Sonntagmittag, Wiener Rathaus. Die Landesvorsitzenden der SPÖ treffen einander hinter verschlossenen Türen, um eine Frage zu klären, die eigentlich längst beantwortet schien: Wie lange darf ein Parteichef, der in der Sonntagsfrage auf nur noch 15 Prozent abgestürzt ist, weitermachen? Acht der neun Länderchefs hatten die Antwort parat. Nur Oberösterreichs Vorsitzender Winkler wollte Babler nicht sofort fallen lassen.
Was folgte, war kein geordneter Rücktritt, sondern ein stundenlanger Nervenkrieg im Steigenberger Hotel in der Herrengasse — und am Ende ein Kompromiss, der die Partei tiefer ins Chaos führt, als es ein sofortiger Bruch je gekonnt hätte.
Der Krisengipfel in der Herrengasse: vier Stunden Zittern
Zum Treffen im Steigenberger Hotel marschierten nicht nur die Länderchefs, sondern auch SPÖ-Frauenchefin Eva-Maria Holzleitner und ÖGB-Chef Wolfgang Katzian. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig hatte den Ton bereits im Vorfeld gesetzt: Es gebe den „Wunsch nach Veränderung“. Eine Formulierung, die in der Sozialdemokratie traditionell als Abrechnung gilt.
Die Sitzung dauerte mehr als vier Stunden. Babler wollte bis zu einem Parteitag im Frühjahr 2027 im Amt bleiben — eine Position, die er gegenüber einer überwältigenden Mehrheit seiner eigenen Parteikollegen vertrat. Weißer Rauch kam erst tief am Abend.
Das Ergebnis: Babler bekommt zwei Aufpasser
Der ausgehandelte Kompromiss klingt kurios: Andreas Babler bleibt bis zum Jahreswechsel Parteichef und Vizekanzler. Zur Seite gestellt werden ihm Klubobmann Philip Kucher und Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner als geschäftsführende Obleute. Dieses Duo soll Anfang 2027 die Führung vollständig übernehmen und den nächsten Parteitag organisieren.
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Das Vizekanzleramt soll dann an Finanzminister Markus Marterbauer übergehen — allerdings abhängig von dessen Genesungsfortschritt. Ob Marterbauer auch den Parteivorsitz übernimmt, war laut Informationen von Sonntagabend völlig offen.
Babler klammert sich ans Ministergehalt: 19.000 Euro im Monat
Den Ministerposten will Babler behalten. In der Partei macht man keinen Hehl daraus, was dabei eine Rolle spielt: Das monatliche Gehalt eines Bundesministers beträgt rund 19.000 Euro. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim sprach in der ZiB2 dennoch von einem „sehr sehr guten Tag“ und betonte, die Partei habe „an einem Strang gezogen“.
„Es gibt eine geregelte Übergabe, die wir lange nicht hatten“, sagte Seltenheim. „Damit bringen wir Ordnung in die Partei.“ Am Donnerstag soll der Beschluss im Bundesparteigremium offiziell fixiert werden.
Absage an Zeiler — und Forderung nach Neuwahlen
Medienmanager Gerhard Zeiler, der zuletzt mit seiner Bereitschaft kokettiert hatte, die SPÖ zu übernehmen „wenn die Partei mich will“, bekam von Seltenheim eine klare Antwort: „Niemand ist der Meinung, dass er die Partei übernehmen soll. Ich denke, dass das Kapitel damit beendet ist.“
Von außen kam der Angriff prompt. FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz forderte noch am Sonntagabend Neuwahlen. „Eine Partei, die derart mit ihren eigenen Eitelkeiten und Grabenkämpfen beschäftigt ist, hat in einer Bundesregierung momentan absolut nichts verloren. In ihrer aktuellen Verfassung ist die SPÖ schlichtweg nicht regierungsfähig“, sagte Schnedlitz.
Bundeskanzler Stocker mahnt zur Stabilität
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) meldete sich noch am Abend des 4. Oktober 2026 zu Wort. Sein Ton war unmissverständlich: „Als Bundeskanzler ist es meine Aufgabe, für Stabilität zu sorgen. Parteiinterne Diskussionen dürfen die Regierungsarbeit nicht beeinträchtigen.“ Stocker verwies auf ein volles Arbeitsprogramm — von der Sozialhilfe-Reform über das Verbot des Politischen Islam bis zum Zukunftsdepot.
Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil hatte die Sitzung bereits vor Bablers Statement verlassen, ohne sich öffentlich zu äußern. Seine Abwesenheit beim Abschluss-Auftritt sprach für sich.
Was nun offen bleibt: Parteitag, Nachfolge und ein fragiles Konstrukt
Das beschlossene Übergangsmodell wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Wer führt die Partei faktisch, wenn Babler formal noch Vorsitzender ist, aber Kucher und Holzleitner die Geschäfte leiten? Was geschieht, wenn Marterbauers Genesung länger dauert als erwartet? Und wann genau findet der Parteitag statt, auf dem die Nachfolge offiziell geregelt wird?
- Babler bleibt bis Jahresende 2026 formal Parteichef und Vizekanzler
- Kucher und Holzleitner übernehmen ab sofort die geschäftsführende Parteiführung
- Marterbauer soll Anfang 2027 das Vizekanzleramt übernehmen
- Der Parteitag zur offiziellen Neuaufstellung ist für Frühjahr 2027 geplant
- Ob Marterbauer auch Parteichef wird, ist noch ungeklärt
- Die FPÖ fordert Neuwahlen, Koalitionspartner ÖVP pocht auf Stabilität
Am Donnerstag tritt das Bundesparteigremium zusammen, um den Beschluss zu formalisieren — dann wird sich zeigen, ob das Konstrukt hält oder schon in den ersten Tagen Risse bekommt.
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