Eine Soldatenfrau tippte die Worte ihres Mannes in eine Beschwerde, die nie öffentlich werden sollte: „Ich will kein Fleisch sein.” Gemeint war kein Metzgereibetrieb, sondern ein Fronteinsatz, bei dem der Tod ganzer Gruppen von Vorgesetzten als akzeptabler Verlust einkalkuliert wird. Das Wort „Fleisch” steht im Jargon russischer Soldaten für Angriffswellen, bei denen niemand zurückkehren soll.
Solche Begriffe sind kein Zufall und kein Slang einzelner Einheiten. Sie bilden ein ganzes System aus Euphemismen, Codes und Tarnwörtern, das Krieg, Verwundung, Tod und sogar Mord durch Vorgesetzte sprachlich unsichtbar machen soll – und das inzwischen auch im russischen Alltag angekommen ist.
Das Wörterbuch: 77 Codes aus 6.700 geleakten Beschwerden
Die russische Sozialanthropologin Alexandra Archipowa und der Psychologe Jurij Lapschin haben das Phänomen systematisch dokumentiert. In ihrem „Ethnografischen Wörterbuch des Krieges” haben sie 77 solcher Ausdrücke zusammengetragen.
Grundlage war kein offizielles Archiv, sondern ein Datenleck: Mehr als 6.700 Beschwerden von Soldaten und deren Angehörigen, die zwischen April und September 2025 an die kremlnahe russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa geschickt worden waren, flossen in die Auswertung ein. Archipowa selbst erklärte, das Material stamme aus diesem Leak.
Einige der Begriffe haben ihren Ursprung in früheren russischen Kriegen. Die meisten aber sind seit der vollständigen Invasion der Ukraine im Februar 2022 entstanden.
„Geschäftsreise”, „Ladung 200″, „500″: Was die Zahlen und Floskeln bedeuten
Das bekannteste Beispiel ist wohl die harmlos klingende „Geschäftsreise“: Damit bezeichnen Soldaten und Behörden einen Kriegseinsatz an der Front. Wer auf „Geschäftsreise” geht, zieht in den Krieg – nur klingt es in einem abgehörten Telefonat danach nicht.
Deutlich älter, aber weiterhin gebräuchlich sind die Zahlencodes:
- Ladung 200: Gefallener Soldat, der im Zinksarg nach Hause transportiert wird.
- Ladung 300: Verwundeter Soldat, der evakuiert werden muss.
- 500: Neu seit 2022 – bezeichnet Deserteure oder eigenmächtig abwesende Soldaten.
Diese Codes kursieren nicht nur unter Soldaten. Laut Archipowa finden sie sich zunehmend auch in den schriftlichen Beschwerden der Angehörigen – ein Zeichen dafür, wie tief der Jargon in die Familiensprache eingedrungen ist.
„Obnulenije”: Das brutalste Wort im russischen Kriegsvokabular
Besonders aufschlussreich ist der Begriff „Obnulenije”, was so viel bedeutet wie „auf null setzen”. Gemeint ist nicht der Verlust einer Gefechtslinie, sondern etwas Konkretes und Erschreckendes: die Tötung eines eigenen Soldaten durch einen Vorgesetzten.
Dass ein solcher Begriff überhaupt existiert, lexikalisch fixiert wird und in Beschwerden auftaucht, sagt viel über die realen Zustände an der Front aus. Es handelt sich nicht um einen Extremfall, der sich einmal ereignet hat – sondern offenbar um eine bekannte, benannte Praxis.
„Ankunft” und „Fleischangriff”: Wenn der Staat die Sprache übernimmt
Nicht alle Codes kommen von den Soldaten selbst. Der Begriff „Ankunft” – russisch „Priljot”, ursprünglich die Landung eines Flugzeugs – wurde von russischen Behörden und Staatsmedien als Bezeichnung für ukrainische Raketen- oder Drohnenangriffe etabliert. Das Wort klingt neutral, fast technisch, fast ungefährlich.
Laut Archipowa vermischen sich dieser offizielle Sprachgebrauch und der informelle Soldatenjargon zunehmend. Behördliche Euphemismen wandern in die Alltagssprache der Zivilbevölkerung, umgekehrt übernehmen staatliche Kommunikatoren Frontbegriffe. Die Grenze zwischen propagandistischer Formulierung und organisch entstandenem Tarnwort verwischt dabei bewusst.
Der Begriff „Fleischangriff” wiederum stammt eindeutig aus dem Milieu der Frontsoldaten. Er beschreibt eine taktische Entscheidung, bei der der vollständige Verlust einer Gruppe als akzeptabel gilt – und gibt jener Soldatenfrau eine Sprache für das, was ihr Mann fürchtete.
Vom Schützengraben auf den Schulhof: Wie Kriegssprache Gesellschaft verändert
Das Wörterbuch dokumentiert nicht nur Bedeutungen, sondern auch eine gesellschaftliche Verschiebung. Alexandra Archipowa stellte fest, dass die Codes und Euphemismen längst im zivilen Alltag Russlands angekommen sind.
Besonders eindringlich ist ein Detail aus russischen Schulen: Kinder spielen auf Schulhöfen ein Fangspiel namens „Obnulenije” – benannt nach jenem Begriff für die Tötung eines Kameraden durch den eigenen Vorgesetzten. Dass ein solches Wort ins Kinderspiel eingedrungen ist, zeigt, wie weit die Militarisierung der Sprache in der russischen Gesellschaft bereits fortgeschritten ist.
Archipowa und Lapschin werteten für ihr Wörterbuch ausschließlich Beschwerden aus, die im Zeitraum von April bis September 2025 verfasst wurden. Das Material spiegelt also keine historische Randphänomene wider, sondern den aktuellen Sprachgebrauch des laufenden Krieges.
Was das „Ethnografische Wörterbuch des Krieges” über Kontrolle und Angst verrät
Warum entstehen solche Codes überhaupt? Zum einen, um Überwachung zu umgehen: Telefonleitungen werden abgehört, Nachrichten kontrolliert. Wer von einer „Geschäftsreise” spricht, riskiert weniger als jemand, der offen über einen Fronteinsatz berichtet.
Zum anderen erfüllen Euphemismen eine psychologische Funktion. Sie machen das Unsagbare sagbar, ohne es vollständig aussprechen zu müssen. Eine Mutter, die über den „Zinksarg” schreibt, muss nicht das Wort „Tod” tippen.
Doch das Wörterbuch zeigt auch die Grenzen dieser Schutzfunktion: Begriffe wie „Obnulenije” oder „Fleischangriff” sind alles andere als beschönigend. Sie benennen das Grauen direkt – aber in einer Sprache, die nach außen hin unverdächtig klingt.
Ob das Wörterbuch von Archipowa und Lapschin in Russland selbst zugänglich ist oder bleibt, ist derzeit offen – ebenso wie die Frage, ob die dokumentierten Begriffe von russischen Strafverfolgungsbehörden künftig als Beweismittel in Verfahren gegen Beschwerdeführer verwendet werden könnten.



