Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee gehört für die meisten Österreicherinnen und Österreicher zum Morgen wie das Aufstehen selbst. Doch während viele ihren dritten oder vierten Espresso des Tages noch mit einem schlechten Gewissen trinken, liefert eine finnische Forschungsgruppe nun Befunde, die das gewohnte Bild vom Kaffeekonsum gehörig verschieben.
Wissenschaftler der Universität Oulu haben untersucht, ob und wie stark der tägliche Kaffeegenuss mit Körperzusammensetzung, Hormonen und Stoffwechselmarkern zusammenhängt — und kamen zu Ergebnissen, die selbst erfahrene Ernährungsmediziner aufhorchen lassen dürften.
Die Studie: 2.264 Finnen, ein Jahrgang, klare Muster
Das Team um Luca Verroest analysierte Daten von 2.264 Personen, alle im Alter von 46 Jahren, aus der Nordfinnischen Geburtskohorte von 1966. Diese Langzeit-Kohorte gehört zu den methodisch sorgfältigsten Bevölkerungsstudien Nordeuropas und liefert seit Jahrzehnten Grundlagendaten für die Gesundheitsforschung.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob sich der individuelle Kaffeekonsum in messbaren Unterschieden bei Stoffwechselprodukten, Risikomarkern und Sexualhormonen niederschlägt. Die Studie wurde im Fachblatt European Journal of Nutrition veröffentlicht.
Weniger Bauchfett bei Vieltrinkern: Was die Zahlen zeigen
Das auffälligste Ergebnis betrifft die Körperzusammensetzung. Trotz vergleichbarem Body-Mass-Index wiesen Personen mit hohem Kaffeekonsum weniger Gesamt- und Viszeralfett sowie mehr Skelettmuskelmasse auf als jene, die selten oder nie Kaffee tranken.
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Der Unterschied beim Körperfettanteil ist konkret: Wer fünf Tassen oder mehr pro Tag trank, hatte im Schnitt einen Körperfettanteil von 27,1 Prozent — gegenüber 29,7 Prozent bei Nicht-Kaffeetrinkern. Das klingt nach wenig, entspricht in der Praxis aber einer spürbaren Verschiebung hin zu günstigeren Stoffwechselwerten.
Besonders relevant: Das viszerale Fett, jenes Bauchfett, das sich um die inneren Organe legt und mit erhöhtem Herzkreislaufrisiko verbunden ist, war bei Vieltrinkern beider Geschlechter geringer ausgeprägt.
Aminosäuren im Blut: Ein Hinweis auf geringeres Diabetes-Risiko
Ein weiterer Befund betrifft verzweigtkettige Aminosäuren im Blut, sogenannte BCAAs. Bei Personen mit hohem Kaffeekonsum lagen deren Konzentrationen niedriger — und das bei Männern wie Frauen gleichermaßen.
Dieser Zusammenhang ist deshalb bedeutsam, weil erhöhte BCAA-Spiegel als Biomarker für Insulinresistenz gelten und mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht werden. Niedrigere Werte deuten also auf einen günstigeren Zuckerstoffwechsel hin — auch wenn die Studie keine Kausalität belegen kann.
Testosteron und Hormone: Deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Die stärksten geschlechtsspezifischen Effekte zeigten sich bei Männern. Ein hoher Kaffeekonsum korrelierte bei ihnen mit einem günstigeren Glukose-Insulin-Profil, höheren Gesamttestosteronwerten und erhöhten Konzentrationen von sexualhormonbindendem Globulin (SHBG). Gleichzeitig waren freies Testosteron und freie Androgene etwas niedriger.
Bei Frauen waren die hormonellen Veränderungen weniger ausgeprägt. Die Forschenden deuten diese Geschlechterunterschiede als Hinweis darauf, dass hormonelle Prozesse den Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Stoffwechselgesundheit zumindest teilweise erklären könnten.
Was die Studie kann — und was nicht
Die Befunde klingen eindrucksvoll, verlangen aber eine klare Einordnung. Die Forschenden der Universität Oulu betonen ausdrücklich, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Sie zeigt Zusammenhänge, liefert aber keinen Beweis für eine Ursache-Wirkung-Beziehung.
Konkret bedeutet das: Es lässt sich aus diesen Daten nicht ableiten, dass mehr Kaffee trinken automatisch zu weniger Bauchfett führt. Möglich ist etwa, dass Menschen mit einem generell aktiveren Lebensstil sowohl mehr Kaffee konsumieren als auch günstigere Körperwerte aufweisen. Die relevanten Unterschiede lassen sich im Überblick so zusammenfassen:
- Körperfettanteil bei 5+ Tassen täglich: 27,1 % gegenüber 29,7 % bei Nicht-Trinkern
- Weniger viszerales Bauchfett bei Vieltrinkern beider Geschlechter
- Höhere Skelettmuskelmasse bei hohem Kaffeekonsum
- Niedrigere BCAA-Spiegel — Hinweis auf günstigeren Zuckerstoffwechsel
- Bei Männern: höhere SHBG-Werte, günstigeres Glukose-Insulin-Profil
Wie es weitergeht: Offene Fragen bleiben
Die Studie schafft eine solide Datenbasis, wirft aber zugleich neue Fragen auf. Millionen Menschen trinken täglich Kaffee — dennoch ist laut den Forschenden der Universität Oulu vieles über die konkreten Auswirkungen auf Stoffwechsel und Hormonhaushalt noch ungeklärt. Weitere Untersuchungen, idealerweise kontrollierte Interventionsstudien, wären notwendig, um die beobachteten Zusammenhänge mechanistisch zu erklären.
Ob Koffein, Chlorogensäure oder andere Kaffeeinhaltstoffe dabei die entscheidende Rolle spielen, ist eine der Fragen, die folgende Forschungsprojekte beantworten müssen.
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