Vier gescheiterte Verhandlungsrunden, ein einseitiger Abbruch durch die Wirtschaftskammer, Protestaktionen in Wien, Salzburg und Oberösterreich — und dann, nach einem langen Sommer voller Druck, doch noch eine Einigung. In den letzten Augusttagen haben sich die Gewerkschaft vida und die Wirtschaftskammer Österreich auf einen neuen Kollektivvertrag für die Hotellerie und Gastronomie geeinigt.
Rund 250.000 Beschäftigte in einer der beschäftigungsstärksten Branchen des Landes wissen nun, was ab dem 1. Oktober 2026 auf ihrem Lohnzettel steht — und warum der Weg zu diesem Ergebnis alles andere als selbstverständlich war.
3,02 Prozent Plus ab Oktober: Was der neue Kollektivvertrag konkret bringt
Der Abschluss sieht ab 1. Oktober 2026 Lohnerhöhungen von durchschnittlich 3,02 Prozent vor. Das klingt nach einer nüchternen Zahl, dahinter stecken aber deutlich unterschiedliche Steigerungen je nach Beschäftigungsgruppe.
- Lehrlinge: durchschnittlich +3,44 Prozent
- Lohngruppe 5 (größte Beschäftigtengruppe der Branche): +3,48 Prozent
- Für den Großteil der Beschäftigten: eine fixe Prämie sowie die Möglichkeit einer freiwilligen steuerfreien Prämie
Besonders die Lohngruppe 5 und die Lehrlinge profitieren überproportional — beide Gruppen stehen am unteren Ende der Einkommensskala der Branche.
vida-Verhandlungsführerin Eberhart: „Das Schlimmste verhindert”
Eva Eberhart, vida-Verhandlungsleiterin und Vorsitzende des vida-Fachbereichs Tourismus, gibt sich nicht triumphierend. „Das ist kein Triumph, und das behauptet auch niemand. Aber es ist der Beweis, dass sich Standhalten auszahlt”, sagt Eberhart. Die ursprünglichen Forderungen der Wirtschaftskammer hätten einen Abschluss weit unter der Teuerungsrate und ganz ohne Einmalzahlung bedeutet — genau das sei verhindert worden.
„Besonders wichtig ist uns, dass diese Nachbesserung gerade jenen zugutekommt, die für die Zukunft der Branche entscheidend sind: den Lehrlingen und den vielen Beschäftigten in der Lohngruppe 5, die am niedrigsten entlohnt sind”, so Eberhart weiter. Dass Beschäftigte und Gewerkschaft das Ultimatum der Arbeitgeberseite nicht akzeptiert hätten, habe letztlich mehr gebracht.
Wie Protestaktionen in Wien und Salzburg die Einigung erzwangen
Dass überhaupt noch einmal verhandelt wurde, ist dem gewerkschaftlichen Druck der vergangenen Wochen zu verdanken. Nachdem die Arbeitgeberseite die KV-Gespräche einseitig für beendet erklärt hatte, organisierte vida gemeinsam mit den Beschäftigten Aktionen in Wien, Salzburg und Oberösterreich. Der öffentliche Druck war groß genug, um die Wirtschaftskammer an den Verhandlungstisch zurückzuholen.
„Über den Fachkräftemangel wird im Tourismus viel gesprochen. Die wirksamste Fachkräftestrategie liegt aber auf der Hand: gute Löhne und Arbeitsplätze, an denen Menschen gerne bleiben”, sagte Eberhart mit Blick auf die strukturellen Probleme der Branche.
vida-Chef Hebenstreit: Rekordnächtigungen, aber sinkende Reallöhne
vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit rechnet schonungslos ab. „Rekordnächtigungen, Rekordumsätze, eine Saison, die alle Erwartungen sprengt — und gleichzeitig ein Angebot, das die Beschäftigten real noch ärmer gemacht hätte. Vom Erfolg hat im Tourismus immer nur einer was, und zwar leider nicht die Beschäftigten”, so Hebenstreit. Die öffentliche Kritik an der Branche sei dabei nicht übertrieben gewesen, sondern durch Zahlen belegt.
Hebenstreit fordert daher die Arbeitgeber auf, die freiwillige steuerfreie Prämie voll auszuschöpfen und allen Beschäftigten die Teuerung vollständig abzugelten — nicht nur jenen, die durch den neuen KV formal begünstigt werden. „Nicht einmal die Lehrlinge bekommen im Durchschnitt die Inflation abgegolten”, kritisiert er.
Zuzugsstopp statt Lohndumping: die politische Forderung hinter dem Abschluss
Der vida-Vorsitzende richtet seinen Blick auch auf die Bundesregierung. Dass Tourismusstaatssekretärin Zehetner zuletzt sogar in Griechenland Personal angeworben habe, während in Österreich der Inflationsausgleich verweigert worden sei, bezeichnet Hebenstreit als „völlig falsches Signal”. Wer über Rot-Weiß-Rot-Karten und Saisonkontingente laufend neue Arbeitskräfte in Branchen hole, die bestehende Beschäftigte nicht einmal inflationsgerecht bezahlten, subventioniere Lohndumping — und erhöhe lediglich den Druck auf die Löhne.
„Sinkende Reallöhne sind kein Zeichen von Knappheit, sie sind das ehrliche Abbild der tatsächlichen Verhältnisse am Arbeitsmarkt”, so Hebenstreit. Seine Forderung ist eindeutig: ein sofortiger Stopp des weiteren Zuzugs in diese Branchen, solange faire Löhne nicht gesichert seien. Ob die Regierung auf diese Forderung eingehen wird, ist derzeit offen — die Debatte über Saisonkontingente und Arbeitsmarktpolitik im Tourismus dürfte mit dem neuen KV jedenfalls nicht enden.



