Dienstagabend, kurz nach 21 Uhr. Im ORF-„Report“, präsentiert von Moderator Yilmaz Gülüm, sitzt Philip Kucher auf dem Stuhl, auf dem die SPÖ normalerweise Siege verkündet. Diesmal geht es um etwas anderes: um das offene Schicksal eines Parteichefs, der geht, aber noch nicht weg ist, und um die Frage, wie eine Partei regieren soll, deren Spitze gerade in drei Teile aufgeteilt wurde.
Andreas Babler zieht sich schrittweise zurück, eine Dreierspitze soll bis zur Klärung die Partei führen – Babler selbst, Eva-Maria Holzleitner und Philip Kucher als geschäftsführende Vorsitzende. Markus Marterbauer, derzeit in Genesung, könnte nach seiner Rückkehr als Vizekanzler einspringen und später die Partei übernehmen. Doch was passiert, wenn er es nicht kann – und wer entscheidet überhaupt, ob Babler Minister bleibt?
Kucher als Übergangsfigur: Was er übernimmt – und was nicht
Philip Kucher machte im ORF-„Report“ am 6. Oktober 2026 keinen Hehl daraus, dass er diese Rolle nicht auf Dauer will. „Ich sage es Ihnen ganz ehrlich, es gibt viele Dinge, die ich glaube ich kann, es gibt Dinge, die ich einfach nicht gut kann“, sagte Kucher in der Sendung. Als Klubobmann im Parlament mache er sich „ordentlich“, als Parteivorsitzender sei er „nicht der Richtige“.
Seine Aufgabe sei es, „miteinander zu reden, Gespräche zu führen und alles dafür zu tun, dass diese personelle Erneuerung der Sozialdemokratie im Frühjahr auch mit dem Parteitag erfolgen kann“. Ein klar abgesteckter Zeithorizont also – aber mit einer entscheidenden Unbekannten im Zentrum.
Marterbauer und der Plan B: Kucher bleibt bewusst vage
Über Zeitpunkt und Schritte werde Marterbauer „ganz alleine entscheiden“, betonte Kucher. Alles, was bisher beschlossen wurde, sei „in enger Abstimmung“ mit Marterbauer geschehen. Persönlich habe Kucher „in der Familie erlebt, was eine Krebserkrankung bedeuten kann“, weshalb er nicht bereit sei, „jemanden zu etwas zu zwingen“.
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Was aber, wenn Marterbauer nicht übernehmen kann? Man werde „einen geordneten Prozess aufsetzen“, so Kucher. Mehr ließ er nicht durchblicken. Ob dieses Konstrukt trägt, wenn der erhoffte Nachfolger ausfällt, blieb die zentrale offene Frage des Abends.
Babler bleibt vorerst Vizekanzler – aber wie lange?
Auf Regierungsebene ändert sich zunächst nichts Formales. Babler bleibt als Vizekanzler der „Ansprechpartner“ für Bundeskanzler und Außenministerin. Abstimmungen fänden in der SPÖ „nicht im luftleeren Raum“ statt, das sei auch bisher nicht so gewesen, sagte Kucher.
Die Ablöse Bablers als Parteichef sei konkret „mit Jänner besprochen“. Die Details werde man „im berühmten Wohnzimmer und nicht am Balkon“ klären – parteiintern also, ohne öffentliche Inszenierung. Ob er nach diesem Jänner-Termin auch aus der Regierung ausscheidet, ließ Kucher demonstrativ offen.
„Trainer sucht sich Team aus“: Wer entscheidet über Bablers Ministerposten?
Die Frage, ob Babler nach Jänner Minister bleibe, beantwortete Kucher mit einem Fußball-Vergleich, der aufhorchen ließ. „Losgelöst von Personen“ müsse das „der oder die nächste Vorsitzende“ entscheiden – „wie Rangnick in Österreich oder Klopp in Deutschland“.
„Ein Trainer darf sich sein Team aussuchen“, sagte Kucher, und das gelte auch für den künftigen SPÖ-Chef. Ob Babler also Minister bleibt, liegt letztlich nicht bei Kucher, nicht bei Holzleitner – sondern bei jemandem, der oder die noch nicht einmal feststeht.
Tiefe Gräben, neue Spitze: Was die Rochade wirklich löst
Die Personaldebatte rund um den Vorsitz-Bewerber Gerhard Zeiler und seinen Unterstützerkreis ist nicht abgeschlossen. Die vergangenen Monate hätten „tiefe Gräben“ hinterlassen, räumte Kucher indirekt ein. Die SPÖ habe „viel zu viel über uns unterhalten und nicht untereinander, miteinander gesprochen“ – ein ungewohnt offenes Eingeständnis für einen laufenden Übergangsprozess.
Gleichzeitig versuchte Kucher, eine neue Stimmung zu beschreiben: Man habe „die Geschlossenheit gespürt, die wir die letzten Jahre viel zu wenig gehabt haben“. Gemeinsam habe man „diese Neuaufstellung der Sozialdemokratie“ beschlossen und werde sie auch durchführen. Die Beschlüsse seien in den Parteistrukturen getroffen worden – „nicht im luftleeren Raum“, wie er mehrfach betonte.
Was als nächstes kommt: Parteitag im Frühjahr, offene Kandidatenfrage
Der Fahrplan, den Kucher und Holzleitner skizziert haben, sieht einen SPÖ-Parteitag im Frühjahr 2027 vor, auf dem die personelle Erneuerung formell besiegelt werden soll. Bis dahin führt die Dreierspitze die Partei kommissarisch.
Wer auf diesem Parteitag als Vorsitzender kandidiert, ist noch völlig offen. Ob es Marterbauer sein wird, ob jemand anderes ins Rennen geht und welche Rolle Babler dann noch spielt – all das hängt an einem Prozess, der laut Kucher erst aufgesetzt werden muss.
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