Es war kurz vor Mitternacht Ortszeit in Vancouver, als Ruben Vargas anlief und den Ball in die Maschen schoss. 4:3 im Elfmeterschießen — und die Schweizer Nationalmannschaft lag sich in den Armen. Was zuvor über 120 Minuten im BC Place abgelaufen war, hatte Nerven blank gelegt: ein intensives, bisweilen hartes Duell gegen Kolumbien, das lange Zeit offen blieb und erst in der Verlängerung und dann am Punkt entschieden wurde.
Jetzt wartet Lionel Messi. Die Schweiz reist nach Kansas City zum WM-Viertelfinale gegen Titelverteidiger Argentinien — Anstoß ist am Sonntag um 3 Uhr österreichischer Zeit. Für die Eidgenossen ist es die erste Teilnahme an einem WM-Viertelfinale seit 1954, als das Turnier im eigenen Land ausgetragen wurde. Die Frage ist nun: Wie weit trägt dieses Kollektiv ohne seinen verletzten Jungstar noch?
Manzambi fehlt: Ein goldener Lego-Pokal und eine klaffende Lücke
Schon vor dem Anpfiff gab es eine schlechte Nachricht aus dem Schweizer Lager. Johan Manzambi, der 20-jährige Stürmer vom SC Freiburg und überragender Akteur der bisherigen Turnierwochen, fehlte wegen einer Knieprellung. Aus dem Mannschaftsbus stieg er dennoch — mit einem goldenen WM-Pokal aus Lego in den Händen, was das Publikum mit einem Schmunzeln quittierte.
Seine sportliche Abwesenheit war indes weniger vergnüglich. Ersetzt wurde er von Ardon Jashari von der AC Mailand, der die Erwartungen nicht erfüllte. Trainer Murat Yakin zog daraus zur Halbzeit die Konsequenz und nahm Jashari wieder heraus. Für die Unberechenbarkeit, die Manzambi dem Schweizer Spiel verliehen hatte, fand die Mannschaft schlicht keinen gleichwertigen Ersatz.
Der Elfer-Krimi in Vancouver: Wie Kobel die Schweiz rettete
Das Spiel verlief von Beginn an hart und intensiv. Beide Teams schreckten vor keinem Zweikampf zurück, Spielfluss kam kaum zustande. Fabian Rieder (30. Minute) und Dan Ndoye (32.) kamen aus halblinker Position zu guten Abschlüssen, ohne jedoch zu treffen. Auch nach dem Seitenwechsel blieben klare Chancen rar: Djibril Sow, eingewechselt für Jashari, verfehlte das Tor knapp (47.), Rieders Freistoß in der 53. Minute ebenso.
In der Verlängerung hatte die Schweiz zweimal Glück. Jhon Lucumi traf in der 99. Minute die Latte, Jaminton Campaz schoss in der 115. Minute knapp vorbei. Keeper Gregor Kobel war ohnehin der Mann des Abends — er hielt das Team über weite Strecken im Turnier und parierte im Elfmeterschießen entscheidend gegen Cucho Hernandez. Ruben Vargas verwandelte den letzten Schweizer Elfmeter zum 4:3-Sieg.
Zehntausende Kolumbianer im Stadion: Yakin blieb gelassen
Das Umfeld begünstigte die Schweizer kaum. Zehntausende kolumbianische Fans zogen am Vormittag (Ortszeit) auf einem Fanmarsch durch Vancouver, das BC Place war nahezu komplett in Gelb getaucht. Die Eidgenossen waren klar in der Unterzahl auf den Rängen. Trainer Yakin zeigte sich vor dem Anpfiff demonstrativ unbeeindruckt.
„Wir haben bei den bisherigen Partien gezeigt, dass wir damit umgehen können”, sagte Murat Yakin, Cheftrainer der Schweizer Nationalmannschaft. Man wolle Kolumbien „mit Fußball schlagen, nicht mit den Fans.” Dieser Plan ging — wenn auch denkbar knapp — auf.
Historische Dimension: Erstmals seit 1954 im Viertelfinale
Was die Schweiz mit diesem Einzug ins Viertelfinale erreicht hat, verdient eine einordnende Perspektive. Zuletzt schafften es die Eidgenossen 1954 unter die besten acht Nationen bei einer WM — damals allerdings im eigenen Land und ohne die Gruppenphase überstehen zu müssen. Die Turniere 1934 und 1938, bei denen die „Nati” ebenfalls die Runde der letzten acht erreicht hatte, begannen direkt mit dem Achtelfinale.
Für Kolumbien endet das Turnier dagegen mit Enttäuschung. Das Erreichen des Viertelfinals in Brasilien 2014 bleibt der größte WM-Erfolg für James Rodríguez und seine Generation. An diesen Meilenstein kamen die Südamerikaner diesmal nicht heran.
Viertelfinale in Kansas City: Was die Schweiz gegen Messi erwartet
Das nächste Gegner ist keine Geringere als Argentinien, amtierender Weltmeister und angeführt von Lionel Messi. Das Duell steigt am Sonntag in Kansas City, Anstoß um 3 Uhr österreichischer Zeit. Argentinien hat im bisherigen Turnierverlauf seine eigene Klasse mit einer bemerkenswerten Aufholjagd demonstriert und gilt als klarer Favorit auf den Titel.
- Schweiz — Kolumbien: 4:3 n.E. (0:0 n.V.) in Vancouver, 8. Juli 2026
- Entscheidender Schweizer Elfmeter: Ruben Vargas
- Gehaltener Elfmeter: Gregor Kobel gegen Cucho Hernandez
- Latte für Kolumbien: Jhon Lucumi (99. Minute)
- Viertelfinale: Schweiz vs. Argentinien, Kansas City, Sonntag, 3 Uhr (österr. Zeit)
Ob Manzambi bis zum Sonntag fit wird, war zunächst offen. Sein Einsatz gegen Argentinien könnte darüber entscheiden, wie weit die Schweizer Geschichte bei dieser WM noch reicht.



