Wer an einem Augustmorgen vor dem Außengehege der Borneo-Orang-Utans im Tiergarten Schönbrunn steht, traut seinen Augen kaum. Über den Köpfen der Besucher schwingen sich rotbraune Gestalten von Stamm zu Stamm, balancieren auf Seilen in mehreren Metern Höhe und verschwinden in Baunestern, die irgendwo zwischen Akrobatik und gemütlichem Nachmittag angesiedelt scheinen.
Dass das Außengehege seit 18. August 2026 noch einmal deutlich gewachsen ist, merkt man schnell — denn die Tiere haben jetzt mehr Wege, mehr Aussichtsplätze und mehr Möglichkeiten, genau das zu tun, wofür ihre Körper gebaut wurden. Was dahintersteckt und warum der 19. August mehr ist als nur ein netter Tiertag, erklärt das Folgende.
Erweiterung seit 2022: Was am Außengehege neu hinzugekommen ist
Seit 2022 verfügen die Orang-Utans in Schönbrunn über eine großzügige Kletteranlage im Freien. Nun wurde diese ein weiteres Mal ausgebaut. Robinienstämme, zusätzliche Seile und ein neues Baumnest erweitern das luftige Reich der Primaten um neue Routen, Ruheplätze und Pausenstationen in der Höhe.
Die Anlage ist dabei nicht auf Schaufütterung ausgelegt, sondern auf artgerechtes Verhalten. Ruheplätze werden beschattet und an heißen Tagen zusätzlich durch eine Nebelanlage gekühlt — damit die Tiere auch bei sommerlichen Temperaturen oben bleiben können, ohne zu überhitzen.
„Orang-Utans verbringen den Großteil ihres Lebens in den Bäumen”
Genau das ist der Kern des Umbaus. „Orang-Utans verbringen den Großteil ihres Lebens in den Bäumen”, sagt Dr. Stephan Hering-Hagenbeck, Tiergartendirektor des Tiergartens Schönbrunn. Die abwechslungsreiche Anlage soll ihnen ermöglichen, möglichst viele ihrer natürlichen Verhaltensweisen auszuleben — nicht nur Klettern und Schwingen, sondern auch das ruhige Beobachten aus sicherer Höhe.
Für dieses Leben über dem Boden sind Borneo-Orang-Utans körperlich exzellent ausgestattet. Ihre Arme sind ungewöhnlich lang und kräftig, die Daumen verkürzt, und ihre Füße funktionieren beinahe wie Hände. Das ermöglicht nicht nur das Hangeln von Stamm zu Stamm, sondern auch ein erstaunlich souveränes Balancieren auf Seilen.
Drei- und vierjährige Jungtiere: Kleine Klettermeister mit Mama im Rücken
Dass das Klettern früh erlernt wird, beweisen die beiden Jungtiere im Schönbrunner Gehege — eines ist drei, das andere vier Jahre alt. „Die Kleinen klettern schon wie die Großen”, sagt Sandra Keiblinger, Revierleiterin im Tiergarten Schönbrunn. Ganz auf Mamas Rücken verzichten wollen sie aber noch nicht.
Die Jungtiere lassen sich weiterhin gerne von ihren Müttern tragen — ein mütterlicher Rücken ist eben nicht nur bequem, sondern auch der sicherste Platz im Gehege. Das Männchen dagegen zeigt zunehmend jene markanten Züge, die erwachsene Borneo-Orang-Utan-Männchen unverwechselbar machen: Erste Ansätze der typischen Wangenwülste sind bereits zu erkennen.
Welt-Orang-Utan-Tag am 19. August: Der ernste Hintergrund des tierischen Festes
Das lebhafte Treiben in den Baumkronen täuscht über eine bedrohliche Realität hinweg. In ihrer Heimat auf Borneo und Sumatra sind alle Orang-Utan-Arten von der Ausrottung bedroht. Der Verlust und die Zerschneidung der Regenwälder setzen den Menschenaffen massiv zu — zusammenhängende Lebensräume schrumpfen seit Jahrzehnten.
Die Schönbrunner Gruppe soll deshalb als Botschafterin für ihre Artgenossen in der Wildbahn dienen. Der Tiergarten hat nach eigenen Angaben eine stabile Zuchtgruppe mit ausgewogener Altersstruktur aufgebaut, bestehend aus dem Männchen, mehreren jungen Weibchen und deren Nachwuchs. Was genau eine funktionierende Zuchtgruppe ausmacht, zeigt diese Zusammenstellung:
- Ein adultes Männchen mit beginnenden Wangenwülsten
- Mehrere junge Weibchen als Kern der Zuchtgruppe
- Zwei Jungtiere im Alter von 3 und 4 Jahren
- Ausgewogene Altersstruktur als Grundlage langfristiger Erhaltungszucht
Projekt HUTAN: Schönbrunns Engagement reicht bis nach Borneo
Das Engagement des Tiergartens endet nicht am Gehegezaun. Schönbrunn unterstützt auf Borneo das Projekt HUTAN, das konkrete Schutzmaßnahmen vor Ort umsetzt. Dazu gehören die Schaffung von Waldkorridoren, die getrennte Lebensräume wieder miteinander verbinden, die Förderung der Artenvielfalt sowie die Verringerung von Konflikten zwischen Menschen und Wildtieren.
Während also daran gearbeitet wird, den Orang-Utans in ihrer Heimat wieder ausreichend zusammenhängenden Lebensraum zu sichern, zeigen ihre Schönbrunner Artgenossen täglich, wofür dieser Raum gebraucht wird: zum Klettern in mehreren Metern Höhe, zum Schwingen zwischen Robinienstämmen, zum Ausruhen in beschatteten Baunestern — und natürlich für den besten Platz ganz oben.
Was Besucher ab sofort in Schönbrunn sehen können
Das erweiterte Außengehege ist seit 18. August 2026 in Betrieb. Der Tiergarten Schönbrunn liegt im 13. Wiener Gemeindebezirk Hietzing und ist täglich geöffnet. Gerade in den Morgenstunden, wenn die Tiere besonders aktiv sind, lohnt sich ein Besuch beim Orang-Utan-Gehege besonders.
Ob das Männchen an diesem Morgen gerade in einem Baumnest döst oder die Jungtiere wieder einmal versuchen, ihre Mütter als Klettergerüst zu benutzen — mit der neuen Anlage haben die Tiere jedenfalls mehr Möglichkeiten als je zuvor, und die Besucher entsprechend mehr zu sehen.



