Ein internes Forum der EU-Kommission, irgendwo in Brüssel. Ein Beamter tippt seinen Eindruck von der neuen Kommunikationssoftware: „absoluter Scheiß“. Kein diplomatisches Zögern, kein verwaltungstypisches Weichspülen. Der Satz kursiert seither auf der Plattform Politico und hat eine Debatte ausgelöst, die weit über einen schlecht aufgenommenen Software-Test hinausgeht.
Dahinter steckt eine der zentralen technologiepolitischen Fragen Europas: Wie weit reicht die Abhängigkeit der EU-Institutionen von amerikanischen Konzernen — und wie schmerzhaft wird der Weg heraus?
Element Pro: Was die EU-Kommission mit dieser Software vorhat
Die EU-Kommission testet derzeit Element Pro als Alternative zu Microsoft Teams. Die Software basiert auf dem offenen Matrix-Protokoll und wird nicht auf Servern eines US-Unternehmens betrieben, sondern auf eigener Infrastruktur der Kommission. Das ist der entscheidende Unterschied.
Bei Element behält die EU-Kommission die vollständige Kontrolle über ihre Kommunikationsdaten. Sensible Informationen bleiben innerhalb europäischer Systeme — kein Datenstrom in die USA, keine Abhängigkeit von den Serverrichtlinien eines fremden Konzerns. Das Matrix-Protokoll ist quelloffen und nachvollziehbar, was zusätzliche Transparenz schafft.
Matrix ist dabei kein Nischenprojekt: Auch die deutsche Bundeswehr sowie Einrichtungen von NATO und Vereinten Nationen setzen auf Matrix-basierte Lösungen.
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Warum EU-Beamte die Software so scharf kritisieren
Die Reaktionen in den internen Foren fielen vernichtend aus. Neben dem vielzitierten „absoluten Scheiß“-Urteil erklärte ein weiterer Beamter, den „Mehrwert“ der Plattform schlicht nicht zu verstehen. Ein dritter spottete, die USA würden einen hypothetischen Technologiekrieg „sofort gewinnen“, wenn man Element Pro direkt mit Microsoft Teams vergleiche.
Die Aussagen stammen von anonymen Mitarbeitern und sind nicht repräsentativ für die gesamte Belegschaft der Kommission. Dennoch zeigen sie, wie tief Microsoft Teams in den Arbeitsalltag eingewachsen ist — und wie groß die Erwartungshaltung gegenüber einem Nachfolger ist.
Matthew Hodgson erklärt: „Veränderungen sind immer schmerzhaft“
Element-Chef Matthew Hodgson nimmt die Kritik gelassen. Er verweist darauf, dass sich die Software bei der Kommission noch in der Testphase befindet. „Veränderungen sind immer schmerzhaft“, sagte Hodgson — bei einem Wechsel von einem so tief verankerten Programm wie Microsoft Teams seien Anlaufschwierigkeiten schlicht zu erwarten.
Das klingt nach einer Schutzbehauptung, ist es aber nicht unbedingt. Jede große Institution, die von einem jahrelang genutzten Werkzeug auf ein neues umsteigt, erlebt eine Phase des Widerstands. Die Frage ist, ob Element Pro nach dem Ende der Testphase überzeugen kann.
Teams bleibt Plan A — Element nur als Backup
Trotz der strategischen Ambitionen ist die aktuelle Rolle von Element Pro bescheiden. Microsoft Teams bleibt bei der EU-Kommission vorerst das Hauptsystem für die interne Kommunikation. Element Pro dient lediglich als „souveränes Backup“ — ein Ausweichsystem für den Fall, dass Teams einmal nicht verfügbar sein sollte.
Das entspricht dem Selbstverständnis vieler europäischer Institutionen beim Thema digitale Souveränität: schrittweise, vorsichtig, mit einem langen Parallelbetrieb beider Systeme. Ein sofortiger Komplettausstieg aus US-Technologie steht nicht auf der Tagesordnung.
Digitale Souveränität der EU: Wie ernst nimmt Brüssel das Thema wirklich?
Der Test mit Element Pro ist kein Einzelfall. Die EU-Kommission hat in den vergangenen Jahren mehrfach betont, ihre Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen reduzieren zu wollen. Konkrete Maßnahmen umfassen unter anderem:
- Einsatz von Open-Source-Software auf eigener Infrastruktur
- Förderung europäischer Cloud-Alternativen im Rahmen der GAIA-X-Initiative
- Verschärfte Datenschutzauflagen für US-Anbieter nach dem Schrems-II-Urteil des Europäischen Gerichtshofs
- Regulatorischer Druck auf große Plattformbetreiber durch den Digital Markets Act
Der Element-Pro-Test zeigt, dass technologische Unabhängigkeit in der Praxis schwieriger ist als auf dem Papier. Nutzerzufriedenheit und Sicherheitspolitik ziehen nicht immer in dieselbe Richtung.
Was nach der Testphase entscheidet
Die EU-Kommission hat noch keinen Zeitplan veröffentlicht, wann die Evaluierung von Element Pro abgeschlossen sein soll. Offen bleibt auch, welche Kriterien letztlich über einen breiteren Einsatz entscheiden werden — ob Benutzerfreundlichkeit genauso schwer wiegt wie Datensouveränität oder ob das politische Ziel, US-Abhängigkeiten zu reduzieren, am Ende das ausschlaggebende Argument ist.
Solange Teams als Hauptsystem weiterläuft und Element Pro nur als Rückfalloption dient, hat Brüssel Zeit. Zeit, die Software zu verbessern — und die eigenen Beamten zu überzeugen.
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