Wer an einem ruhigen Morgen durch Dessau-Roßlau spaziert und am Gropius-Gebäude vorbeigeht, ahnt kaum, welcher Gegenwind hinter dessen Fassade aufzieht. Barbara Steiner wohnt nur wenige Schritte von diesem Welterbe entfernt, schaut täglich auf einen der bedeutendsten Bauten des 20. Jahrhunderts — und sieht sich gleichzeitig einer handfesten politischen Kampagne ausgesetzt.
Die Niederösterreicherin leitet als Direktorin die Stiftung Bauhaus Dessau. Seit Monaten gerät sie ins Visier der AfD in Sachsen-Anhalt — nicht nur wegen ihrer Programmatik, sondern wegen ihrer Herkunft. Was das im Alltag bedeutet und wie weit der Angriff reicht, hat Steiner nun öffentlich geschildert.
Die AfD und das Bauhaus: Ein Feindbild im Kulturkampf
Für die AfD ist das Bauhaus offenbar mehr als ein Architekturdenkmal — es ist ein Symbol der Moderne, das die Partei ablehnt. Die Angriffe begannen im Landtag von Sachsen-Anhalt mit direkten Attacken auf die Stiftungsarbeit. „So ging das los“, schilderte Steiner im Gespräch mit der Krone.
Inzwischen habe sich die Rhetorik verändert. Man sage nicht mehr offen, man habe etwas gegen das Gebäude selbst. Stattdessen lautet der Vorwurf, das Bauhaus sei „kulturell zu dominant“ — eine Umformulierung, die denselben Kern verdeckt.
„Was will denn eine Österreicherin uns Deutschen sagen?“ — Herkunft als Angriffsfläche
Die Attacken beschränken sich nicht auf Sachfragen. Im Netz tauchen laut Steiner spöttische Kommentare auf, die ihre österreichische Staatsbürgerschaft zum Argument machen: „Was will denn eine Österreicherin uns Deutschen sagen?“ Körperlich angegriffen wurde sie nicht. Der digitale Druck ist dennoch spürbar.
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Steiner lässt sich nach eigenen Angaben davon nicht erschüttern. Sie suche den Dialog mit der Gegenseite — und mache zugleich klar, dass die Stiftung keine nostalgische Rekonstruktion betreibe. „Nichts läge uns ferner, als weiße Kästchen in die Landschaft zu bauen“, sagte Steiner. Themen der Stiftung seien heute nachhaltiges Bauen und Zirkulärwirtschaft.
Wie die Angriffe den Alltag in Dessau-Roßlau verändern
Die Folgen sind nicht auf Steiner persönlich begrenzt. Internationale Studierende sowie Menschen mit dunklerer Hautfarbe fühlen sich in der Region laut Steiner zunehmend unwohl. Aus dem Ausland sollen bereits Nachrichten eintreffen, wonach Touristen nicht mehr nach Sachsen-Anhalt reisen wollen.
Das trifft eine Region, die ohnehin mit strukturellen Herausforderungen kämpft. Sachsen-Anhalt zählt zu den Bundesländern mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang der vergangenen 30 Jahre — ein kulturelles Aushängeschild wie das Bauhaus-Welterbe hat da besonderes Gewicht.
Stiftungsrat, Vertrag bis 2031: Wie sicher ist Steiners Position?
Als öffentlich-rechtliche Einrichtung darf sich die Stiftung Bauhaus Dessau nicht parteipolitisch positionieren. Wenn jedoch die eigene Arbeit herabgewürdigt oder Grundrechtspositionen verletzt würden, sei Haltung unausweichlich, so Steiner. Das ist eine rechtlich wie politisch heikle Balance.
Sorgen um ihren Vertrag, der bis 2031 läuft, macht sich die Direktorin nach eigenen Angaben derzeit nicht. Der entscheidende Grund: Im Stiftungsrat der Stiftung Bauhaus Dessau hält die AfD keine absolute Mehrheit — eine Konstellation, die ihre formale Absicherung vorerst gewährleistet.
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Was auf dem Spiel steht
Der Konflikt fällt in eine Phase erhöhter politischer Spannung. In Sachsen-Anhalt steht die nächste Landtagswahl bevor, und kulturpolitische Symbolfragen gewinnen in solchen Phasen an Schärfe. Welche Mehrheitsverhältnisse sich danach im Stiftungsrat ergeben, ist offen.
- Die Stiftung Bauhaus Dessau ist eine öffentlich-rechtliche Einrichtung des Landes Sachsen-Anhalt
- Das Bauhaus-Gebäude in Dessau-Roßlau steht seit 1996 auf der UNESCO-Welterbeliste
- Barbara Steiner stammt aus Niederösterreich und leitet die Stiftung mit Vertrag bis 2031
- Der Stiftungsrat, der über die Direktorin entscheidet, hat keine AfD-Mehrheit
- Aktuelle Ausstellungen widmen sich nachhaltigen Materialien und alternativen Bauweisen
Steiner selbst betont, dass das Bauhaus keine Rückschau betreibe. Der politische Druck kommt trotzdem von allen Seiten — aus dem Landtag, aus dem Netz, aus veränderten Reiseentscheidungen internationaler Besucher.
Kulturinstitutionen unter Druck: Was der Fall Steiner über breitere Muster sagt
Der Fall steht nicht allein. Auch in anderen ostdeutschen Bundesländern gerieten leitende Persönlichkeiten öffentlicher Kultureinrichtungen in den vergangenen Jahren unter politischen Beschuss — besonders dann, wenn ihr Programm mit dem Wertekanon rechtsnationaler Parteien kollidierte.
Für Steiner selbst ist die Herkunftsfrage dabei besonders aufschlussreich: Die Frage, was eine Österreicherin „den Deutschen“ zu sagen habe, ignoriert, dass das Bauhaus 1919 in Weimar gegründet wurde und sein Erbe von Beginn an international war. Ob dieser Widerspruch im Landtagswahlkampf noch eine Rolle spielt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
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