Ein Video vom Großglockner kursiert seit Tagen in österreichischen Onlineforen und löst Unbehagen aus: Seilschaften, die sich dicht an dicht durch den Gipfelbereich schieben, kaum Platz zum Ausweichen, die Szenerie erinnert flüchtig an Aufnahmen vom Mount Everest. Auf 3.798 Metern Seehöhe, dem höchsten Punkt Österreichs, scheint es plötzlich sehr voll geworden zu sein.
Der Eindruck wurde noch durch einen handfesten Streit befeuert: Ein steirischer Bergführer und ein polnischer Bergsteiger gerieten aneinander, die Geschichte machte rasch die Runde, und schnell war von überfüllten Routen und denkbaren Zugangsbeschränkungen die Rede. Doch wer die Menschen fragt, die den Glockner seit Jahrzehnten kennen, bekommt ein überraschend anderes Bild.
Von echten Staus am Glockner keine Spur mehr
„Die wirklichen Staus, die es früher gegeben hat, gibt es heute fast überhaupt nicht mehr“, sagt Peter Tembler, Ortsstellenleiter der Bergrettung Kals, langjähriger Bergführer und ehemaliger Wirt der Erzherzog-Johann-Hütte, im Interview mit der Kleinen Zeitung. Das klingt zunächst paradox — aber die Erklärung ist nüchtern.
Bergsteiger verteilen sich heute zeitlich deutlich besser als früher. Wer früher ausschließlich am Wochenende aufgebrochen ist, plant die Gipfeltour inzwischen flexibler: manche starten vor der Morgendämmerung, andere nehmen den Gipfel erst nachmittags ins Visier, wieder andere wählen bewusst einen Dienstag oder Mittwoch. Dieser Effekt entzerrt den Andrang erheblich, auch wenn die Gesamtzahl der Besucher nicht gesunken ist.
Wie Hüttenwirt Toni Riepler den Ansturm steuert
Toni Riepler, Pächter der Erzherzog-Johann-Hütte — der höchstgelegenen Schutzhütte Österreichs, die unmittelbar unterhalb des Gipfelbereichs liegt — bestätigt diesen Trend. Mehr als 90 Prozent seiner Gäste reservieren ihren Schlafplatz vorab. Das gibt Riepler die Möglichkeit, früh zu reagieren: Zeichnet sich ein besonders gefragter Tag ab, empfiehlt er Bergsteigern mitunter, ihre Tour um einen oder zwei Tage zu verschieben.
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Viele folgen diesem Rat freiwillig. Denn erfahrene Alpinisten haben selbst kein Interesse daran, sich durch überfüllte Engstellen kämpfen zu müssen. Das System funktioniert also auch deshalb, weil das Publikum, das den Großglockner angeht, mehrheitlich weiß, worauf es sich einlässt.
Die eine Stelle, die tatsächlich zum Nadelöhr werden kann
Ganz ohne Wartezeit geht es nicht immer. Die entscheidende Engstelle ist die schmale Scharte zwischen Klein- und Großglockner. Dort können entgegenkommende Seilschaften nicht aneinander vorbei, ohne zu koordinieren. Riepler zufolge löst sich ein solcher Rückstau in der Regel innerhalb weniger Minuten auf. An Spitzentagen kann es aber auch länger dauern.
Entscheidend ist dabei weniger die Anzahl der Menschen als deren Verhalten. Erfahrene Alpinisten verständigen sich rasch, welche Seilschaft zuerst passiert. Wird jemand ungeduldig oder fühlt sich mit der Situation überfordert, kann aus einer kurzen Verzögerung ein ernstes Problem werden — und genau das ist auf über 3.700 Metern Höhe keine Kleinigkeit.
Das eigentliche Risiko: Selbstüberschätzung schlägt Überfüllung
Nikolaus Brandstätter von der Bergrettung Heiligenblut beobachtet im Sommer keinen massiven Anstieg der Besucherzahlen. Im Winter habe der Boom bei Skitouren den Andrang zwar erhöht — von einem unkontrollierbaren Massenphänomen könne aber auch dort keine Rede sein, so Brandstätter. Was ihn weitaus mehr besorgt, ist ein anderes Problem: Selbstüberschätzung.
Immer wieder geraten Bergsteiger körperlich an ihre Grenzen, brauchen deutlich länger als geplant und werden von der Dunkelheit überrascht. Wie rasch eine Glocknertour ernst werden kann, zeigt ein Einsatz von Anfang Juli 2026: Zwei tschechische Alpinisten mussten nach einem Wettersturz auf rund 3.700 Metern notbiwakieren. Wegen Wind und Schneefall war eine Hubschrauberbergung zunächst nicht möglich — Bergretter stiegen zu Fuß zu ihnen auf.
Der Berg verändert sich: Gletscher, Steinschlag und leichte Halbschuhe
Unabhängig von den Besucherzahlen wandeln sich die Verhältnisse am Glockner selbst. Gletscherpassagen werden anspruchsvoller, Steinschlag spielt eine zunehmende Rolle. Wer an einer Engstelle nicht warten möchte und versucht, eine langsamere Seilschaft seitlich zu umgehen, bewegt sich möglicherweise in ungeeignetes Gelände — und kann dabei Steine lostreten, die Bergsteiger weiter unten treffen.
Bei der Ausrüstung gehen die Einschätzungen der Experten leicht auseinander. Brandstätter erlebt Glockner-Besteiger überwiegend gut ausgerüstet — das Klischee vom Tourist in Sandalen betreffe eher einfachere Berge. Tembler hingegen hat in diesem Sommer auffallend viele Menschen mit leichten Halbschuhen am Glockner gesehen. Die Großglockner Hochalpenstraßen AG hält in ihren Hinweisen ausdrücklich fest, dass der Gipfel ausschließlich erfahrenen Bergsteigern mit entsprechender Ausrüstung vorbehalten ist. Folgende Faktoren entscheiden laut Bergrettern letztlich über Sicherheit oder Notlage:
- Kondition und alpine Erfahrung der gesamten Seilschaft
- Geeignetes Schuhwerk und Sicherungsausrüstung
- Kenntnisse zur Wetterbeurteilung auf über 3.000 Metern
- Frühzeitiger Startpunkt, um vor einem möglichen Wetterumschwung abzusteigen
- Bereitschaft, rechtzeitig umzukehren — auch ohne den Gipfel erreicht zu haben
Was bleibt: kein Overtourism, aber neue alpine Risiken
Das Fazit der Experten ist eindeutig: Von Overtourism am Großglockner kann nach aktuellem Stand keine Rede sein. Die Bilder aus dem viral gegangenen Video spiegeln Ausnahmemomente wider, keine Dauersituation. Die Kombination aus flexiblerer Zeitplanung der Bergsteiger und aktivem Besucherlenkung durch Hüttenwirte wie Riepler federt Spitzen wirkungsvoll ab.
Was die Fachleute stärker beschäftigt, ist eine strukturelle Verschiebung: Das alpine Können des durchschnittlichen Glockner-Besuchers hält nicht immer mit dem Wunsch nach dem höchsten Gipfel Österreichs Schritt. Ob und wie die zuständigen Stellen — darunter das Land Kärnten, das Land Tirol und der Österreichische Alpenverein — auf diese Entwicklung mit konkreten Maßnahmen reagieren, ist bislang offen.
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