Wifo-Prognose 2026: Österreichs Jobs, Preise und Staatsfinanzen unter echtem Druck

Am Donnerstag, dem 26. Juni 2026, trat Gabriel Felbermayr vor die Kameras und lieferte Zahlen, die weder Jubel noch Panik rechtfertigen. Der Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) präsentierte die aktualisierte Halbjahresprognose — und das Bild, das er zeichnete, war nüchtern bis in die letzte Kommastelle.

Österreichs Wirtschaft wächst, ja. Aber 0,9 Prozent reales Wachstum für 2026 ist kein Aufschwung, den irgendjemand spürt. Die Inflation liegt hartnäckig bei 3,2 Prozent, die Arbeitslosenquote klettert auf 7,5 Prozent, und im Bausektor läuft das achte Krisenjahr in Folge. Die Frage ist nicht, ob es Österreich gut geht — sondern wie lange der gedämpfte Aufschwung trägt.

Wachstum “alles andere als stürmisch”: Was die Wifo-Prognose wirklich aussagt

Felbermayr wählte bei der Präsentation bewusst zurückhaltende Worte. “Die österreichische Volkswirtschaft wächst heuer preisbereinigt um etwa 0,9 Prozent”, sagte er. Das sei “alles andere als stürmisch”, angesichts der Krisenlage aber “passabel”. Immerhin liege Österreich damit zwei Zehntel Prozentpunkte über dem Durchschnitt des Euro-Raums.

Für 2027 erwartet das Wifo ein Wachstum von rund 1,1 Prozent. Felbermayr verwies gleichzeitig auf “weiterhin hohe Prognoseunsicherheit — nach unten, aber auch nach oben”. Der starke Jahresauftakt 2026 und eine erwartete Belebung in der zweiten Jahreshälfte sollen das Gesamtbild stützen — sofern die Energiepreise tatsächlich fallen.

Iran-Krise und Straße von Hormus: Warum Österreich auf der Bremse steht

Die vergangenen Monate standen laut Felbermayr ganz im Zeichen der Irankrise. Stark gestiegene Preise für fossile Energie trieben die Inflation zwischenzeitlich auf 3,7 Prozent und verunsicherten sowohl Verbraucher als auch Unternehmen. Hinzu kamen steigende Zinsen und erhebliche Belastungen für den Welthandel.

Besonders schwer wiegt laut Wifo die Sperrung der Straße von Hormus. Sie habe das internationale Investitionsklima merklich eingetrübt. Im zweiten Quartal 2026 dürfte die heimische Wirtschaft daher kaum gewachsen sein. Wifo-Experte Stefan Ederer sieht zumindest bei den Energiepreisen Spielraum nach oben: “Die Terminmärkte erwarten derzeit, dass die Energiepreise schneller sinken, als wir in der aktuellen Wifo-Prognose angenommen haben”, sagte er. Ein stärkerer Rückgang würde eine raschere wirtschaftliche Erholung ermöglichen.

Hohe Inflation frisst Kaufkraft: Was das für österreichische Haushalte bedeutet

Die Teuerung bleibt das drängendste Alltagsproblem. Im Jahresdurchschnitt 2026 rechnet das Wifo mit einer Inflationsrate von 3,2 Prozent — höher als im Euro-Raum, höher als gewünscht. Erst 2027 soll sie auf 2,4 Prozent zurückgehen.

Als Treiber nennt Felbermayr vor allem die Dienstleistungsinflation. Dazu kommt: Die Spritpreisbremse läuft Ende Juni aus, und im kommenden Jahr steigen die Preise für Fernwärme, Gas und Strom zeitverzögert nach. Sinkende Mineralölpreise sollen den Gesamtdruck dämpfen — aber eben nicht vollständig.

Für viele Haushalte bedeutet das konkret schrumpfende Kaufkraft. Zurückhaltende Lohnabschlüsse aus dem Vorjahr kombiniert mit anhaltender Teuerung lassen die realen Haushaltseinkommen laut Wifo erneut sinken. Konsumausgaben und Bruttowertschöpfung in konsumnahen Dienstleistungsbereichen würden daher “nur mäßig zunehmen”.

Jobs unter Druck: 323.000 Arbeitslose, aber Industrie überrascht positiv

Auch am Arbeitsmarkt gibt es keine Entwarnung. Das Wifo rechnet für 2026 im Jahresschnitt mit 323.000 Arbeitslosen. Die Arbeitslosenquote steigt auf 7,5 Prozent; erst 2027 soll sie leicht auf 7,3 Prozent sinken — und damit um knapp 10.000 Betroffene weniger.

Überraschend positiv entwickelt sich dagegen die Industrie. Sie wachse seit Anfang 2025 wieder, so Felbermayr. Für 2026 erwartet das Wifo eine um 1,5 Prozent höhere reale Wertschöpfung in der Warenherstellung. Auch die Warenexporte sollen real um 1 Prozent zulegen, die Bruttoausrüstungsinvestitionen sogar um 3,3 Prozent steigen. Österreichs Industrie setze sich damit deutlich von Deutschland ab, betonte Felbermayr.

Die Schattenseiten dieses Aufschwungs sind jedoch nicht zu übersehen. Lohnabschlüsse unter der Inflationsrate haben zwar die Wettbewerbsfähigkeit leicht verbessert, drücken aber die Nettoreallöhne und erhöhen die effektive Steuer- und Abgabenlast. Per Saldo, warnt Felbermayr, werden weiter Industriejobs verloren gehen.

Bausektor im 8. Krisenjahr: Felbermayr fordert drei Maßnahmen von der Bundesregierung

Der schonungsloseste Teil der Prognose betrifft die Bauwirtschaft. Felbermayr spricht von einer “weiteren Enttäuschung”: Auch 2026 schrumpft die reale Bruttowertschöpfung in diesem Sektor. Die Bauwirtschaft befinde sich damit im achten Jahr in Folge im Abschwung. Im Gebäudesektor liegen die Bruttoinvestitionen nur knapp über den Abschreibungen — das Angebot an Wohnraum wächst trotz steigender Nachfrage kaum.

Das Wifo legte der Bundesregierung konkret drei Forderungen vor:

  • Bauinvestitionen bei der Budgetkonsolidierung nicht überproportional kürzen — vor allem bei Gemeinden und Ländern, um einen dauerhaften Rückgang der Kapazitäten zu verhindern.
  • Keine neuen Regulierungen, die den Hochbau weiter belasten — etwa geplante strengere Risikopuffer für gewerbliche Immobilien; zumindest der gewerbliche Wohnbau solle geschont werden.
  • Anpassungen im Mietrecht prüfen, die Altbausanierungen wirtschaftlich attraktiver machen — budgetneutral und klimaschützend zugleich.

Derzeit unterbleiben Sanierungen oft, weil sich modernisierte Altbauten wegen des Mietrechts nicht rechnen. Die Folge: Gebäude werden abgerissen und durch teure Neubauten ersetzt, statt erhalten zu werden.

Staatsfinanzen: 4 Milliarden Euro Puffer, aber Schuldenquote klettert auf 84 Prozent

Für den Finanzminister enthält die Wifo-Prognose eine kurzfristig angenehme Nachricht. Durch die höhere Preisdynamik steigt das nominelle BIP 2026 und 2027 jeweils um rund 4 Milliarden Euro stärker als bisher angenommen. Daraus könnten sich grob gerechnet etwa 2 Milliarden Euro höhere Staatseinnahmen ergeben.

Das gesamtstaatliche Defizit verbessert sich laut Wifo für 2026 leicht auf 4,0 Prozent des BIP, für 2027 werden 3,7 Prozent erwartet. Die Staatsschuldenquote soll bis 2027 aber auf fast 84 Prozent steigen. Felbermayr bleibt daher vorsichtig: Das Doppelbudget bewirke noch keinen sanierten Haushalt. Eine langfristige Neuverschuldung von 3 Prozent sei klar zu hoch — “sonst frisst der Schuldendienst immer höhere Anteile des Budgets”, warnte er.

Zwei weitere Kritikpunkte am Doppelbudget formulierte Felbermayr direkt: Es setze keinerlei klimapolitische Akzente, obwohl sich Österreich vom Zielpfad entfernt. Und die Anreize für mehr Erwerbsarbeit seien nicht stimmig — für ältere Arbeitnehmer steigen die Lohnnebenkosten sogar um fast 6 Prozentpunkte, genau in der Gruppe, in der die Arbeitslosigkeit merklich zunimmt.

Ob die erhoffte Entspannung an den Energiemärkten in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich eintritt, entscheidet maßgeblich darüber, ob die Prognose des Wifo am Ende zu pessimistisch oder zu optimistisch war.

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