Auf digitalen Werbeträgern quer durch Österreich leuchtet seit Juli eine Nummer auf: 0800 222 555. Keine Werbung für ein Produkt, keine Veranstaltung. Nur eine Aufforderung, früh genug anzurufen. Die Kampagne „Lieber ein Anruf mehr!“ läuft auf den Werbeflächen der Gewista — kostenlos, österreichweit, rund um die Uhr sichtbar.
Dahinter steckt eine ernüchternde Zahl: 34,5 Prozent der Frauen in Österreich haben seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt. Das ist mehr als jede dritte Frau. Die Frage, die diese Kampagne aufwirft, ist keine abstrakte: Wann wäre der richtige Moment gewesen, Hilfe zu holen — und wer wusste, wohin?
Was hinter der Zahl „jede 3. Frau“ steckt
34,5 Prozent: Diese Zahl stammt aus der Erhebung, auf die sich der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser in seiner Kampagnenarbeit stützt. Sie beschreibt körperliche und/oder sexualisierte Gewalt seit dem 15. Lebensjahr — also nicht nur Übergriffe im Erwachsenenalter, sondern ein Zeitfenster, das das gesamte Erwachsenenleben erfasst.
Gewalt gegen Frauen bleibt in Österreich ein massives, strukturelles Problem. Wien verzeichnete zuletzt 25 versuchte Morde an Frauen in einem einzigen Jahr. Häusliche Gewalt eskaliert oft über Monate, bevor Betroffene Hilfe suchen — und häufig nicht, weil sie keine wollen, sondern weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.
Gewista schaltet Werbeflächen kostenlos — was die Kampagne konkret tut
Die Gewista, Österreichs größter Außenwerbeanbieter, stellt ihre digitalen Werbeflächen für die Kampagne ohne Kosten zur Verfügung. Das bedeutet: Auf Displays in U-Bahn-Stationen, an Straßenbahnhaltestellen und in belebten Fußgängerzonen erscheint die Frauenhelpline-Nummer dort, wo Menschen täglich vorbeigehen — nicht nur dann, wenn eine Krise bereits eingetreten ist.
Mehr zum Lesen
Genau das ist der Kerngedanke. Die Nummer soll bekannt sein, bevor sie dringend gebraucht wird. Wer sie schon einmal gesehen hat, muss im Ernstfall nicht erst suchen.
„Lieber ein Anruf mehr als ein Anruf zu spät“ — was Beate Malekzadeh-Forstner damit meint
„Die Frauenhelpline muss sichtbar sein, bevor Gewalt eskaliert oder Unterstützung dringend gebraucht wird“, sagte Beate Malekzadeh-Forstner, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. „Die Kampagne bringt die Nummer 0800 222 555 in den öffentlichen Raum und macht damit ein kostenloses, anonymes und rund um die Uhr erreichbares Beratungsangebot bekannter. Lieber ein Anruf mehr als ein Anruf zu spät.“
Der Satz klingt schlicht. Er trifft aber einen wunden Punkt: Viele Betroffene rufen zu spät an — oder gar nicht, weil die Hemmschwelle zu hoch ist. Genau diese Schwelle soll durch die konstante Sichtbarkeit im öffentlichen Raum gesenkt werden.
Frauenhelpline 0800 222 555: Was das Angebot leistet
Die Frauenhelpline ist kein bürokratisches Weiterleitungssystem. Sie bietet Erst- und Krisenberatung, hilft Betroffenen dabei, ihre aktuelle Situation einzuordnen, und vermittelt bei Bedarf an spezialisierte Hilfseinrichtungen weiter. Das Angebot richtet sich ausdrücklich nicht nur an betroffene Frauen und Mädchen selbst, sondern auch an:
- Angehörige, die sich Sorgen machen
- Freundinnen und Freunde aus dem näheren Umfeld
- Personen, die Gewalt bei anderen beobachtet haben oder vermuten
- Fachkräfte, die Orientierung bei konkreten Fällen suchen
Die Leitung ist kostenlos, anonym und vertraulich — 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr erreichbar.
Anrufe sind gestiegen — was Gewista-Chef Franz Solta dazu sagt
Franz Solta, Geschäftsführer der Gewista, verwies darauf, dass die Zahl der Anruferinnen, die von Gewalt betroffen sind, in den Vergleichsmonaten gegenüber dem Vorjahr gestiegen sei. Einen eindeutigen kausalen Zusammenhang mit der Kampagne könne man daraus zwar nicht ableiten. Aber: Schon wenn Betroffene durch die stärkere Sichtbarkeit früher Hilfe suchen, sei ein wichtiger Schritt erreicht.
Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) betonte ihrerseits die Bedeutung niederschwelliger Zugänge zu Hilfe. „Österreich hat ein dichtes und hoch professionelles Gewaltschutznetz, das wir als Bundesregierung konsequent unterstützen, ausbauen und weiterentwickeln“, sagte Holzleitner. „Zentral ist, dass Frauen sich sicher sein können, dass sie Hilfe bekommen und wissen, wohin sie sich wenden können.“
Was nach dem Sommer noch offen bleibt
Die Kampagne läuft seit Juli, ein konkretes Enddatum wurde öffentlich nicht kommuniziert. Ob die gestiegene Anrufzahl sich verstetigt, ob weitere Träger ähnliche Flächen zur Verfügung stellen und ob der Bund die Frauenhelpline strukturell weiter aufstockt, sind Fragen, die das Bundesministerium für Frauen und Gleichstellung in den kommenden Monaten beantworten muss.
Ihre Meinung hilft uns










Das Gespräch geht weiter
Kommentare