Am Abend des 10. September 2026 saß Walter Boltz, langjähriger Chef der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control, im ZIB2-Studio und lieferte eine Einschätzung, die wenig Spielraum für Optimismus ließ. Europas Gasspeicher sind so schlecht befüllt wie seit Jahren nicht mehr. Flüssiggastransporte durch die Straße von Hormus stocken. Und die Lieferanten haben ihre Reserven im ersten Halbjahr 2026 aus kommerziellen Gründen nur sehr zögerlich aufgefüllt.
Die entscheidende Frage, die viele Haushalte in Österreich umtreibt, lautet nicht ob Gas teurer wird — sondern wann die Rechnung tatsächlich ankommt. Boltz hat darauf eine präzise, und für viele unbequeme, Antwort.
Warum die Großhandelspreise bereits doppelt so hoch sind wie vor neun Monaten
An den europäischen Großhandelsmärkten hat sich der Gaspreis in den vergangenen drei Quartalen nahezu verdoppelt. Der Grund ist eine Kombination aus geopolitischem Druck und versäumter Vorsorge. Ein großer Teil der Flüssiggastransporte durch die Straße von Hormus sei gestoppt, sagte Boltz. Gleichzeitig habe Europa die Sommermonate nicht genutzt, um Speicher gezielt zu befüllen.
Das Resultat: Die Speicherstände liegen deutlich unter dem Niveau vergleichbarer Vorjahre. Zwar geht Boltz nach aktuellem Stand nicht von physischen Versorgungsengpässen im Winter aus — der Speicherstand sei mittlerweile hoch genug und der globale Flüssiggasmarkt robust genug. Aber Versorgungssicherheit und Preisstabilität sind zwei verschiedene Dinge.
Sechs bis neun Monate Verzögerung: Warum die Rechnung noch nicht gekommen ist
Haushaltskunden merken von steigenden Großhandelspreisen zunächst nichts — das ist kein Zufall, sondern Systemlogik. Lieferanten decken sich mittelfristig mit Gas ein, erklärte Boltz. Das Gas, das in den kommenden drei bis vier Monaten verbraucht wird, wurde zu einem Großteil bereits vor sechs bis neun Monaten eingekauft — zu den damals niedrigeren Preisen.
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Dieser Puffer läuft jedoch aus. Sobald Lieferanten neue Mengen zum aktuellen Marktpreis beschaffen müssen, geben sie die Kosten an die Kunden weiter. Der Zeitrahmen bis zu dieser Weitergabe beträgt laut Boltz eben jene sechs bis neun Monate — was bedeutet, dass der Preisanstieg für viele Österreicherinnen und Österreicher erst im Laufe des Winters 2026/27 spürbar wird.
30 bis 40 Prozent teurer: Was Boltz für den Winter 2026/27 erwartet
Für den kommenden Heizwinter hält Boltz Preissteigerungen von 30 bis 40 Prozent für durchaus realistisch — auch wenn er extreme Preissprünge nicht als wahrscheinlichstes Szenario bezeichnet. Ein Restrisiko bleibt: Bei einem sehr kalten Winter könnte es gegen Ende der Heizperiode zu physischer Knappheit kommen. Das sei „nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen“, so der Experte.
Die kritischsten Monate sind dabei weniger der Jänner als das späte Frühjahr 2027, wenn die Speicher am stärksten beansprucht sind und die zum Hochpreis eingekauften Mengen voll durchschlagen. Boltz fasste es knapp zusammen: „Es wird sicher nicht günstiger.“
2027 und danach: Warum sich der Preisdruck langfristig festsetzt
Der Energieexperte sieht kaum Entspannung in der mittleren Frist. „Im Jahr 2027 müssen die Lieferanten ihre hohen Preise schrittweise weitergeben“, sagte Boltz. Das bedeute für Haushalte strukturell teureres Gas — unabhängig davon, ob der kommende Winter mild oder streng ausfällt.
Sein Rat: Kundinnen und Kunden sollten sich wieder aktiv informieren, welcher Anbieter die günstigsten Konditionen bietet. Ein Anbieterwechsel kann laut früheren Erhebungen der E-Control mehrere Hundert Euro pro Jahr ausmachen. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Zeitpunkte zusammen:
- Jetzt bis Frühjahr 2027: Preise für Bestandskunden noch weitgehend stabil, da Gas zu früheren Konditionen eingekauft wurde.
- Winter 2026/27: Erste Preiswellen möglich, Aufschläge von 30 bis 40 Prozent nicht auszuschließen.
- Ab 2027: Schrittweise Weitergabe der Hochpreise durch Lieferanten — dauerhaft höhere Jahresrechnungen.
- Risikoszenario: Sehr kalter Winter könnte gegen Ende der Heizsaison physische Knappheit auslösen.
- Handlungsfenster: Tarifvergleich und Anbieterwechsel jetzt sinnvoll, bevor neue Vertragspreise greifen.
Russisches Gas als Ausweg? Boltz sagt klar Nein
Eine Rückkehr zu Lieferungen aus Russland schließt Boltz als Lösung aus. Auf die Frage, ob die Kündigung des OMV-Gazprom-Vertrags Ende 2024 ein Fehler war, verwies er auf die politische Instrumentalisierung des russischen Gasgeschäfts. „Die würden zum erstbesten Zeitpunkt, wenn sie das Gefühl haben, wir befinden uns in einer schlechten Situation, die Gaslieferungen wieder als politisches Druckmittel verwenden“, sagte Boltz.
Es sei richtig, ohne Russland auszukommen. Europa müsse aber, so Boltz, „ein wenig mehr Weitsicht zeigen als das heuer der Fall war“ — eine deutliche Kritik an der versäumten Befüllung der Speicher im ersten Halbjahr 2026.
Huthi-Kontrolle über Mokka: Wie der Jemen-Konflikt die Energiepreise treibt
Den Preisdruck verstärkt ein geopolitisches Ereignis, das direkt auf internationale Energierouten wirkt. Laut Berichten von dpa und Reuters haben die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen die strategisch wichtige jemenitische Hafenstadt Mokka unter ihre Kontrolle gebracht. Damit wächst ihr Einfluss nahe der Meerenge Bab al-Mandab — einer der bedeutendsten Durchfahrtsrouten für Rohöl und Flüssiggas aus der Golfregion Richtung Mittelmeer und Europa.
Gleichzeitig ist die Straße von Hormus wegen des Konflikts zwischen den USA und dem Iran weitgehend blockiert — für Saudi-Arabien bleibt die Bab al-Mandab damit der wichtigste Exportkorridor. Berichte über Angriffe auf die Hanisch-Inseln und viermaligen Luftalarm innerhalb von 24 Stunden in der saudischen Stadt Chamis Muschait zeigen, wie ernst die Lage ist. Der Brent-Rohölpreis reagierte prompt und stieg um 3,5 Prozent auf über 100 Dollar je Barrel. Boltz warnte, bei ausbleibender Entspannung könnten um den Jahreswechsel auch bei einzelnen Erdölprodukten globale Engpässe entstehen — mit Auswirkungen auch auf österreichische Verbraucher.
Ob die diplomatischen Bemühungen — darunter eine saudische Aufforderung über Pakistan an den Iran, mäßigend auf die Huthis einzuwirken — bis zur Heizperiode greifen, bleibt die entscheidende offene Frage für die Energierechnung österreichischer Haushalte im Winter 2026/27.
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