Der Sommer ist in vollem Gang, die Badeseen rund um Wien und Graz locken mit Wassertemperaturen um 24 Grad Celsius — und Millionen Österreicher springen mit einer Selbstverständlichkeit ins kühle Nass, die sie im Herbst nicht mehr so leichtfertig hätten. Wer Kontaktlinsen trägt, denkt dabei selten an Risiken. Schwimmen, Duschen nach dem Sport, ein langer Tag am See: Das gehört zum Alltag, die Linsen bleiben einfach drin.
Doch genau dieses Routineverhalten hat der texanischen Influencerin Rachel Prochnow vorübergehend das Augenlicht geraubt — durch einen Einzeller, der in praktisch jedem Gewässer vorkommt, und dessen Name die meisten noch nie gehört haben.
Rachel Prochnow und der Parasit aus der Dusche
Prochnow schilderte ihren Fall in mehreren Videos, die inzwischen millionenfach geklickt wurden. Die Ursache ihres Leidens war keine exotische Tropenkrankheit und kein verseuchter Badesee — es war das Duschwasser. Sie trug ihre Kontaktlinsen beim Duschen, wie sie es wohl schon hunderte Male zuvor getan hatte.
Dabei gelangte eine sogenannte Akanthamöbe ins Auge. Dieser mikroskopisch kleine Einzeller nutzte winzige Verletzungen der Hornhaut, wie sie beim Tragen von Kontaktlinsen ganz regulär entstehen können, als Eintrittspforte. Die Folge war eine schwere Entzündung, die Prochnow über Monate handlungsunfähig machte. Erst eine Hornhauttransplantation ermöglichte ihr, wieder teilweise zu sehen.
Was eine Akanthamöbe ist — und warum sie für Kontaktlinsenträger gefährlich werden kann
Akanthamöben sind keine Seltenheit. Sie kommen in Seen, Flüssen, Schwimmbädern und Teichen vor — aber eben auch im ganz gewöhnlichen Leitungswasser. Der entscheidende Faktor ist nicht das Gewässer selbst, sondern die Kontaktlinse, die davor sitzt.
Zwischen Linse und Hornhaut bildet sich ein feuchtwarmes Milieu, in dem sich Mikroorganismen besonders gut vermehren können. Gelangen Akanthamöben unter die Linse, kann sich im schlimmsten Fall eine Akanthamöben-Keratitis entwickeln — eine seltene, aber schwerwiegende Entzündung der Hornhaut. Hinzu kommt: Beim Duschen können auch Shampoo- und Seiferückstände an den Linsen haften bleiben und die Augen zusätzlich reizen.
Wie groß ist das Risiko wirklich — und muss man nun auf das Schwimmen verzichten?
Die Optometristin Clelia Zellweger gibt in diesem Punkt klare Entwarnung. „Grundsätzlich darf man Kontaktlinsen beim Schwimmen tragen”, sagte Zellweger gegenüber dem Schweizer Medium 20 Minuten. Das Risiko sei tatsächlich vorhanden, aber äußerst selten. Prochnows Fall ist dramatisch — er ist jedoch keine Regel.
Das bedeutet nicht, dass man sorglos sein sollte. Es bedeutet, dass gezielte Vorsichtsmaßnahmen das ohnehin geringe Risiko auf ein Minimum reduzieren. Wer diese Maßnahmen kennt, kann Badesaison und Kontaktlinsen problemlos kombinieren.
7 konkrete Maßnahmen, die das Risiko deutlich senken
- Kontaktlinsen möglichst erst nach dem Duschen einsetzen, nicht davor.
- Beim Schwimmen die Augen unter Wasser geschlossen halten oder eine dicht sitzende Schwimmbrille tragen.
- Tageslinsen nach dem Baden sofort entsorgen; Monats- oder Wochenlinsen gründlich nach Herstellerangaben reinigen.
- Kontaktlinsen niemals länger tragen als vom Hersteller empfohlen — überfällige Linsen sind mechanisch belasteter und anfälliger.
- Vor dem Einsetzen oder Herausnehmen der Linsen immer Hände gründlich mit Seife waschen.
- Im Urlaub bei unsicherer Wasserqualität — etwa in Ländern außerhalb der EU — Hände zusätzlich desinfizieren.
- Augen einmal jährlich augenärztlich kontrollieren lassen, auch wenn keine akuten Beschwerden bestehen.
Diese Warnsignale erfordern sofortige ärztliche Abklärung
Treten nach dem Tragen von Kontaktlinsen im Wasser starke Schmerzen, deutlich gerötete Augen, Lichtempfindlichkeit oder verschwommene Sicht auf, sollte man nicht abwarten und beobachten. Laut Optometristin Zellweger ist schnelles Handeln in solchen Fällen entscheidend — je früher eine Akanthamöben-Keratitis erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen.
Eine Akanthamöben-Infektion verläuft anfangs oft wie eine gewöhnliche Bindehautentzündung. Dieser Umstand führt dazu, dass sie mitunter zu spät erkannt und falsch behandelt wird, was den Verlauf erheblich verschlechtern kann. Wer also das Tragen von Kontaktlinsen im Wasser mit neu aufgetretenen Augenbeschwerden verbindet, sollte noch am selben Tag einen Augenarzt oder eine Augenärztin aufsuchen — und diesen Zusammenhang ausdrücklich erwähnen.
Wann das Risiko besonders hoch ist — und was Rachels Fall wirklich lehrt
Prochnow hatte nach eigenen Angaben über ein Jahr lang weder gebadet noch geschwommen. Ihr Problem entstand schlicht beim alltäglichen Duschen — einem Moment, dem die wenigsten Kontaktlinsenträger besondere Aufmerksamkeit schenken. Genau das ist die eigentliche Botschaft ihres Falls: nicht Angst vor dem Schwimmbad, sondern Bewusstsein für Routinen, die sich über Monate oder Jahre einschleichen.
Wer die Linsen konsequent vor der Dusche herausnimmt und beim Baden eine Schwimmbrille nutzt, reduziert sein Risiko drastisch. Ob die Ophthalmologie in Österreich künftig stärker auf diese Alltagsgewohnheiten hinweist, bleibt abzuwarten — die Fallzahlen zur Akanthamöben-Keratitis werden hierzulande bislang nicht zentral erfasst.



