Er wünschte den wartenden Journalisten noch einen „schönen Nachmittag“ — dann verschwand Andreas Babler hinter den verschlossenen Türen im zweiten Stock des Wiener Hotels Steigenberger. Ob er am Abend noch SPÖ-Chef sein werde, ließ er unbeantwortet. Draußen warteten Kameraleute, Fotografen und Dutzende Schaulustige auf das Ergebnis eines Krisengipfels, der die Sozialdemokratie seit Tagen in Atem hält.
Am Sonntag, dem 4. Oktober 2026, fiel die Entscheidung: Babler bleibt formal bis Jahresende Parteivorsitzender, danach soll Finanzminister Markus Marterbauer die Führung der SPÖ übernehmen. Was wie ein geordneter Rückzug klingt, ist in Wahrheit das Ergebnis eines beispiellosen Drucks aus allen neun Bundesländern — und die Frage, ob die älteste Massenpartei Österreichs damit ihren freien Fall stoppen kann, bleibt vorerst offen.
Der Showdown im Steigenberger: Wie der Gipfel abgelaufen ist
Zunächst tagten die neun roten Länderchefs unter sich — im Wiener Rathaus, dem Amtssitz von Bürgermeister Michael Ludwig. Erst im Anschluss verlagerte sich die Runde ins Hotel Steigenberger, wo Babler gemeinsam mit Gewerkschaftschef Wolfgang Katzian (ÖGB), Regierungskoordinatorin Michaela Schmidt und Frauenvorsitzender Eva-Maria Holzleitner an einem Tisch saß.
Dass Katzian überhaupt erschien, galt intern als Signal. Dass Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil persönlich anreiste, war für Beobachter das deutlichste Zeichen, dass diesmal echte Entscheidungen fallen würden. Laut Informationen von „Heute“ drehten sich die Gespräche hinter verschlossenen Türen intensivst um einen einzigen Punkt: den genauen Zeitpunkt von Bablers Abgang.
Wer beim Krisengipfel am Tisch saß — und wer fehlte
Die Runde vereinte die gesamte rote Machtarchitektur Österreichs. Als Erster traf Philip Wolgemuth aus Tirol im Wiener Rathaus ein. Ihm folgten Daniel Fellner aus Kärnten, Sven Hergovich aus Niederösterreich, Martin Winkler aus Oberösterreich, Max Lercher aus der Steiermark und Mario Leiter aus Vorarlberg. Fellner erklärte vor Beginn der Vorbesprechung, er freue sich, „dass alle an einen Tisch kommen und die unterschiedlichen Positionen ausgetauscht werden“.
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Eva-Maria Holzleitner, Frauen- und Wissenschaftsministerin sowie Vorsitzende der SPÖ-Frauen, war als einzige Frau in der ansonsten männlich dominierten Runde vertreten. Eine Übernahme der Parteiführung lehnte sie klar ab.
Historisches Tief: 15 Prozent und das schlechteste Wahlergebnis der Parteigeschichte
Der Druck auf Babler speist sich aus Zahlen, die in der SPÖ niemand gerne ausspricht. Laut der „Heute“-Sonntagsfrage, durchgeführt von Unique Research im Oktober 2026, kommt die SPÖ derzeit auf nur noch 15 Prozent — ein historisches Tief. Zum Vergleich: Bei der Nationalratswahl hatte Babler mit 21,1 Prozent bereits das bis dahin schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Partei eingefahren.
Wiens Bürgermeister Michael Ludwig brachte die Stimmung der Länderchefs vor der Sitzung auf den Punkt. „Es besteht der Wunsch nach Veränderung“, sagte Ludwig, Bürgermeister von Wien und mächtigster Sozialdemokrat des Landes. Eine Formulierung, die in der Sprache der SPÖ-Granden einem Rauswurf auf Raten gleichkommt.
Marterbauer als Nachfolger: Was der designierte SPÖ-Chef mitbringt
Finanzminister Markus Marterbauer gilt als Wunschlösung jenes Parteiflügels, der die SPÖ wieder als wirtschaftspolitisch glaubwürdige Kraft positionieren will. Als langjähriger Ökonom des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO bringt er akademisches Renommee mit — aber kaum Erfahrung im innerparteilichen Machtkampf.
Ob er tatsächlich in der Lage sein wird, die zerstrittenen Landesorganisationen hinter sich zu einen, ist die entscheidende Frage der kommenden Wochen. Die Übergangsphase bis Jahresende lässt wenig Zeit für Fehler.
Reformparteitag Anfang 2027: Was als Nächstes kommt
Nach Bablers geordnetem Abgang soll ein umfassender inhaltlicher und personeller Reformprozess eingeleitet werden. Die wichtigsten geplanten Schritte laut Informationen vom Gipfel:
- Babler bleibt bis 31. Dezember 2026 formell SPÖ-Bundesparteivorsitzender
- Finanzminister Markus Marterbauer übernimmt anschließend die Parteiführung
- Ein inhaltlicher und personeller Reformprozess wird unmittelbar nach dem Abgang eingeleitet
- Anfang 2027 ist ein ordentlicher Bundesparteitag geplant, bei dem die SPÖ Führung und Kurs neu aufstellt
- Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner schließt eine eigene Kandidatur auf die Parteispitze aus
Ob dieser Fahrplan hält, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Babler die Vereinbarung mitträgt oder ob interne Widerstände den Zeitplan noch verschieben.
Was von der Ära Babler bleibt — und was die SPÖ jetzt braucht
Andreas Babler hatte die SPÖ im Sommer 2023 in einem turbulenten Parteitag übernommen, bei dem zunächst sogar falsche Auszählungsergebnisse verkündet worden waren. Sein Versprechen: eine linke, kämpferische Sozialdemokratie, die wieder Hunderttausende mobilisiert. Das Ergebnis der Nationalratswahl — 21,1 Prozent — und die aktuelle Umfragezahl von 15 Prozent zeigen, dass dieses Versprechen nicht eingelöst werden konnte.
Wie nachhaltig der Neustart unter Marterbauer gelingt, wird die SPÖ erst beim Parteitag Anfang 2027 wissen — spätestens dann, wenn die Delegierten über einen Kurs abstimmen, den die Partei in dieser Form seit Jahrzehnten nicht mehr zur Debatte gestellt hat.
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