Am Konkordiaplatz, dem weitläufigen Firnbecken des Grossen Aletschgletschers auf rund 2.700 Meter Seehöhe, ragte Mitte September eine Messstange aus dem Eis — und zeigte einen Schwund von fast sechs Metern allein im Laufe des Sommers. Das Foto davon machte selbst erfahrene Glaziologen sprachlos. Wer die Stange kannte und die Zahl kannte, verstand sofort, was sie bedeutet.
Jetzt liegen die vollständigen Auswertungen des Schweizerischen Gletschermessnetzes (Glamos) vor, erhoben im September 2026 auf 23 Messgletschern und anschließend auf alle Schweizer Gletscher hochgerechnet. Das Ergebnis: 5,5 Prozent des gesamten Eisvolumens sind binnen eines Jahres verloren gegangen — und die Frage, wie viel Puffer den Alpen noch bleibt, drängt sich mit neuer Schärfe auf.
2026 als zweitschwärzstes Jahr seit Messbeginn 1950
Nur das Jahr 2022 war noch schlimmer. Laut Glamos zählt 2026 damit zu den beiden verheerendsten Jahren seit Beginn der systematischen Gletschermessungen in der Schweiz im Jahr 1950. Noch dramatischer ist der Fünfjahresblick: Zwischen 2022 und 2026 ist der Eisverlust mehr als doppelt so hoch wie in jeder früheren Fünfjahresperiode. Seit 2021 sind dadurch fast 20 Prozent des gesamten Schweizer Gletschervolumens verschwunden.
Die gemittelte Massenbilanz für die Messperiode 2025/2026 beträgt minus 2,86 Meter Wassergleichwert. Dieser Wert gibt an, wie viel Wasser dem abgetragenen Eis entspricht, und erlaubt Vergleiche zwischen unterschiedlich großen Gletschern. Im bisherigen Rekordjahr 2022 lag dieser Wert bei minus 3,13 Metern.
Am Aletschgletscher verschwanden lokal rund 13 Meter Eis
Die regionalen Unterschiede sind erheblich. An den tiefer gelegenen Gletscherzungen — also dort, wo die Eismassen am stärksten der Wärme ausgesetzt sind — schmolzen stellenweise fast zehn Meter Eis. Am tiefsten Messpunkt des Grossen Aletschgletschers, auf etwa 1.980 Meter Seehöhe, waren es sogar rund 13 Meter.
Der Grosse Aletschgletscher gehört zu vier großen Gletschern, bei denen 2026 noch mehr Eis verloren ging als im bisherigen Rekordjahr 2022. Die anderen drei sind der Allalingletscher, der Claridengletscher und der Rhonegletscher — allesamt Wahrzeichen des Schweizer Hochgebirges, allesamt auf Rekordkurs in die falsche Richtung.
Mehr zum Lesen
Ein schneearmer Winter legte den Grundstein für die Katastrophe
Schon bevor die erste Hitzewelle kam, war die Ausgangslage alarmierend. Ende April lag auf den Schweizer Gletschern rund 25 Prozent weniger Schnee als im langjährigen Mittel. Besonders die Monate Dezember bis Mitte Februar waren ungewöhnlich trocken — die Winterakkumulation, die den Gletschern als natürlicher Schutzschild in den Sommermonaten dient, blieb weitgehend aus.
Ab der zweiten Maihälfte folgten mehrere aufeinanderfolgende Hitzewellen. Die sommerliche Schmelze zwischen Mai und September lag in der Folge um 58 Prozent über dem Mittelwert der Jahre 2010 bis 2020. Während dieses Zeitraums lag die Nullgradgrenze an insgesamt 76 Tagen über 4.000 Meter Höhe — ein Wert, der noch vor einer Generation als außergewöhnlich gegolten hätte.
Wegen des trockenen Winters und der anhaltenden Sommerhitze fiel der sogenannte Gletscherschwundtag 2026 auf den 2. Juli. An diesem Datum sind die im Winter angesammelten Schneereserven vollständig aufgebraucht; ab dann verliert der Gletscher netto an Substanz. Nur 2022 war dieser kritische Tag noch früher eingetreten — am 26. Juni.
Trotz massivem Eisverlust floss 2026 weniger Schmelzwasser als 2003
Insgesamt haben die Schweizer Gletscher 2026 rund 2,5 Kubikkilometer Eis eingebüßt. Das entspricht etwa 2.500 Milliarden Litern Wasser — eine Zahl, die schwer greifbar ist, aber eine unmittelbare Konsequenz hat: Weniger Eis bedeutet langfristig weniger Wasser, nicht mehr.
Laut Glamos floss 2026 sogar weniger Schmelzwasser ab als im Extremsommer 2003, obwohl damals die Schmelzraten pro Fläche etwa 25 Prozent niedriger waren. Der Grund liegt auf der Hand: Die Gletscherfläche ist inzwischen so stark geschrumpft, dass selbst intensive Schmelze weniger absolutes Volumen freisetzt als früher.
Wasserversorgung und Wasserkraft stehen vor wachsenden Herausforderungen
Die schwindende Eisfläche hat direkte Folgen für mehrere Bereiche, die auf Gletscherwasser angewiesen sind. Glamos nennt in seinem Jahresbericht ausdrücklich folgende gefährdete Nutzungen:
- Landwirtschaftliche Bewässerung in trockenen Sommerperioden
- Wasserkraftproduktion, die auf gleichmäßige Abflussmengen angewiesen ist
- Alpine Ökosysteme, deren Artenvielfalt an kaltes Schmelzwasser gebunden ist
- Trinkwasserreserven in Tälern, die in Hitzeperioden auf Gletscherwasser zurückgreifen
Die sogenannte Pufferwirkung der Gletscher — ihr Vermögen, in heißen, trockenen Phasen zusätzliches Wasser bereitzustellen — nimmt mit jeder schmelzenden Tonne Eis weiter ab. „Je weniger Eis vorhanden ist, desto weniger Wasser kann bei starker Schmelze frei werden“, hält das Schweizerische Gletschermessnetz Glamos in seinem Bericht fest.
Was Forscher für die kommenden Jahre erwarten
Die Messdaten vom September 2026 sind vorläufig; die endgültige Auswertung aller 23 Referenzgletscher wird in den kommenden Monaten veröffentlicht. Glamos kündigt an, die Hochrechnung auf das Gesamtvolumen aller Schweizer Gletscher zu verfeinern, sobald weitere Satellitendaten vorliegen.
Ungeklärt bleibt vorerst, ob die Häufung extremer Schmelzjahre — 2022 und nun 2026, mit ebenfalls überdurchschnittlichen Verlusten in den Jahren dazwischen — eine neue Grundlinie darstellt oder ob einzelne günstige Winterjahre den Trend kurzfristig abmildern können.
Ob der Winter 2026/2027 den Gletschern genügend Schnee bringt, um wenigstens einen Teil der verlorenen Substanz zu ersetzen, wird sich zeigen — doch selbst ein außergewöhnlich schneereicher Winter kann die kumulierten Verluste der vergangenen fünf Jahre nicht rückgängig machen.
Ihre Meinung hilft uns










Das Gespräch geht weiter
Kommentare