Parsa K., FH Wiener Neustadt: Wie ein fehlender Iran-Nachweis 3 Jahre Studium blockiert

Der Stapel erledigter Prüfungen liegt hinter ihm, der Abschluss war zum Greifen nah. Parsa K., 38 Jahre alt, gebürtiger Iraner, studiert seit drei Jahren Wirtschaftsingenieurwesen an der FH Wiener Neustadt — und steht heute genau dort, wo kein Student stehen möchte: vor einer einzigen, scheinbar unüberwindbaren Hürde kurz vor der Ziellinie. Nur noch die kommissionelle Masterprüfung fehlt ihm.

Das Problem ist nicht sein Wissen, nicht seine Leistung. Es ist ein Stück Papier. Die Original-Bachelorurkunde aus dem Iran lässt sich schlicht nicht nach Österreich bringen — und ohne dieses Dokument verweigert die Fachhochschule die Zulassung zur abschließenden Prüfung. Wie ein Student zwischen Kriegsrealität und akademischen Vorschriften zerrieben wird, und was die FH Wiener Neustadt dazu sagt.

3 Jahre Studium, 1 Dokument: Das Dilemma des Parsa K.

Parsa K. kam vor acht Jahren nach Österreich. Seinen Bachelorabschluss hat er noch im Iran absolviert, die dazugehörige Urkunde liegt bei seiner Familie im Heimatdorf. Seit drei Jahren investiert er Zeit, Geld und Energie in das Masterstudium in Wiener Neustadt — die meisten dieser Jahre noch vor Kriegsbeginn. Nun, unmittelbar vor dem Abschluss, fordert die FH das Original-Dokument als Zulassungsvoraussetzung zur Masterprüfung.

„Dafür wird meine Original-Bachelorurkunde verlangt”, schildert der Student. Er betont ausdrücklich, dass er den Nachweis nicht verweigern wolle. „Ich möchte auch keinen Masterabschluss ohne Nachweis. Ich bitte nur um eine sichere und faire Lösung.”

Kriegsgebiet Iran: Warum das Original unerreichbar ist

Die Urkunde liegt in einer Region, in die Parsa K. schlicht nicht reisen kann. „Aufgrund der aktuellen Reisewarnung wegen des Krieges ist diese Region einfach zu gefährlich, um die Urkunde zu holen”, erklärt er. Sein Heimatdorf ist postalisch von Österreich abgeschnitten — ein direkter Postversand ist laut Parsa nicht möglich.

Auch seine Eltern, die noch im Iran leben, können das Dokument nicht auf dem Weg dorthin übergeben. Und Parsa selbst, der mittlerweile österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, fürchtet bei einer Einreise ernsthafte Konsequenzen: „Mit einer EU-Staatsbürgerschaft gibt es immer Probleme wegen des Verdachts auf Spionage.” Die Beschaffung des Originals ist damit, wie er es formuliert, praktisch unmöglich.

Kopie, Bestätigung, 50 Tage Schweigen: Was die FH bisher ablehnte

Parsa K. hat nicht tatenlos gewartet. Er ließ seinen gültigen Bachelorabschluss von offizieller Stelle bestätigen — das Dokument wurde nicht akzeptiert. Eine beglaubigte Kopie der Urkunde reichte die Fachhochschule ebenfalls zurück. Welche Alternativen grundsätzlich in Frage kämen, blieb für ihn unklar.

Was den 38-Jährigen besonders belastet, ist die fehlende Kommunikation. „Ich erhalte von der FH kaum Rückmeldung — seit 50 Tagen schon”, sagt er. Nicht einmal eine Absage, nicht einmal ein Gesprächsangebot. Für jemanden, der kurz vor dem Abschluss steht, ist das eine zermürbende Situation.

Was die FH Wiener Neustadt auf Anfrage erklärt

Auf Nachfrage räumte die FH Wiener Neustadt ein, dass es gesetzliche Vorgaben für die Zulassung zu ordentlichen Masterstudien gibt: Der Nachweis eines einschlägigen Bachelorstudiums oder eines gleichwertigen Vorstudiums muss urkundlich erbracht werden. Das ist die Grundlage, auf der die Fachhochschule bisher beharrt hat.

Gleichzeitig signalisierte die Hochschule jedoch Bewegung. Sei die Vorlage eines urkundlichen Nachweises aus besonderen Gründen nicht möglich, sei man um eine Lösung bemüht. Wörtlich heißt es in der Stellungnahme: „Tatsächlich werden derzeit in einem entsprechenden Fall alternative Möglichkeiten zur Feststellung der Erfüllung von Zugangsvoraussetzungen geprüft.” Auf Parsas konkreten Fall bezogen bedeutet das: Die Suche nach einem Ausweg hat begonnen.

Iran-Studierende in Österreich: Ein Sonderfall oder ein Systemfehler?

Die FH Wiener Neustadt betonte auf Nachfrage, dass Parsas Situation keineswegs typisch für iranische Studierende in Österreich sei. „Im Hinblick auf Studierende aus dem Iran ist festzuhalten, dass die Erfüllung der Nachweisanforderungen in den weitaus überwiegenden Fällen unproblematisch war”, heißt es in der offiziellen Stellungnahme der Hochschule.

Parsa K.s Fall ist also ein Einzelfall — aber einer, der eine strukturelle Frage aufwirft: Was passiert, wenn akademische Bürokratie auf geopolitische Realität trifft? Österreichische Hochschulen sind laut dem Universitätsbericht des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung mit einer wachsenden Zahl internationaler Studierender konfrontiert, darunter viele aus Ländern mit instabiler Lage. Standardprozesse stoßen dabei an ihre Grenzen.

Die relevanten Anforderungen im Überblick, die Parsa laut eigenen Angaben bisher nicht erfüllen konnte:

  • Vorlage der Original-Bachelorurkunde aus dem Herkunftsland
  • Alternativ: offizielle Bestätigung des Abschlusses durch anerkannte Stelle — wurde abgelehnt
  • Beglaubigte Kopie der Urkunde — wurde nicht akzeptiert
  • Direkter Postversand aus dem Heimatdorf — laut Parsa nicht möglich
  • Persönliche Reise in den Iran — wegen Kriegslage und Einreiserisiko ausgeschlossen

Ob Parsa seinen Abschluss noch bekommt, ist noch offen

Stand 18. August 2026 prüft die FH Wiener Neustadt intern alternative Wege, um Parsas Zugangsvoraussetzungen festzustellen, ohne das physische Original zu verlangen. Welche konkreten Optionen dabei in Betracht gezogen werden — eine digitale Verifikation über iranische Behörden, eine eidesstattliche Erklärung oder ein anderes Verfahren — ließ die Hochschule offen.

Parsa K. wartet. Drei Jahre Studium, eine fehlende Urkunde aus einem Kriegsgebiet, und eine Antwort, die nun schon mehr als 50 Tage aussteht — wie die FH Wiener Neustadt diesen Präzedenzfall löst, dürfte auch für andere internationale Studierende in vergleichbaren Lagen wegweisend sein.

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