An der Tankstelle in Klosterneuburg zeigt die Preistafel am 7. September 2026 nichts mehr unter zwei Euro — weder für Benzin noch für Diesel. Wer noch vor wenigen Monaten gehofft hatte, die schlimmsten Ausschläge an den Zapfsäulen seien vorbei, sieht sich getäuscht. Der Iran-Krieg und die anhaltenden Behinderungen in der Straße von Hormus haben die Energiemärkte seither nicht losgelassen.
Jetzt haben die Huthis auch die jemenitische Hafenstadt Mokka eingenommen — womit die Sorge um eine Blockade der zweiten kritischen Meerenge, Bab al-Mandab, deutlich greifbarer wird. Walter Boltz, langjähriger Leiter der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control, trat am Donnerstagabend in der ZIB2 auf und legte dar, warum der kommende Winter für Haushalte in ganz Österreich erheblich teurer werden dürfte.
Was Boltz in der ZIB2 wirklich gesagt hat — und warum es keine Panik, aber Vorsicht gebietet
Boltz dämpfte zunächst die größte Sorge: „Die Sorge um die tatsächliche Verfügbarkeit von Energie ist übertrieben. Es wird genug Energie geben“, sagte der frühere E-Control-Chef. Der Haken folgte auf dem Fuß: „Aber die Preise werden noch einmal deutlich steigen.“
Diese Unterscheidung ist wesentlich. Österreich droht kein Blackout, keine Rationierung. Was droht, ist ein schmerzhafter Preisanstieg, der Haushalte mit variablen Tarifen unmittelbar und jene mit Festpreisverträgen verzögert, aber ebenso sicher treffen wird.
Spritpreise über 2,50 Euro: Warum Boltz das nicht überraschen würde
Benzin kostet in Österreich bereits wieder so viel wie zu Beginn des Iran-Kriegs. Boltz sieht weiteres Potenzial nach oben: „20 bis 30 Prozent Steigerung sind schon noch drinnen.“ Ein Benzinpreis über 2,00 Euro und ein Dieselpreis über 2,50 Euro österreichweit würde ihn deshalb „nicht überraschen“.
Der Grund dafür ist weniger ein globaler Mangel an Treibstoffen als ein harter Verteilungskampf zwischen Kontinenten. „Wer am meisten zahlt, bekommt die Produkte“, erklärte Boltz. „Das heißt: Europa wird mehr zahlen müssen, und das kann die Preise noch einmal in die Höhe treiben.“ Asien bietet derzeit aggressiv mit — und Europa muss nachziehen, will es nicht leer ausgehen.
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Bab al-Mandab: Warum die zweite Meerenge die Lage dramatisch verschlechtern könnte
Die Straße von Hormus ist bereits de facto kaum noch sicher befahrbar. Wird nun auch Bab al-Mandab — die Ausweichroute für saudisches Öl in Richtung Asien — blockiert, sieht Boltz eine Eskalation der Kosten. Saudi-Arabien müsste sein Erdöl dann „auf sehr komplizierte Weise“ zunächst durch den Suezkanal, weiter durchs Mittelmeer und schließlich um ganz Afrika herumtransportieren.
„Das dauert Wochen, braucht viel mehr Schiffe und macht es extrem teuer“, so Boltz. Für österreichische Haushalte hieße das: Der ohnehin laufende Preisdruck würde sich noch einmal beschleunigen, bevor irgendjemand gegensteuern kann.
Gasspeicher und der Winter: Österreich stabil, Deutschland in der Klemme
Beim Erdgas ist die Situation zweigeteilt. Der Gaspreis hat ein Dreijahreshoch erreicht — einerseits weil das Flüssiggasangebot aus dem arabischen Raum durch die Hormus-Blockade weggebrochen ist, andererseits weil Europa „den ganzen Sommer zugeschaut“ hat, ohne die Speicher konsequent zu befüllen.
Der aktuelle Stand der österreichischen Gasspeicher liegt bei rund 67 Prozent; im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es etwa 82 Prozent. Boltz bleibt für Österreich dennoch verhalten optimistisch: „Wir haben große Speicher, und in Österreich wird es ziemlich sicher keinen technischen Engpass beim Gas geben. Wir sollten selbst bei einem etwas kühleren Winter gut über die Runden kommen.“ Bei extremer Kälte im Februar oder März könnte allerdings auch die strategische Gasreserve angezapft werden müssen.
Für Deutschland fällt die Bilanz weit düsterer aus. Die deutschen Speicher seien weniger als halbvoll, in Bayern sogar auf einem extrem niedrigen Niveau — „und die Regierung dort weiß nicht, was sie genau tun soll“, sagte Boltz ohne Umschweife.
Strom 16 bis 18 Cent pro Kilowattstunde: Wie Gas den Börsenstrompreis bestimmt
Wer auf eine Wärmepumpe umgestiegen ist und sich dadurch in Sicherheit wiegt, bekommt von Boltz ebenfalls schlechte Nachrichten. Der Strompreis orientiert sich am Großhandelsmarkt — und der wird in vielen Stunden des Jahres durch den Gaspreis gesetzt. Die Faustregel laut Boltz: Strom kostet in der Regel etwa das Doppelte des Gaspreises.
Die Gaspreise sind zuletzt auf rund 80 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Daraus ergibt sich folgende Rechnung:
- Börsenstrompreis: 160 bis 180 Euro pro Megawattstunde
- Entspricht: 16 bis 18 Cent pro Kilowattstunde auf Großhandelsebene
- Für Haushalte mit Festpreisverträgen: Preisschock verzögert um 6 bis 9 Monate
- Für Haushalte mit variablen Tarifen: Anstieg bereits jetzt spürbar
„Diejenigen, die einen langfristigen fixen Preis haben, tangiert es vorerst nicht. Aber auch diese Preisgarantien laufen irgendwann aus, und das Gas, das nachher verkauft wird, muss von den Lieferanten jetzt teuer eingekauft werden“, erklärte Boltz. Der Preisdruck werde wahrscheinlich bis zum Ende der Heizsaison anhalten.
Was Österreich kurz- und langfristig dagegen tun kann
Akut hält sich der Handlungsspielraum in engen Grenzen. „Im Moment sind wir dem zentraleuropäischen Großhandelsmarkt ausgeliefert. Wir müssen aufgrund der heuer geringeren Wasserkraft auch recht viel Strom importieren“, räumte Boltz ein. Kurzfristige nationale Lösungen gibt es schlicht nicht.
Anders das Bild bei einem Planungshorizont von mehr als fünf Jahren. „Die einfachste wäre, den Erneuerbaren-Ausbau massivst zu beschleunigen — sowohl Wind als auch PV und Geothermie — und gleichzeitig entsprechend große Batteriekapazitäten aufzubauen“, so der frühere E-Control-Chef. Wäre dieser Ausbau weit genug vorangeschritten, würde der Gaspreis den Börsenstrompreis nur noch in wenigen Stunden pro Jahr bestimmen — und der Durchschnittspreis für Haushalte entsprechend sinken.
Ob die Politik diesen Kurs rasch genug einschlägt, bleibt vorerst offen — die Lage in der Straße von Hormus und am Bab al-Mandab jedenfalls dürfte sich nicht von heute auf morgen entspannen.
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