Bardejov, 18. August 2026. Das österreichische Frauen-Eishockey-Nationalteam ist mit einer ungewöhnlich kleinen Reisegruppe in der Slowakei angekommen. Nur 21 Spielerinnen stehen Bundestrainer für die Testspiele zur Verfügung — ein Kader, der unter normalen Umständen nie so aussehen würde. Die fehlenden Gesichter sind kein Zufall, kein Verletzungspech, kein terminlicher Konflikt.
Elf Spielerinnen haben bewusst auf die Nominierung verzichtet oder sich verweigert, weil der Streit mit dem Österreichischen Eishockey-Verband (ÖEHV) seit Monaten ohne greifbares Ergebnis eskaliert. Im Hintergrund steht eine Gewerkschaft, im Vordergrund eine Frage, die den gesamten österreichischen Frauensport betrifft: Was ist Leistung auf höchstem Niveau wert?
11 Spielerinnen fehlen: Wer streikt und warum
Unter den Abwesenden befinden sich keine Randakteurinnen. Kapitänin Anna Meixner ist nicht dabei, ebenso wenig Theresa Schafzahl, Antonia Matzka, Charlotte Wittich und Annika Fazokas — allesamt Schlüsselspielerinnen im österreichischen Kader. Insgesamt haben elf Athletinnen die Konsequenz gezogen und dem Lehrgang ferngeblieben.
Hinter dem Streik steht die younion-Sportgewerkschaft, die die Spielerinnen organisatorisch und rechtlich begleitet. Bereits im März 2026 hatten die Athletinnen dem ÖEHV neun konkrete Verbesserungsvorschläge übermittelt. Trotz zahlreicher Gespräche in den folgenden Monaten fehlen laut Gewerkschaft bis heute verbindliche, schriftliche Zusagen des Verbandes.
Was die Athletinnen vom ÖEHV fordern
Im Kern geht es um professionellere und faire Rahmenbedingungen — ein Begriff, der im Frauensport oft vage klingt, hier aber sehr konkrete Inhalte hat. Die Forderungen, die im März eingereicht wurden, umfassen unter anderem bessere Unterstützung im Trainingsalltag, transparente Kommunikation seitens des Verbandes sowie strukturelle Absicherungen für Athletinnen auf Nationalteamebene.
Der ÖEHV betont seinerseits, eine weitere Eskalation vermeiden zu wollen, und hat angekündigt, auch während des laufenden Lehrgangs in Bardejov weiter nach einer Lösung zu suchen. Konkrete Ergebnisse hat dieser Prozess bisher nicht geliefert — zumindest keine, die die streikenden Spielerinnen überzeugen konnten.
WM-Boykott: Was im November auf dem Spiel steht
Die Dimension des Konflikts wird erst im größeren Kontext sichtbar. Im November 2026 nimmt Österreich erstmals an der A-Weltmeisterschaft in Dänemark teil — ein historischer Moment für den österreichischen Fraueneishockey-Sport. Genau dieser Moment ist nun akut gefährdet.
Mehrere der streikenden Spielerinnen haben öffentlich mit einem Boykott der A-WM gedroht. Sollten die Schlüsselspielerinnen rund um Kapitänin Meixner tatsächlich fehlen, würde Österreich bei seiner allerersten A-WM-Teilnahme ohne seine besten Athletinnen antreten. Ein Szenario, das sportlich wie symbolisch kaum schwerer wiegen könnte.
NHL-Star Marco Rossi stellt sich öffentlich hinter die Spielerinnen
Rückendeckung kommt aus einer unerwarteten, aber prominenten Richtung. NHL-Profi Marco Rossi, einer der bekanntesten österreichischen Eishockeyspieler der Gegenwart, hat sich am Montag im Rahmen eines Medientermins in St. Pölten öffentlich auf die Seite der streikenden Athletinnen gestellt.
“Wer unser Land vertritt und alles für diesen Sport gibt, verdient Respekt, Wertschätzung und die bestmögliche Unterstützung”, sagte Marco Rossi, NHL-Profi und österreichischer Nationalspieler, bei dem Termin in St. Pölten. Seine Stellungnahme verleiht dem Konflikt eine öffentliche Sichtbarkeit, die der ÖEHV kaum ignorieren kann.
Testspiele in Bardejov — mit dezimiertem Kader gegen drei Nationen
Während der Streit weitergeht, läuft der Spielbetrieb. Das verbliebene 21-köpfige Nationalteam bestreitet in Bardejov Testspiele gegen drei Gegner:
- Slowakei — Gastgeberland des Lehrgangs
- Niederlande — vergleichbares Leistungsniveau in Europa
- Italien — direkter Konkurrent im europäischen Fraueneishockey
Die Ergebnisse dieser Partien dürften sportlich in den Hintergrund treten. Wichtiger wird sein, welches Signal der Verband in den kommenden Tagen sendet — ob also aus dem angekündigten Gesprächswillen des ÖEHV erstmals konkrete, schriftliche Zusicherungen werden.
Wie der ÖEHV auf den Druck reagiert — und was als Nächstes kommt
Der Österreichische Eishockey-Verband steht in einer Zwickmühle. Einerseits will er den Lehrgang und die Vorbereitung auf die A-WM geordnet durchführen. Andererseits kann er die WM im November nicht glaubwürdig präsentieren, wenn seine besten Spielerinnen demonstrativ fehlen.
Die younion-Sportgewerkschaft hat klargemacht, dass die Geduld der Athletinnen nicht unbegrenzt ist. Die neun Forderungen liegen seit März auf dem Tisch. Wie viel Zeit bis November bleibt, ist überschaubar — und die öffentliche Aufmerksamkeit für den Konflikt wächst mit jedem Lehrgang, an dem elf Nationalspielerinnen nicht teilnehmen.
Ob es vor dem WM-Auftakt in Dänemark zu einer Einigung kommt, bleibt offen — doch der Druck auf den ÖEHV ist seit dem Auftritt von Marco Rossi in St. Pölten um eine Dimension gestiegen.



