Spritpreise Österreich: Warum 20 % billigeres Rohöl kaum an der Zapfsäule ankommt

Wer dieser Tage in Wien oder Graz tankt, reibt sich die Augen: Der Rohölpreis ist seit Anfang Mai 2026 um mehr als 20 Prozent eingebrochen — von rund 95 auf gut 70 Euro je Barrel. Trotzdem kostet Diesel an österreichischen Tankstellen in der ersten Augusthälfte im Schnitt noch immer 2,01 Euro je Liter, Superbenzin 1,78 Euro. Der Sturz an den Weltmärkten scheint an den Zapfsäulen spurlos vorbeizugehen.

Die Erklärung liefert eine aktuelle Analyse der UniCredit Bank Austria — und sie zeigt, dass das Problem diesmal nicht beim Rohöl selbst liegt, sondern eine Stufe später in der Lieferkette. Wer versteht, wo genau die Preisbremse klemmt, versteht auch, warum Entlastung so schwer fällt.

Raffinerie-Engpass statt Rohöl-Mangel: Wo das Problem wirklich steckt

„Die Märkte signalisieren eine ausreichende Rohölverfügbarkeit, während die Verarbeitungskapazitäten hinter der Nachfrage zurückbleiben”, sagt Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria. Dadurch bleiben die Preise für raffinierte Produkte wie Benzin und Diesel hoch, obwohl die Rohölnotierungen deutlich nachgegeben haben.

Messbar wird das über die sogenannten Crack-Spreads — die Differenz zwischen dem Wert raffinierter Produkte und dem Einkaufspreis für Rohöl. Normalerweise entwickeln sich beide Größen weitgehend parallel, die Raffineriemargen bleiben relativ stabil. In den vergangenen Wochen haben sich diese Margen jedoch so stark ausgeweitet wie zuletzt während der Energiekrise 2022.

Hintergrund sind Produktionsausfälle und Kapazitätseinschränkungen an wichtigen Standorten: Mehrere Anlagen im Nahen Osten arbeiten derzeit unter ihrer technischen Auslastung. Russische Raffineriekapazitäten sind infolge des Ukraine-Kriegs erheblich beeinträchtigt — ein Engpass, der sich auf den gesamten europäischen Kraftstoffmarkt überträgt.

Rohöl minus 20 Prozent, Sprit minus fast nichts: Die österreichische Entkopplung

„Auch in Österreich zeigt sich eine zunehmende Entkopplung zwischen Rohöl- und Treibstoffpreisen”, sagt Bank-Austria-Ökonom Walter Pudschedl. Seit dem Höchststand Anfang Mai 2026 ist der Rohölpreis um mehr als 20 Prozent gefallen. Diesel und Benzin sind dagegen deutlich weniger billiger geworden.

Nach Abzug von Umsatzsteuer, Mineralölsteuer und CO₂-Bepreisung ergeben sich für die erste Augusthälfte Nettopreise von rund 1,15 Euro für Diesel und 0,88 Euro für Benzin je Liter. Gegenüber ihren Höchstständen sind diese Nettopreise laut Bank-Austria-Berechnungen lediglich um rund fünf Prozent gesunken — obwohl der Rohstoff um ein Fünftel billiger wurde.

Die rechnerische Lücke ist eindeutig: Bei unveränderten Raffineriemargen hätte der durchschnittliche Rohölpreis von 72,5 Euro je Barrel im Juli um rund 10 Cent je Liter niedrigere Treibstoffpreise ermöglicht.

Treibstoffe treiben Inflation: Wie Diesel und Benzin Österreichs Teuerung anheizen

Energieprodukte machen zwar nur rund 8,2 Prozent des österreichischen Warenkorbs aus — doch seit Beginn des Iran-Konflikts waren sie laut Bank-Austria-Analyse für rund ein Fünftel der gesamten Inflation verantwortlich. Nachdem die Teuerungsrate zu Jahresbeginn auf rund 2 Prozent gesunken war, sorgten steigende Treibstoffpreise ab März für eine Trendwende.

Zwischen März und Juli lag die Inflation im Mittel bei 3,2 Prozent. Energie trug dabei mehr als 0,6 Prozentpunkte zur Gesamtteuerung bei. Besonders stark fiel der Beitrag der Treibstoffe aus:

  • Diesel war für rund 13 Prozent der gesamten österreichischen Inflation verantwortlich
  • Benzin trug knapp 6 Prozent zur Gesamtteuerung bei
  • Zusätzlicher Druck kam von höheren Preisen für Erdgas und Heizöl
  • Dämpfend wirkten hingegen die im Jahresvergleich gesunkenen Strompreise

„Der energiebasierte Inflationsdruck hält damit an und erschwert die geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank”, so Bruckbauer.

10 Cent je Liter, die fehlen: Was Autofahrer durch die Raffinerie-Krise verlieren

„Mit Beginn der zweiten Jahreshälfte hat sich die Inflation zwar auch durch den geringeren Preisauftrieb von Energie abgeschwächt, der Rückgang hätte angesichts der niedrigeren Rohölpreise jedoch stärker ausfallen müssen”, betont Pudschedl. Nach vorläufigen Schätzungen sank die Inflationsrate im Juli auf 2,7 Prozent — erstmals seit Ausbruch des Iran-Konflikts wieder unter die Drei-Prozent-Marke.

Gleichzeitig stiegen die Energiepreise im Jahresvergleich um 5,7 Prozent, gegenüber Juni allein um 1,2 Prozent — obwohl der durchschnittliche Rohölpreis im Juli sogar leicht unter dem Juni-Niveau lag. Die fehlenden 10 Cent je Liter hätten die Gesamtinflation um mehr als 0,2 Prozentpunkte gedrückt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die im April 2026 eingeführte staatliche Benzinpreisbremse sukzessive zurückgenommen wird. Die ursprüngliche Entlastung von 5 Cent je Liter wurde schrittweise reduziert und beträgt aktuell nur noch 0,8 Cent je Liter.

EZB-Zinsen und Jahresinflation 2026: Was Österreich noch erwartet

„Wir erwarten für Österreich im Jahr 2026 eine durchschnittliche Inflation von 3,2 Prozent. Auch im Euroraum dürfte die Teuerungsrate mit 2,9 Prozent oberhalb des EZB-Ziels liegen”, sagt Pudschedl. Hohe Energiepreise beeinflussen dabei nicht nur die aktuelle Teuerung, sondern auch die Inflationserwartungen — über höhere Transport- und Produktionskosten sowie steigende Lohnforderungen droht sich der Preisdruck auf weitere Wirtschaftsbereiche auszuweiten.

„Die geopolitischen Risiken im Nahen Osten, die Unsicherheit auf den Energiemärkten und die robuste Entwicklung der Arbeitsmärkte sprechen dafür, dass die EZB ihren Straffungszyklus noch nicht abgeschlossen hat”, sagt Bruckbauer. Die Bank Austria rechnet daher mit einer weiteren Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte bei der September-Sitzung der EZB — womit der Einlagensatz auf 2,50 Prozent steigen würde.

Ob es dabei bleibt, hängt davon ab, wie sich die Raffineriekapazitäten und die geopolitische Lage im Herbst entwickeln — eine Frage, auf die selbst die Ökonomen der Bank Austria derzeit keine gesicherte Antwort haben.

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