute ermöglicht, regionale Herkunft freiwillig auszuloben. Erst danach soll daraus laut Bauernbund schrittweise eine flächendeckende, verbindliche Regelung entstehen.

Wirtschaftsbund: „Unsere Wirte leben Regionalität jeden Tag“

Rückendeckung kommt auch vom Österreichischen Wirtschaftsbund. Generalsekretärin Tanja Graf unterstrich, dass viele Gastronomiebetriebe die Forderung nach Transparenz ohnehin schon leben. „Unsere Wirte kaufen heimische Produkte ein, bereiten sie mit großer Leidenschaft zu und schaffen damit Wertschöpfung in den Regionen“, sagte Tanja Graf, Generalsekretärin des Österreichischen Wirtschaftsbundes.

Graf deutet damit an, dass ein verbindliches System für jene Betriebe, die bereits auf Regionalität setzen, keine zusätzliche Last wäre — wohl aber für jene, die günstigere Importware ohne Kennzeichnung verarbeiten. Genau dort liegt der politische Konfliktpunkt, der den „Schnitzel-Streit“ seit Jahren anheizt.

Warum der Druck jetzt steigt — und was noch offen ist

Der Zeitpunkt des Vorstoßes ist kein Zufall. Zuletzt hatte der Bauernbund im Mai 2026 Alarm geschlagen, nachdem 75.000 als illegal eingestufte Eier aus der Ukraine im Handel aufgetaucht waren. Gleichzeitig diskutiert die EU seit Wochen über die Lockerung von Gentechnik-Kennzeichnungspflichten im Supermarkt — ein Klima, in dem Verbraucherschutz und Herkunftsfragen besonders sensibel liegen.

Offen bleibt, wie rasch aus dem angekündigten Stakeholder-Prozess eine verbindliche Regelung werden kann und ob die Gastronomiebranche — die unter einer seit Monaten anhaltenden Pleitewelle leidet — die zusätzliche Dokumentationsarbeit tatsächlich schultern wird.

Ob das „AT, EU oder Non-EU“-Modell am Ende als freiwillige Selbstverpflichtung bleibt oder in eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht mündet, wird der Verhandlungsprozess der kommenden Monate zeigen.

Artikel teilen

3 Min. Lesezeit

XRedditLinkedIn

Ihre Meinung hilft uns

War dieser Artikel lesenswert?

Das Gespräch geht weiter

Kommentare

Mitdiskutieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Mitdiskutieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll to Top