In der Nacht auf den 20. Juni 2026 spielten sich in Leoben Szenen ab, die weit über die Steiermark hinaus Wellen schlagen. Am Rande des 40. Stiftungsfestes der Burschenschaft Leder weigerte sich ein Taxifahrer, drei Burschenschafter zu befördern — weil diese zuvor Parolen wie “Heil Hitler” gerufen haben sollen. Als er die Polizei rief und versuchte, die Verdächtigen am Weggehen zu hindern, wurde er gewürgt. Als er am Boden lag, traten sie weiter auf ihn ein.
Das Landesamt für Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) Steiermark ermittelt nun gegen zwei Verdächtige. Einer davon soll laut APA ein amtsbekanntes führendes Mitglied der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) sein — und war bis vor wenigen Wochen als Mitarbeiter eines FPÖ-Parlamentsabgeordneten tätig. Was zunächst wie ein regionaler Vorfall wirkte, ist längst ein Fall fürs Parlament geworden.
Was in Leoben geschah: Burschenschaftsfest mit prominenten Gästen
Das Stiftungsfest der Burschenschaft Leder zog am 19. Juni 2026 auffällige Gäste an. Unter den Anwesenden war auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich, der von seiner eigenen Partei — wenn auch nicht rechtskräftig — wegen rechtsextremer Ansichten ausgeschlossen wurde. Hinzu kamen führende Mitglieder der Identitären Bewegung Österreich, die der österreichische Verfassungsschutz als rechtsextreme Organisation einstuft.
Der Abend endete mit einer körperlichen Attacke auf einen Taxifahrer. Der Lenker verweigerte die Fahrt, nachdem die drei Burschenschafter verbotene Parolen gerufen hatten. Er alarmierte die Polizei — und wurde dafür offenbar gezielt angegriffen.
LSE Steiermark ermittelt: Ex-FPÖ-Mitarbeiter unter Verdacht
Das LSE Steiermark hat die Ermittlungen aufgenommen. Im Fokus stehen zwei Personen. Bei einem der Verdächtigen handelt es sich nach Informationen der APA um ein führendes IBÖ-Mitglied, das dem Staatsschutz bereits bekannt ist. Derselbe Mann soll bis kurz vor dem Vorfall als Mitarbeiter eines FPÖ-Nationalratsabgeordneten beschäftigt gewesen sein — und sei erst wenige Wochen zuvor entlassen worden.
Welcher FPÖ-Abgeordnete konkret betroffen ist, blieb zunächst offen. Ebenso unklar ist, unter welchen Umständen die Kündigung erfolgte und ob sie im Zusammenhang mit dem Verfassungsschutz stand.
Grüne und SPÖ: “Gefahr für die Demokratie” durch FPÖ-Nähe zu IBÖ
Lukas Hammer, Rechtsextremismussprecher der Grünen, sieht “dringenden Erklärungs- und Handlungsbedarf” bei der FPÖ. In einer Aussendung betonte er, man habe die Freiheitlichen wiederholt vor “gewaltbereiten Rechtsextremen” in ihren Reihen gewarnt. Die FPÖ habe stattdessen den Verfassungsschutz und kritische Medien attackiert, anstatt sich zu distanzieren.
Hammer fordert nun konkrete Antworten: Die FPÖ müsse offenlegen, wie viele Mitarbeiter mit Verbindungen zur IBÖ sie beschäftigt — und sich umgehend von ihnen trennen. Ein SPÖ-Vertreter erhob ähnlich schwere Vorwürfe gegen Parteichef Herbert Kickl. Dieser habe die Identitären als “NGO von rechts” und als “unterstützenswertes Projekt” verharmlost. Der Sozialdemokrat bezeichnete das Gesamtbild als “Gefährdung der Demokratie”, für die Kickl persönlich verantwortlich sei.
ÖVP-Klubobmann Gödl: IBÖ reicht “bis in sensibelste Bereiche des Parlaments”
Auch ÖVP-Klubobmann Ernst Gödl meldete sich mit deutlichen Worten zu Wort. Der Vorfall in Leoben sei “kein isolierter Zwischenfall, sondern das jüngste Schlaglicht auf ein Milieu, das längst bis in den politischen Betrieb reicht”, erklärte Gödl in einer schriftlichen Stellungnahme. Er sieht ein ernstes Sicherheitsproblem darin, dass “eine Bewegung, die der Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft, über die FPÖ Zugang bis in die sensibelsten Bereiche unseres Parlaments findet”.
Gödl schloss sich der Formulierung “Gefahr für unsere Demokratie” an und verlangte von der FPÖ, sich klar vom rechtsextremen Milieu zu trennen und politische Verantwortung zu übernehmen. Einen konkreten Zeitplan für diese Forderungen nannte er nicht.
Parlamentarische Anfragen an Karner und Rosenkranz geplant
Die Grünen haben bereits angekündigt, parlamentarische Anfragen zu stellen — und zwar an zwei Adressaten gleichzeitig:
- Innenminister Gerhard Karner (ÖVP): Fragen zu den Ermittlungen des LSE Steiermark und zur Einstufung der IBÖ durch den Verfassungsschutz
- Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (FPÖ): Fragen zur Beschäftigung von IBÖ-Mitgliedern als parlamentarische Mitarbeiter und zum genauen Zeitpunkt der Kündigung
Damit landet der Leobener Vorfall offiziell im Hohen Haus. Ob weitere Fraktionen eigene Anfragen nachziehen, war zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch offen. Die FPÖ selbst hat sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.
Was nun offen bleibt: Ermittlungsstand und politische Konsequenzen
Die Ermittlungen des LSE Steiermark laufen. Unklar ist, ob neben dem Verdacht auf schwere Körperverletzung auch eine Anzeige nach dem Verbotsgesetz wegen der gerufenen NS-Parolen erstattet wird. Beide Tatbestände würden unterschiedliche Strafrahmen und Zuständigkeiten nach sich ziehen.
Auf politischer Ebene steht die FPÖ unter dem Druck dreier Parlamentsfraktionen gleichzeitig — eine Konstellation, die die anstehenden parlamentarischen Debatten im Juli 2026 erheblich belasten dürfte.



