Es war ein stiller Wandel, der sich in den Paketverteilzentren von Wien bis Graz innerhalb weniger Wochen bemerkbar machte: Die Stapel chinesischer Flachpakete mit den charakteristischen Aufklebern von Shein, Temu und AliExpress wurden merklich kleiner. Zollbeamte an österreichischen Grenzkontrollpunkten registrierten den Rückgang in Echtzeit, kaum zwei Monate nachdem Brüssel die neuen Abgaben auf billige Kleinsendungen aus Drittstaaten in Kraft gesetzt hatte.
Die Zahlen, die nun vorliegen, sind deutlicher als viele erwartet hatten. Doch hinter dem Rückgang verbirgt sich eine subtile Gegenreaktion der Konsumenten — eine, die zeigt, wie flexibel das Kaufverhalten auf neue Kostenstrukturen reagiert, und die Frage aufwirft, ob der EU-Zoll langfristig so wirkt wie erhofft.
Bis zu 40 Prozent weniger Bestellungen bei Shein, Temu und AliExpress
Innerhalb von nur zwei Monaten nach Einführung der EU-Zölle auf billige Pakete aus China sanken die Importzahlen der drei großen Plattformen um 30 bis 40 Prozent. Dieser Rückgang betrifft den gesamten EU-Binnenmarkt, darunter auch österreichische Haushalte, die bislang zu den eifrigsten Nutzern des chinesischen Direktversands zählten.
Der Einbruch ist kein Zufall. Die neuen Zollregeln beseitigen die bisherige Freigrenze, unter der Kleinsendungen zollfrei in die EU gelangten — ein Schlupfloch, das Plattformen wie Temu seit Jahren systematisch genutzt hatten, um europäische Konkurrenten zu unterbieten.
Veränderte Warenkörbe: Wie Konsumenten die Abgabe zu umgehen versuchen
Gleichzeitig zeigt sich eine bemerkenswerte Verhaltensverschiebung. Bei Temu stiegen die durchschnittlichen Warenkörbe um 30 Prozent, bei AliExpress um 27 Prozent. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Wer weiterhin bestellt, tut es seltener, packt dafür aber deutlich mehr in eine einzige Bestellung — um den Fixkostenanteil der Zollabgabe auf mehr Artikel zu verteilen.
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Das Muster ist aus anderen Märkten bekannt, in denen Versandkosten oder Mindesteinkaufswerte eingeführt wurden. Ob dieses Verhalten dauerhaft anhält oder ob ein Teil der Kundschaft schlicht zu lokalen Alternativen wechselt, bleibt noch offen.
Weniger Pakete, weniger Müll: Der Klimaeffekt der neuen EU-Regelung
Ein Nebeneffekt, der in der wirtschaftspolitischen Debatte oft untergeht: Weniger Sendungen bedeuten weniger Verpackungsmüll und weniger Frachtflüge von China nach Europa. Durch das gesunkene Gesamtvolumen und die konsolidierten Warenkörbe verringert sich der Verpackungsabfall erheblich. Jedes nicht versendete Paket spart Kartonage, Plastikpolster und Kerosin auf der Strecke Schanghai–Wien.
Umweltorganisationen hatten die Zollreform seit Jahren gefordert, nicht zuletzt wegen der kaum regulierten Menge an Billigware, die oft nach kurzer Nutzung entsorgt wird. Der frühe Befund fällt positiver aus, als Skeptiker erwartet hatten.
Shein im Visier der EU-Kommission: Formelles Verfahren seit Februar
Der Zolldruck ist nicht das einzige regulatorische Problem, das auf die chinesischen Plattformen einwirkt. Bereits im Februar leitete die EU-Kommission ein formelles Verfahren gegen Shein ein. Im Zentrum stehen Vorwürfe rund um Produktsicherheit, fehlende Transparenz in der Lieferkette und mögliche Verstöße gegen das Gesetz über digitale Märkte.
Verbraucherschutzorganisationen in Österreich, darunter der Verein für Konsumenteninformation (VKI), weisen seit Längerem auf mangelhafte Produktqualität und intransparente Rückgabebedingungen bei Billigplattformen hin. Die Kombination aus Zollreform und Verfahren erhöht den Druck auf die Anbieter spürbar.
Was Temu, Shein und AliExpress jetzt konkret bedeuten — und was als Nächstes droht
Für österreichische Konsumenten ändert sich das Einkaufserlebnis bereits messbar: Lieferzeiten bleiben lang, die Preise für Einzelartikel steigen durch die eingerechneten Abgaben, und der Anreiz für Impulsbestellungen kleiner Beträge entfällt weitgehend. Wer heute auf Temu bestellt, rechnet anders als noch vor einem Jahr.
Die relevanten Entwicklungen im Überblick:
- Importe von Shein, Temu und AliExpress in die EU sanken um 30 bis 40 Prozent in zwei Monaten
- Durchschnittliche Bestellwerte bei Temu stiegen um 30 Prozent, bei AliExpress um 27 Prozent
- Formelles EU-Verfahren gegen Shein läuft seit Februar 2026
- Verpackungsmüll und Frachtvolumen gingen infolge des gesunkenen Sendungsaufkommens zurück
- Der VKI und europäische Verbraucherschützer fordern weitergehende Produktsicherheitskontrollen
Ob die EU-Kommission die laufenden Verfahren gegen Shein zu konkreten Sanktionen oder gar einem Plattformverbot eskaliert, entscheidet sich in den kommenden Monaten — und dürfte das Kräfteverhältnis zwischen chinesischen Direktversendern und europäischem Einzelhandel weiter verschieben.
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