Der Sommer 2026 schreibt in Niederösterreich Bilder ein, die sich einprägen: rissige Äcker im Marchfeld, ausgetrocknete Bachbetten im Mostviertel, Landwirte, die auf Regen warten, der nicht kommt. Hitze und Dürre haben das Bundesland in den vergangenen Wochen so hart getroffen wie selten zuvor.
Genau in diese Lage hinein präsentiert die SPÖ Niederösterreich nun einen Vorstoß, der in der Landespolitik für Aufsehen sorgt: die nach eigenen Angaben größte Renaturierungsoffensive in der Geschichte des Landes — mit einem jährlichen Budget von 100 Millionen Euro. Woher das Geld kommen soll, wie die Regierungsparteien reagieren und was der Plan konkret vorsieht, ist seither heftig umstritten.
„Kein Sommer wie damals”: Warum Hergovich jetzt handeln will
Sven Hergovich, SPÖ-Landesrat und Landesparteivorsitzender in Niederösterreich, benennt den Auslöser unverblümt. „Was wir heuer erleben, ist kein Sommer wie damals. Dürre, Wassermangel und enorme Schäden in der Landwirtschaft zeigen, dass wir handeln müssen”, sagte Hergovich am 18. August 2026.
Er verweist auf ein Muster, das sich in den letzten Jahren wiederholt: Auf extreme Trockenheit folgt oft innerhalb weniger Wochen Starkregen mit Hochwassergefahr. „Gute Politik wartet nicht auf den nächsten tragischen Anlass, sondern bereitet sich darauf vor”, so Hergovich. Der Klimawandel lasse sich von Niederösterreich allein nicht lösen — wohl aber könne das Land seine Resilienz deutlich verbessern.
100 Millionen Euro: Woher das Geld für die Offensive kommen soll
Der Finanzierungsplan der SPÖ NÖ teilt die Summe in zwei gleich große Hälften auf:
- 50 Millionen Euro aus Umverteilungen im bestehenden Fördervolumen des Landes Niederösterreich
- 50 Millionen Euro aus den jährlichen Erträgen des niederösterreichischen Generationenfonds
„Es gibt kaum eine passendere Aufgabe für einen Generationenfonds, als der nächsten Generation eine intakte Umwelt und eine lebenswerte Heimat zu hinterlassen”, begründet Hergovich den Griff in den Fonds. Die Mittel sollen dauerhaft — also nicht als einmaliges Sonderprogramm — fließen, um das Tempo bei Renaturierungsprojekten im ganzen Land spürbar zu erhöhen.
Was Renaturierung für Gemeinden und Hochwasserschutz bedeutet
Kerstin Suchan-Mayr, SPÖ-Landtagsabgeordnete und Bürgermeisterin von St. Valentin, erklärt den praktischen Nutzen: „Ein natürlicher Fluss braucht Platz. Wo sich Wasser bei Starkregen auf dafür vorgesehenen Flächen ausbreiten kann, wird es zurückgehalten und fließt langsamer ab.”
Naturnahe Gewässer, Bäume und Grünflächen wirken laut Suchan-Mayr auch gegen die zunehmende urbane Hitze. „Renaturierung ist deshalb keine Naturromantik, sondern eine ganz praktische Investition in die Sicherheit und Lebensqualität unserer Gemeinden”, so die Bürgermeisterin. Das Problem: Viele Gemeinden könnten solche Projekte nicht aus eigener Kraft stemmen. Das NÖ-Doppelbudget 2027/28 sehe bislang keine ausreichenden Mittel vor, um die EU-Vorgaben zur Renaturierung umzusetzen — eine Lücke, die Suchan-Mayr scharf kritisiert.
Schwarz-Blau in Niederösterreich lehnt Landesfinanzierung ab
Die Volkspartei NÖ erteilt dem Vorschlag eine klare Absage. Landtagsabgeordneter Richard Hogl (VP) stellt die Position der Regierungskoalition klar: „Bei der Renaturierungsverordnung ist unsere Position eindeutig: Wenn die EU etwas bestellt, dann soll sie es auch bezahlen. Wir als Land werden die Finanzierung sicher nicht übernehmen.”
Hogl betont gleichzeitig, Niederösterreich tue seit Jahrzehnten, „was mit Hausverstand machbar sei”: Ein Drittel aller Hochwasserschutz-Mittel fließe bereits in den Wasserrückhalt, was Gewässern mehr Raum gebe und das ökologische Gleichgewicht stärke. „Diesen Weg werden wir in den nächsten Jahren mit Sicherheit fortführen”, so Hogl. Den SPÖ-Vorstoß wertet er als politisch motiviert und fordert stattdessen rasche Dürrehilfe für die betroffene Landwirtschaft — eine Aufgabe, die er beim Bund verortet.
Hergovichs Appell an alle Landtagsparteien
Die SPÖ NÖ will ihre Forderung als formelle Initiative in den Niederösterreichischen Landtag einbringen und lädt alle Fraktionen ein, mitzumachen. „Geben wir unseren Flüssen und Bächen wieder mehr Raum, stärken wir den Hochwasserschutz und unterstützen wir unsere Gemeinden dabei”, appelliert Hergovich direkt an die schwarz-blaue Landesregierung. Den Klimaskeptizismus innerhalb der Koalition greift er dabei offen an: „Landbauers Leugnung des Klimawandels gefährdet unsere Heimat.”
Ob die Initiative im Landtag eine Mehrheit findet, ist angesichts der ablehnenden Haltung von ÖVP und FPÖ NÖ derzeit offen — die Debatte über Finanzierung, EU-Verpflichtungen und Dürrehilfe dürfte die niederösterreichische Landespolitik in den kommenden Budgetverhandlungen für 2027/28 weiter beschäftigen.



