Freitagnachmittag, Hafen von Noworossijsk, Südrussland: An den Zapfsäulen hängen keine Schläuche mehr. Der Benzinverkauf ist vollständig eingestellt — nicht wegen einer technischen Panne, sondern weil schlicht kein Kraftstoff mehr vorhanden ist. Wenige hundert Kilometer weiter nördlich, in Krasnodar, stehen Autofahrer seit dem frühen Morgen an, manche seit fünf, manche seit sechs Stunden.
Was sich dort abspielt, ist kein lokales Phänomen. Russland — eines der größten Öl- und Treibstofferzeugerländer der Welt — erlebt derzeit die schwerste Benzinkrise seit Jahrzehnten. Und die Maßnahmen, zu denen der Kreml greift, zeigen, wie ernst die Lage wirklich ist.
25 Prozent weniger Produktion: Warum Russlands Raffinerien stillstehen
Der Hauptgrund für den Engpass ist militärischer Natur. Ukrainische Drohnen- und Raketenangriffe haben einen Großteil der russischen Raffineriekapazität beschädigt oder zerstört. Laut dem russischen Sender NTV sind von den zehn größten Raffinerien im Land mittlerweile nur noch zwei unbeschädigt.
Die Folge: Die Benzinproduktion liegt rund 25 Prozent unter dem Vorjahreswert. Aktuell werden etwa 90.000 Tonnen Benzin täglich erzeugt — in der laufenden Reise- und Erntesaison werden aber mindestens 110.000 Tonnen pro Tag benötigt. Diese Lücke von 20.000 Tonnen täglich ist der Kern des Problems.
Irkutsk, Omsk, Noworossijsk: Wo die Not am größten ist
Die geografische Reichweite der Krise ist bemerkenswert. In Irkutsk, tief in Sibirien, stehen Autofahrer bis zu 18 Stunden an einer Zapfsäule an. In Omsk haben die Behörden die Abgabe auf 40 Liter pro Fahrzeug begrenzt. In Krasnodar im Süden des Landes mussten zeitweise rund zehn Prozent aller Taxifahrer wegen Spritmangels zu Hause bleiben.
Insgesamt sind nach aktuellen Berichten mehr als 20 Regionen betroffen — darunter inzwischen auch das Moskauer Umland und St. Petersburg. Auf der besetzten Krim hat Republikchef Sergej Aksjonow bereits am 21. Juni die Treibstoffabgabe an Tankstellen vollständig gestoppt. Seitdem fahren viele Krim-Bewohner in die Nachbarregion Krasnodar zum Tanken — ein Phänomen, das dort bereits als echter „Tanktourismus” bezeichnet wird.
Die Rationierungsregeln variieren von Region zu Region:
- Abgabegrenzen zwischen 20 und 40 Litern pro Fahrzeug
- Mancherorts nur Benzin der Sorte Ai-92 verfügbar, kein Ai-95
- In einigen Gebieten Ausgabe nach Kennzeichen gestaffelt
- Das Abfüllen in Kanister ist landesweit verboten
- In Noworossijsk wurde der Verkauf zeitweise komplett eingestellt
Preise auf 20-Jahres-Hoch: Taxifahrer, Busse, Ernte unter Druck
Die Knappheit treibt die Preise an den Zapfsäulen auf den höchsten Stand seit 20 Jahren. Besonders hart trifft das Branchen, die nicht auf den Tank verzichten können: Taxidienste, Busunternehmen, die Müllabfuhr — und vor allem die Landwirtschaft, die sich mitten in der Erntesaison befindet.
Wie verzweifelt die Versorgungslage ist, zeigt auch ein digitales Phänomen: Auf der interaktiven Karte „Gde Benzin” (auf Deutsch: „Wo ist Benzin”) markieren Autofahrer in Echtzeit, wo noch Kraftstoff zu bekommen ist. Ganze Regionen sind dort rot eingefärbt. Gleichzeitig berichten Nutzer, dass Informations-Chats über verfügbares Benzin im staatlichen Messenger „Max” gesperrt wurden.
Putins drastische Maßnahme: Euro-3-Benzin bis Jahresende erlaubt
Der Kreml hat auf die Krise mit einer Reihe ungewöhnlicher Schritte reagiert. Präsident Wladimir Putin ordnete Ende Juni „systemische Maßnahmen” zur Stabilisierung des Kraftstoffmarktes an. Ein Exportverbot für Benzin und Kerosin wurde verhängt, Subventionen für Importeure und Raffinerien beschlossen.
Die weitreichendste Entscheidung ist jedoch eine andere: Die Regierung erlaubt bis Jahresende die Produktion und den Verkauf von Benzin nach dem alten Umweltstandard Euro-3. Dieser Standard enthält deutlich mehr Schwefel als das heute übliche Euro-5. Laut einem Bericht des Kyiv Independent kann dieses Benzin für modernere Fahrzeugmotoren problematisch sein — und belastet die Umwelt erheblich stärker.
Kasachstan-Deal und Importe aus Indien: Reicht das zur Stabilisierung?
Weil die heimische Produktion nicht ausreicht, importiert Russland jetzt Treibstoff — für ein Energieland eine historische Ausnahme. Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte Gespräche mit mehreren Ländern über Lieferungen zu „akzeptablen Preisen”. Geplant sind monatliche Importe von rund 400.000 Tonnen Benzin, darunter mindestens 60.000 Tonnen per Schiff aus Indien sowie Lieferungen aus Belarus und Kasachstan.
Besondere Aufmerksamkeit erregt der Deal mit Kasachstan: Für Juli und August sind 50.000 Tonnen Benzin vereinbart — mehrere Branchenquellen sprechen von einer Lieferung „als humanitäre Hilfe”, eine Formulierung, die in Moskau kaum willkommen sein dürfte. Ob das Geschäft reibungslos funktioniert, ist offen. Westliche Sanktionen könnten Lieferungen und Zahlungsabwicklung erschweren; als mögliche Lösung wird ein Tauschgeschäft diskutiert, bei dem Russland Kerosin nach Kasachstan liefern würde, das die Atyrau-Raffinerie für Wartungsarbeiten benötigt.
Selbst wenn alle geplanten Importe eintreffen, decken sie die tägliche Produktionslücke von 20.000 Tonnen nur teilweise — ob das für eine nachhaltige Entspannung reicht, bleibt die zentrale offene Frage der kommenden Wochen.



