Es war Sonntagabend, 20. September 2026, als Wolfgang Katzian in der ORF-Pressestunde Klartext sprach — und das gleich zu mehreren politischen Dauerkonflikten auf einmal. Der Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) saß im Studio und ließ kaum ein heikles Thema aus: den klammen Insolvenz-Entgelt-Fonds, die hohen Spritpreise, die SPÖ-interne Führungsdebatte und das österreichische Pensionssystem.
Besonders bei den Pensionen wurde Katzian ungewohnt deutlich. Das Argument der demografischen Alterung, das Ökonomen und Experten regelmäßig ins Treffen führen, bezeichnete er als „Demographiekeule“ — und erklärte unverblümt, dass ihm das „schon lange am Hammer geht“. Was genau er damit fordert und wo er mit der Bundesregierung auf Kollisionskurs liegt, zeigt die Pressestunde in aller Breite.
Insolvenz-Entgelt-Fonds: 160 Millionen Euro fehlen für 2027
Der staatliche Insolvenz-Entgelt-Fonds (IEF) sichert Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab, wenn ihr Betrieb pleitegeht und offene Löhne sowie andere Ansprüche nicht mehr bezahlt werden können. Doch durch eine Welle großer Insolvenzen droht dem Fonds selbst das Geld auszugehen: Für das Jahr 2027 klafft eine Lücke von 160 Millionen Euro.
Gesetzlich verpflichtet, für eine ausreichende Dotierung zu sorgen, ist Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ). Sie kann per Verordnung die Arbeitgeberbeiträge — die in den vergangenen Jahren gesenkt worden waren — wieder anheben. Das hat Schumann bereits in Aussicht gestellt. Katzian sieht darin keine Option, sondern eine Pflicht: „Das steht so im Gesetz.“
ÖVP und Neos lehnen eine Beitragserhöhung ab, weil das die Lohnnebenkosten steigern würde, die die Regierung eigentlich senken will. Katzian lässt dieses Argument nicht gelten. „Eine Versicherung muss man bezahlen“, sagte der ÖGB-Präsident, der den IEF als klassische Absicherung der Arbeitgeber für den Pleitefall betrachtet.
Missbrauch des Fonds: „Die Gschnalzten sind die ehrlichen Unternehmen“
Katzian kritisierte dabei nicht nur die Finanzierungslücke, sondern auch systematischen Missbrauch des Fonds. Er verwies auf Betriebe, die Insolvenzen regelrecht als Geschäftsmodell betreiben: Der IEF übernimmt die offenen Forderungen der Beschäftigten, während dieselben Eigentümer unter neuem Namen wenig später wieder aufsperren.
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„Die Gschnalzten sind die ehrlichen Unternehmen“, brachte Katzian seine Verärgerung auf den Punkt — jene Betriebe also, die ihre Beiträge pflichtgemäß entrichten, während andere das System gezielt ausnutzen. Konkrete gesetzliche Gegenmaßnahmen gegen diesen Missbrauch nannte er in der Sendung allerdings nicht.
Spritpreise über 2,20 Euro: Katzian fordert Rückkehr der Margenbegrenzung
Auch bei den Treibstoffpreisen reichen dem ÖGB-Chef die bisherigen Schritte der Bundesregierung nicht aus. Angesichts von Dieselpreisen, die zuletzt über 2,20 Euro je Liter lagen, bewertet er die Senkung der Mineralölsteuer um lediglich 1,9 Cent je Liter im Rahmen der Spritpreisbremse als unzureichend.
„Wir wollen die Margenbegrenzung wieder haben“, forderte Katzian ein Comeback des staatlichen Eingriffs in die Gewinnmargen der Ölkonzerne. Ein solches Instrument war bereits früher diskutiert und zeitweise angewandt worden. Gleichzeitig mahnte er einen positiven Grundton ein: „Jeden Tag krank jammern bringt uns nicht weiter.“
Konjunkturpaket für die Bauwirtschaft: Thermische Sanierung vorgezogen
Um die stockende Konjunktur anzukurbeln, schlägt Katzian ein Konjunktur- und Beschäftigungspaket vor, das insbesondere die Bauwirtschaft stärken soll. Konkret nennt er zwei Maßnahmen, die vorgezogen werden könnten:
- Thermische Gebäudesanierungen, die ohnehin geplant sind, aber früher umgesetzt werden könnten
- Maßnahmen zur Kühlung von Gebäuden angesichts steigender Sommertemperaturen
Das Budget würde ein solches Paket laut Katzian nur „marginal“ belasten. Aus der Wirtschaft orte er bereits erste Signale, dass es leicht aufwärts gehe — ein Grund mehr, jetzt gezielt nachzuhelfen, statt abzuwarten.
„Demographiekeule“: Katzians Forderung nach Bonus-Malus-System für ältere Arbeitnehmer
Am schärfsten wurde Katzian beim Thema Pensionen. Die steigenden staatlichen Kosten für das Pensionssystem hält er grundsätzlich für bewältigbar. Das Argument der älter werdenden Gesellschaft, das Expertinnen und Experten gebetsmühlenartig vorbringen, lässt er hingegen nicht gelten: „Dass die Babyboomer-Generation jetzt in Pension geht, ist keine Überraschung.“
Über eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters brauche mit ihm „niemand reden“, solange so viele Menschen direkt aus der Arbeitslosigkeit in Pension wechseln würden. Stattdessen plädiert Katzian für ein Bonus-Malus-System: Betriebe, die zu wenige ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beschäftigen, „müssen was brennen“, formulierte er pointiert. Ein fertiges Modell für ein solches System werde der ÖGB in den kommenden Tagen präsentieren, kündigte er an.
Auch zur internen SPÖ-Krise äußerte sich Katzian knapp: Ein Austausch von Parteichef Andreas Babler würde „nichts ändern“ — eine Aussage, die innerhalb der Partei für weiteren Gesprächsstoff sorgen dürfte.
Was als nächstes kommt: Modellpräsentation und Entscheidung im Sozialministerium
Zwei konkrete Fristen zeichnen sich nach der Pressestunde ab. Zum einen wird der ÖGB sein ausgearbeitetes Bonus-Malus-Modell für ältere Beschäftigte in Kürze öffentlich vorlegen — ein Dokument, das die politische Debatte über das Pensionssystem neu befeuern könnte. Zum anderen liegt die Entscheidung über die Erhöhung der IEF-Beiträge bei Sozialministerin Schumann, die unter gesetzlichem Zugzwang steht.
Ob ÖVP und Neos einer Beitragserhöhung letztlich zustimmen oder ob Schumann den Verordnungsweg ohne Koalitionseinigkeit beschreitet, bleibt vorerst offen.
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