Tupac-Mordprozess Las Vegas: Wie ein Racheakt nach 30 Jahren vor Gericht landet

Las Vegas, Montag, 18. August 2026. Im Gerichtssaal der zuständigen Strafkammer im Clark County stellte Staatsanwalt Binu Pilal eine schlichte Rechnung auf: Zweieinhalb Stunden nach einer öffentlich gefilmten Prügelattacke war Tupac Shakur tot. Vier Schüsse aus einem weißen Cadillac, mitten auf einer Las-Vegas-Straße, an einem Septemberabend des Jahres 1996. Der Rapper war 25 Jahre alt.

Fast drei Jahrzehnte lang galt der Mord an dem als 2Pac bekannten Musiker als eines der berühmtesten ungelösten Verbrechen der USA. Nun sitzt Duane Davis auf der Anklagebank — und das Eröffnungsplädoyer beider Seiten lässt erahnen, wie hart umkämpft dieser Prozess werden wird.

Der Tatvorwurf: Rache für den Neffen, befohlen aus dem Cadillac

Laut Staatsanwalt Pilal begann die tödliche Kette der Ereignisse am 7. September 1996 in Las Vegas. Shakur und Death-Row-Records-Boss Marion „Suge” Knight schlugen Orlando Anderson, den Neffen von Duane Davis, in einer Hotellobby zusammen — die Überwachungskameras zeichneten den Angriff auf. Anderson war Mitglied der Gang South Side Compton Crips, Davis deren Anführer.

„Zweieinhalb Stunden später wurde Tupac aus einem weißen Cadillac heraus in einem Racheakt niedergeschossen”, sagte Pilal vor den Geschworenen. Davis habe nicht selbst abgedrückt, so die Anklage, aber die Waffe an jemanden auf dem Rücksitz weitergegeben und den Befehl zum Schießen gegeben. Er soll vorne im Wagen gesessen haben, neben seinem Neffen Orlando Anderson und weiteren Männern.

Die Verteidigung: „Was sie vortragen, ist Fiktion”

Davis’ Anwalt Michael Sanft trat dem Eröffnungsplädoyer der Anklagebehörde entschieden entgegen. Vor den Geschworenen sagte er: „Was sie Ihnen vortragen, stellen sie als Tatsache dar, obwohl es sich in Wahrheit um Fiktion handelt. Es liegt an Ihnen zu entscheiden, was wirklich den Tatsachen entspricht.”

Sanft argumentiert, es gebe keine stichhaltigen Beweise gegen seinen Mandanten. Davis selbst hatte in einem Gefängnisinterview mit dem US-Sender ABC behauptet, die Ermittler könnten nicht einmal belegen, dass er in der Tatnacht überhaupt in Las Vegas anwesend war — er sei in Los Angeles gewesen.

Memoiren als Bumerang: Davis’ eigene Worte als zentrales Beweismittel

Das Pikante an dem Fall: Der entscheidende Hinweis auf Davis kam von Davis selbst. Im Jahr 2019 veröffentlichte er seine Memoiren, in denen er beschrieb, dass er am Abend des 7. September 1996 auf dem Beifahrersitz des weißen Cadillac saß und den Männern auf der Rückbank eine Pistole reichte. Wer tatsächlich schoss, schrieb er nicht.

Nach seiner Festnahme im September 2023 distanzierte er sich von diesen Angaben. Er habe seine eigenen Memoiren nie gelesen, sagte er. Alle anderen Insassen des Cadillac sind mittlerweile verstorben, was die Beweislage für beide Seiten außerordentlich schwierig macht.

Gang-Krieg und Plattenfirmen: Der Hintergrund des Ost-West-Konflikts

Um den Mordfall zu verstehen, führte die Anklagebehörde die Geschworenen tief in die Hip-Hop-Fehde der 1990er-Jahre ein. Im Zentrum standen zwei Plattenfirmen:

  • Death Row Records aus Los Angeles, unter dem Schutz der Gang Mob Piru, vertrat Shakur sowie Marion „Suge” Knight.
  • Bad Boy Records, gegründet von Sean „Diddy” Combs an der Ostküste, engagierte die South Side Compton Crips — also Davis’ Gang — als Bodyguards.

Shakur wuchs zwar in Harlem und Baltimore auf, unterschrieb aber bei Death Row Records und wurde zum Aushängeschild des kalifornischen West-Coast-Rap. Hits wie „California Love” und „All Eyez on Me” machten ihn weltberühmt. Die Rivalität zwischen den beiden Lagern eskalierte in den Jahren 1995 und 1996 zunehmend — und gipfelte laut Anklage in jenem Septemberabend in Las Vegas.

30 Jahre Stillstand, dann der Durchbruch: Wie der Fall wieder aufgerollt wurde

Jahrzehntelang stockten die Ermittlungen mangels verwertbarer Beweise. Erst die Veröffentlichung von Davis’ Memoiren 2019 brachte neue Dynamik in den Fall. Die Auswahl der Geschworenen startete bereits eine Woche vor dem eigentlichen Verhandlungsbeginn am Montag — ein Indiz für die erwartete Komplexität des Verfahrens.

Shakur starb am 13. September 1996, sechs Tage nach dem Anschlag, in einem Las-Vegas-Krankenhaus an seinen Verletzungen. Seither zählt sein Tod zu den meistdiskutierten offenen Fragen der Musikgeschichte.

Was als nächstes kommt: Zeugen, Widersprüche, ein langer Prozess

Der Prozess in Las Vegas dürfte sich über mehrere Wochen erstrecken. Die Anklage muss nachweisen, dass Davis die Tat angeordnet hat — eine schwierige Aufgabe, da der mutmaßliche Schütze tot ist und die einzige schriftliche Selbstbezichtigung nun von Davis selbst widerrufen wird. Die Verteidigung wiederum muss erklären, warum ein Mann in seinen Memoiren eine Szene beschreibt, die ihn unmittelbar am Tatort platziert.

Ob das Gericht am Ende eine Verurteilung ausspricht oder ob der Mordfall Tupac Shakur auch nach diesem Prozess ungeklärt bleibt, werden die kommenden Wochen zeigen.

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