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Ann-Marlene Henning Orgasmus: Warum der vaginale Orgasmus eine Erfindung ist

Ann-Marlene Henning Orgasmus: Warum der vaginale Orgasmus eine Erfindung ist

Es war eine Aussage, die im Beratungszimmer von Ann-Marlene Henning schon Hunderte Male gefallen ist — und die dennoch immer wieder für Stille sorgt: „Frauen haben keine vaginalen Orgasmen. Die haben nur Männer — und zwar im Kopf.“ Die dänische Sexologin, die 2012 mit ihrem Bestseller Make Love und der gleichnamigen ZDF-Serie zur bekanntesten Aufklärerin des deutschsprachigen Raums wurde, hält diesen Satz für keine Provokation. Für sie ist er schlicht Anatomie.

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Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution glauben noch immer rund 30 Prozent der Frauen, nie gelernt zu haben, zum Orgasmus zu kommen — laut Henning meist nicht aus körperlichen, sondern aus psychologischen Gründen. Was dahintersteckt, und welches anatomische Missverständnis seit Sigmund Freud hartnäckig überlebt, erklärt die Expertin in einem aktuellen Interview und in ihrem neuen Buch.

Vaginaler Orgasmus: Ein Mythos, der sich seit Freud hält

Die Unterscheidung zwischen „vaginalem“ und „klitoralem“ Orgasmus geht auf Sigmund Freud zurück, der den Ersteren als die reifere, erstrebenswertere Form bezeichnete. Dieses Konzept hält sich bis heute — in Frauenzeitschriften, in Paarberatungen, im Alltag. Henning widerspricht dem klar: Es gebe nur eine einzige Quelle weiblicher Lust.

„Es ist immer die Klitoris“, sagt sie. Frauen hätten klitorale Orgasmen — äußere und innere. Den „vaginalen“ Orgasmus als eigenständiges Phänomen bezeichnete Henning im Gespräch mit der Brigitte als Konstrukt, das vor allem im Kopf von Männern existiere.

Klitoris und G-Punkt: Was die Anatomie wirklich zeigt

Klitoris und Penis haben embryonal denselben Ursprung — ein Umstand, der in der schulischen Sexualaufklärung kaum vorkommt. Die Klitoris ist dabei weit größer als der sichtbare äußere Anteil vermuten lässt: Ihr inneres Gewebe erstreckt sich tief in den Beckenboden.

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Auch der sogenannte G-Punkt existiert laut Henning in der Form nicht, wie er populär beschrieben wird. Es handle sich nicht um einen präzisen Knopf, den man gezielt suchen müsse, sondern um eine G-Zone — hochempfindliches Drüsengewebe rund um die Harnröhre, das indirekt über die innere Klitoris stimuliert wird. Wer jahrelang auf der Suche nach dem richtigen Punkt war und ihn nicht fand, ist also nicht gescheitert. Die Frage war schlicht falsch gestellt.

Scham als größtes Hindernis: Warum 30 Prozent der Frauen nie einen Orgasmus erlebt haben

Die erschreckendste Zahl in Hennings Praxisarbeit ist nicht anatomischer Natur: Etwa 30 Prozent der Frauen hätten nie gelernt, zum Orgasmus zu kommen. Der Grund dafür liege selten im Körper. „Der schwierigste Partner auf dem Sofa in meiner Praxis ist die Religion“, sagt Henning.

Viele Frauen seien mit der tief verankerten Botschaft aufgewachsen, dass Sexualität schmutzig, verboten oder moralisch verwerflich sei. Dieses innere Verbot sitze so fest, dass es körperliche Lust buchstäblich blockiere.

Eine Klientin Mitte 60 — und eine einfache Lösung

Henning berichtet von einer Klientin Mitte 60, die in ihrem gesamten Leben noch keinen Orgasmus erlebt hatte. Der therapeutische Durchbruch erforderte weder Medikamente noch jahrelange Behandlung. „Ich musste nur über ihre Scham sprechen und ihr quasi die Erlaubnis geben, ihre Klitoris zu berühren“, sagt Henning.

Diese eine Intervention reichte. Der Fall verdeutlicht, worum es der Sexologin im Kern geht: Frauen kennen ihren eigenen Körper oft deshalb nicht, weil ihnen niemand je erklärt hat, dass das Kennenlernen erlaubt ist — geschweige denn erwünscht.

Das neue Buch: 101 Fragen, die sich kaum jemand laut zu stellen traut

In ihrem aktuellen Buch Warum hängt der Sack im Alter so tief? 101 Fragen und Antworten rund um Sexualität greift Henning genau jene Themen auf, die in Arztpraxen, Schulen und Beziehungen unausgesprochen bleiben. Das Spektrum reicht von anatomischen Grundlagen bis zu Fragen rund um Sexualität im Alter.

  • Warum die Klitoris größer ist, als die meisten Menschen ahnen
  • Was die G-Zone von einem „G-Punkt“ unterscheidet
  • Weshalb Scham häufiger zur Anorgasmie führt als körperliche Ursachen
  • Wie Paare über sexuelle Wünsche sprechen können, ohne in Schweigen zu verfallen
  • Warum religiöse Prägung in der Sexualtherapie eine zentrale Rolle spielt

Henning versteht das Buch als Fortsetzung ihrer Aufklärungsarbeit, die sie seit dem Erscheinen von Make Love im Jahr 2012 betreibt — mit dem Unterschied, dass die Fragen heute expliziter gestellt werden dürfen als damals.

Was der Irrglaube über den vaginalen Orgasmus tatsächlich anrichtet

Der Mythos ist nicht harmlos. Frauen, die glauben, beim „richtigen“ Sex von selbst zum Orgasmus kommen zu müssen, erleben dessen Ausbleiben als persönliches Versagen — oder täuschen ihn vor. Studien aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass ein erheblicher Anteil von Frauen den Orgasmus regelmäßig simuliert, um dem Partner nicht zu enttäuschen oder das Gespräch darüber zu vermeiden.

Henning hält dagegen: Das Gespräch ist der einzige Weg. Nicht das Schweigen schützt Beziehungen, sondern das Wissen — über den eigenen Körper, über anatomische Realitäten und über die Erlaubnis, Lust als etwas Legitimes zu begreifen.

Wie viele Frauen in Österreich diesen Schritt noch vor sich haben, lässt sich nicht genau beziffern — aber Hennings Praxis gibt einen Hinweis.

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