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Spionage-Affäre Hanning: Warum selbst Ex-Geheimdienstchefs zu Verrätern werden

Spionage-Affäre Hanning: Warum selbst Ex-Geheimdienstchefs zu Verrätern werden

Es ist ein Mittwoch im Oktober 2026, als deutsche Ermittler einen 80-Jährigen in Untersuchungshaft nehmen — einen Mann, der einst an der Spitze des Bundesnachrichtendienstes stand. August Hanning, früherer BND-Präsident, soll nach dem Ende seiner Amtszeit unberechtigt Zugang zu mehr als 2.000 geheimen Unterlagen erhalten und Informationen daraus gegen Bezahlung weitergegeben haben.

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Der Fall erschüttert das Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden. Doch er wirft auch eine Frage auf, die weit über Berlin hinausreicht: Wie kann es sein, dass ausgerechnet jemand, der jahrelang für den Schutz von Staatsgeheimnissen verantwortlich war, selbst zum Verräter wird — und was bedeutet das für Österreich?

Hanning und die 2.000 geheimen Dokumente: Was bisher bekannt ist

Laut bisherigen Ermittlungsstand soll Hanning den Zugang zu den vertraulichen Unterlagen über seinen früheren Büroleiter organisiert haben. Dieser blieb noch bis zum Frühjahr 2026 beim BND beschäftigt und soll gegen Bezahlung geheime Dokumente geliefert haben. Mittlerweile sitzt auch er in Untersuchungshaft. Ob er selbst in finanziellen Schwierigkeiten steckte, ist nicht bekannt.

Die Vorwürfe gegen Hanning sind bislang nicht gerichtlich geklärt. Deutschen Medienberichten zufolge soll der ehemalige Geheimdienstchef hohe Schulden gehabt haben — seine Pension sei sogar gepfändet worden.

Geld, Ego, Adrenalin: Die drei Triebkräfte hinter dem Verrat

Für Walter Unger, früherer Cyber-Sicherheitschef im Abwehramt des österreichischen Bundesheeres, liegen die Motive im Wandel der Zeit. „Meistens geht es heutzutage um Geld, um das Ego und um Beziehungen. Zu Zeiten des Kalten Krieges war das schon noch anders — da stand oft die Ideologie, der Kampf für den Kommunismus, im Vordergrund“, schildert der Brigadier im Ruhestand gegenüber der „Presse“.

Der Nachrichtendienstexperte und Buchautor Thomas Riegler verweist auf einen weiteren Antrieb, der häufig unterschätzt wird. „Zu beobachten ist auch, dass die Personen oft eine regelrechte Sucht nach Aufregung und nach einem Adrenalinschub antreibt“, sagt Riegler ebenfalls gegenüber der „Presse“. Besonders ehemalige Geheimdienstmitarbeiter könnten versuchen, ihre frühere Bedeutung auch nach dem Ausscheiden aufrechtzuerhalten.

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„Auch das Ego ist wichtig — oft handelt es sich um ältere Geheimdienstmitarbeiter, die danach in der Sicherheitsbranche arbeiten und weiterhin eine Rolle spielen wollen. Sie sehen ihren Zugang und ihr Wissen als lukrative Einkommensquelle“, so Riegler.

„Alle findet man nie“: Wie Geheimdienste Verrat verhindern wollen

Sicherheitsüberprüfungen allein reichen nicht aus — das macht der Fall Hanning für Unger unmissverständlich klar. Kontrollen dürften nicht nur bei der Einstellung neuer Mitarbeiter stattfinden, sondern müssten die gesamte Laufbahn begleiten. Die Fragen dabei sind konkret:

  • Hat die Person Schulden, die sie nicht bedienen kann?
  • Ist sie Mitglied in Vereinen oder Netzwerken, die als verdächtig gelten?
  • Gibt es ungewöhnliche finanzielle Veränderungen im Lebensstandard?
  • Bestehen enge Kontakte zu ausländischen Staatsangehörigen aus Risikoländern?
  • Wurden Klassifizierungsregeln für Dokumente eingehalten?

„Das schreckt schon viele ab. Aber alle findet man nie“, sagt Unger. Ergänzend fordert er strenge Klassifizierungssysteme, verschlüsselte Dokumente und eine lückenlose Nachverfolgung, wer welche Unterlagen erhält und wann.

Zwei Methoden: So werben Geheimdienste Spione an

Wie ausländische Nachrichtendienste an vertrauliche Informationen gelangen, hängt laut Unger von ihrer jeweiligen Strategie ab. Er beschreibt zwei grundlegende Vorgehensweisen: „Erstens: Sie wissen schon, was sie wollen und wo etwas ist — in diesem Fall versuchen sie, in diesen Zirkel zu kommen. Zweitens: Sie suchen nach aufstrebendem Personal, das noch nicht so wichtig ist — etwa einem jungen Offizier — und bringen ihn dann allmählich dorthin, wo er eine Bedeutung hat.“

Beide Methoden setzen auf Geduld. Der Aufbau eines Informanten kann Jahre, manchmal Jahrzehnte dauern — was die Entdeckung entsprechend schwierig macht.

Österreich ist nicht gefeit: Von Hochenbichler bis Egisto Ott

Spionage innerhalb staatlicher Sicherheitsbehörden ist kein ausschließlich deutsches Problem. „Während des Kalten Krieges waren die Verwaltung und der Sicherheitsapparat sehr stark durchdrungen von Zuträgern westlicher und östlicher Geheimdienste“, erklärt Thomas Riegler. Zu den bekannten Fällen zählt der frühere hochrangige Staatspolizist Gustav Hochenbichler, der für den DDR-Geheimdienst Stasi spionierte.

2020 wurde ein Oberst des österreichischen Bundesheeres zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Er soll mindestens 25 Jahre lang Staats- und Militärgeheimnisse an den russischen Militärnachrichtendienst weitergegeben haben. Im Mai 2026 wurde der ehemalige Verfassungsschützer Egisto Ott wegen Spionage für Russland zu 49 Monaten Haft verurteilt — das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Erst im vergangenen Jahr wurde zudem ein mutmaßlicher Spion der Muslimbruderschaft innerhalb des österreichischen Staatsschutzes entdeckt; die Ermittlungen dazu dauern an.

BND unter Druck: Weitere Affären belasten das Image

Der Fall Hanning steht nicht allein. Erst kurz zuvor wurde bekannt, dass persönliche Daten des BND-Vizepräsidenten Dag Baehr — darunter seine private Mobiltelefonnummer — jahrelang öffentlich im Internet abrufbar waren. Laut Medienberichten wusste Baehr davon, verwendete das Gerät aber weiterhin. Bereits 2022 war ein BND-Mitarbeiter aufgeflogen, der geheime Informationen an einen russischen Nachrichtendienst verkauft haben soll; das Gerichtsverfahren gegen ihn läuft noch.

Riegler sieht darin ein strukturelles Problem. „Das zeigt schon, dass der BND noch nicht wirklich ein Geheimdienst ist. In angloamerikanischen Kreisen wurde ihm traditionell misstraut. Ausgerechnet von Hanning stammt der Ausspruch, dass der BND der ‚Vegetarier‘ unter den Diensten sei“, sagt der Experte. Solange weitere Affären bekannt werden, dürfte sich an dieser Wahrnehmung wenig ändern.

Ob der Prozess gegen Hanning noch in diesem Jahr beginnt, ist derzeit offen — ebenso, wie weit die Spur der weitergegebenen Dokumente tatsächlich reicht.

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