4.500 Schweizer Franken netto im Monat — das klingt nach einem soliden Gehalt, nach Urlaub, nach ein bisschen Rücklage für später. Die Mitarbeiterin, die an einer Coop-Kasse in der Schweiz steht, täglich Einkäufe scannt, schwere Kisten schiebt und Kundenwünsche bearbeitet, verdient genau das. Dazu kommt ein 13. Monatsgehalt, sodass ihr Bruttojahreseinkommen auf rund 62.250 Euro steigt.
Und trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Die Frau hat öffentlich über ihre finanzielle Lage gesprochen — und was sie berichtet, lässt aufhorchen: Am Ende des Monats bleibt ihr nach eigenen Angaben kein einziger Franken übrig. Wie das möglich ist, zeigt ein Blick auf die konkreten Zahlen.
Das Gehalt klingt gut — doch die Schweizer Lebenshaltungskosten sind eine andere Welt
Wer das Gehalt der Coop-Verkäuferin mit österreichischen oder deutschen Maßstäben vergleicht, staunt zunächst. Laut Daten der österreichischen Wirtschaftskammer verdienen Vollzeit-Beschäftigte im heimischen Einzelhandel im Median rund 2.200 Euro brutto im Monat — das sind etwa 26.400 Euro im Jahr. In Deutschland liegt der Medianwert laut Bundesagentur für Arbeit bei 2.976 Euro brutto monatlich, also knapp 36.000 Euro im Jahr. Die Schweizer Kollegin verdient damit rechnerisch fast doppelt so viel wie ein deutscher Einzelhandelsmitarbeiter.
Doch die Schweiz ist kein normales Preisgefüge. Miete, Krankenkasse, Lebensmittel — alles kostet in Zürich oder Bern spürbar mehr als in Wien oder München. Das macht den nominellen Gehaltsvorsprung schnell zunichte.
Miete und Krankenversicherung: Wo das Geld zuerst verschwindet
Die monatlichen Fixkosten der Verkäuferin sind eindeutig. Allein die Miete schlägt mit 1.400 Schweizer Franken zu Buche — umgerechnet rund 1.488 Euro. Die obligatorische Krankenkasse, in der Schweiz privat und Pflicht für alle, kostet sie weitere 550 Franken pro Monat, also etwa 585 Euro. Für Lebensmittel gibt sie zwischen 400 und 500 Franken aus — das entspricht 420 bis 530 Euro.
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Schon diese drei Posten summieren sich auf bis zu 2.450 Franken monatlich. Hinzu kommen Verkehr, Telefon, Kleidung und die kleinen Alltagsausgaben, die sich rasch addieren. Was bleibt, ist erschreckend wenig.
Altersvorsorge auf Sparflamme: Nur 1.000 bis 2.000 Franken pro Jahr
Vom 13. Monatsgehalt — jenem Jahresbonus, der eigentlich als finanzieller Puffer gedacht ist — kann die Verkäuferin nach eigenen Angaben lediglich zwischen 1.000 und 2.000 Franken in die private Altersvorsorge investieren. Weitere Ersparnisse sind nicht möglich. Das 13. Gehalt ist damit kein echter Spielraum, sondern schlicht die einzige Gelegenheit im Jahr, überhaupt etwas zurückzulegen.
Zum Vergleich: Die österreichische Arbeiterkammer empfiehlt, mindestens 10 Prozent des Nettoeinkommens monatlich zu sparen, um im Alter nicht in finanzielle Bedrängnis zu geraten. Für die Coop-Mitarbeiterin ist das schlicht nicht realisierbar.
Lohn nicht fair — so sieht es die Verkäuferin selbst
Auf die direkte Frage, ob sie ihren Lohn als fair empfindet, antwortet die Verkäuferin mit einem klaren Nein. Sie verweist auf die hohen körperlichen Belastungen — stundenlange Schichten im Stehen, schwere Warenlieferungen, zunehmender Druck durch steigende Kundenerwartungen. Ihr Argument ist schlüssig: Das Gehalt mag auf dem Papier hoch wirken, spiegelt aber nicht die Realität der Kaufkraft in der Schweiz wider.
Der Tagesanzeiger hatte den Fall zuerst aufgegriffen. Das Beispiel trifft offenbar einen Nerv — denn die Frage, was ein Lohn wirklich wert ist, lässt sich ohne den Blick auf die lokalen Lebenshaltungskosten nicht seriös beantworten.
Österreich, Deutschland, Schweiz: Was der Gehaltsvergleich wirklich zeigt
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
- Österreich: Mediangehalt im Einzelhandel rund 2.200 Euro brutto/Monat, etwa 26.400 Euro/Jahr
- Deutschland: Mediangehalt laut Bundesagentur für Arbeit rund 2.976 Euro brutto/Monat, etwa 36.000 Euro/Jahr
- Schweiz (Coop-Vollzeit): rund 4.500 Franken netto/Monat, Jahresbrutto rund 62.250 Euro
Nominell ist der Unterschied enorm. Kaufkraftbereinigt schrumpft er jedoch erheblich. Wer in der Schweiz arbeitet, zahlt keine Einkommensteuer im österreichischen Sinne, dafür aber eine der teuersten Krankenversicherungen Europas — und Mieten, die selbst Wiener Verhältnisse weit hinter sich lassen. Dass die Coop-Verkäuferin trotz eines Jahresgehalts, von dem viele österreichische Angestellte nur träumen, monatlich auf null herauskommt, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Merkmal des Schweizer Preisniveaus.
Ob und wie sich die Debatte über faire Löhne im Schweizer Einzelhandel weiterentwickelt, bleibt abzuwarten — zumal die Krankenkassenprämien in der Schweiz auch 2026 erneut gestiegen sind.
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