Es war ein Donnerstagabend, der vielen Österreichern den Atem verschlug. In der ORF-Sendung „ZIB2“ saß Infektiologe und Tropenmediziner Christoph Steininger dem Moderator Martin Thür gegenüber und sprach über einen Fall, der seit Tagen international für Unruhe sorgt: eine 28-jährige Laborantin, gestorben im Krankenhaus der Stadt Schelechow bei Irkutsk in Sibirien. Die Frau hatte in einem Institut zur Bekämpfung von Pestkrankheiten gearbeitet.
Was russische Behörden offiziell als Lungenentzündung unbekannter Herkunft eingestuft haben, sieht für Steininger anders aus. Und ein zweiter möglicher Todesfall, der sich seither abzeichnet, wirft die Frage auf, wie ernst die Lage wirklich ist — und warum Moskau bislang schweigt.
Was in Irkutsk am 8. Oktober 2026 geschah
Die 28-jährige Laborantin starb an einem Freitag im Krankenhaus von Schelechow, einer Stadt unweit von Irkutsk im sibirischen Russland. Der Verdacht: Sie soll sich beim Zerbrechen eines Reagenzglases mit dem Pest-Erreger Yersinia pestis infiziert haben. Bilder von Einsatzkräften in Schutzanzügen rund um das betroffene Labor verbreiteten sich rasch im Netz und schürten weltweit Besorgnis.
Seither wird ein zweiter möglicher Fall untersucht — ein Mann soll ebenfalls an der Krankheit gestorben sein. Eine endgültige Bestätigung der russischen Behörden steht noch aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verfolgt die Situation und fordert gemeinsam mit den USA und der EU mehr Transparenz von Russland. Antworten blieben bislang aus.
„Kriterien für Lungenpest erfüllt“ — was Steininger damit meint
Christoph Steininger, Infektiologe und Tropenmediziner, wählte in der „ZIB2“ präzise Worte. Eine schwere Lungenentzündung und eine Lungenpest seien klinisch kaum voneinander zu unterscheiden, erklärte er. Deshalb sei es durchaus möglich, dass die Frau — wie von russischer Seite behauptet — an einer Lungenentzündung gestorben sei. Der Umkehrschluss sei aber ebenso gültig: „Die Kriterien für eine Lungenpest sind erfüllt.“
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Entscheidend sei dabei der Arbeitskontext der Verstorbenen. Sie habe in einem Labor gearbeitet, in dem nachweislich Lungenpest-Erreger vorhanden sind. Dieser Umstand verstärke den Verdacht erheblich, so Steininger. Ohne belastbare Informationen aus Russland lasse sich die Gefährdungslage schlicht nicht seriös einschätzen.
Übertragung wie bei Grippe: Was die Lungenpest von der Beulenpest unterscheidet
Pest ist nicht gleich Pest. Der Erreger Yersinia pestis wird in der Regel durch den Stich infizierter Flöhe übertragen — das ist der klassische Weg zur Beulenpest, einer weniger infektiösen Verlaufsform. Die Lungenpest hingegen ist eine andere Dimension: Sie kann direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden, und zwar durch „Husten, Niesen, Sprechen“, wie Steininger in der Sendung erklärte.
Damit ähnelt die Übertragungsweise jener von Grippe oder Covid-19. Wird die Krankheit rechtzeitig erkannt, lässt sie sich mit Antibiotika behandeln. Die Sterblichkeit ist bei frühzeitiger Therapie deutlich geringer — doch genau dafür brauche es verlässliche Informationen über den Erreger und das Ausbruchsgeschehen, betonte Steininger.
Russlands Intransparenz als eigentliches Problem
„Das wesentliche Problem, das ich sehe, ist die Intransparenz der Informationsweitergabe durch die russischen Behörden“, sagte Christoph Steininger, Infektiologe an der Medizinischen Universität Wien, in der „ZIB2“. Grundsätzlich wäre ein Pestfall in Sibirien — wo die Krankheit endemisch vorkommt — keine dramatische Ausnahme. Man könnte behandeln, man könnte eindämmen. Aber nur, wenn man wisse, womit man es zu tun habe.
Steininger ließ auch eine weitere Frage offen stehen: Wozu brauche es überhaupt ein eigenes Institut für Pesterreger, wenn die Krankheit fast verschwunden sei? „Die Vermutung ist natürlich auch, dass dort Forschung in Richtung Biowaffen betrieben wird“, so der Experte. Er ergänzte jedoch, er hoffe, dass die Forschung ausschließlich der Heilung und Vorbeugung diene.
Schutzanzüge vor Ort und was die WHO nun fordert
Die Bilder von Einsatzkräften in Vollschutzausrüstung vor dem Labor in Irkutsk haben Steininger nicht überrascht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Theater ist“, sagte er. Die Maßnahmen vor Ort — Quarantäneregeln, Schutzanzüge, Kontaktverfolgung — deuteten darauf hin, dass die Situation ernster sei, als wäre „es ein trivialer Grippefall gewesen“.
Nach dem ersten bestätigten Todesfall waren in der Region bereits Maßnahmen zur Kontrolle möglicher Kontaktpersonen eingeleitet worden. Was genau unternommen wurde, bleibt unklar — Russland kommuniziert nicht. Die WHO beobachtet die Entwicklung und hat gemeinsam mit den USA und der EU konkrete Informationen angefordert. Folgende Punkte stehen im Mittelpunkt der internationalen Forderungen:
- Bestätigung der genauen Erregerart und Verlaufsform
- Angaben zur Zahl der exponierten Kontaktpersonen
- Transparenz über den zweiten möglichen Todesfall
- Klarheit über Art und Umfang der Forschung im betroffenen Institut
- Offizielle Stellungnahme zum Ergebnis der laufenden Behördenuntersuchung
Auf all diese Punkte hat Moskau bislang nicht geantwortet.
Was jetzt offen bleibt — und worauf Wien achtet
Das Österreichische Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz verfolgt die Berichte aus Russland. Eine akute Gefahr für Österreich besteht nach aktuellem Stand nicht — Pest ist in Mitteleuropa seit Jahrhunderten nicht mehr endemisch, und die Übertragungskette zwischen Sibirien und Wien ist nicht gegeben, solange keine Reisebewegungen aus dem Ausbruchsgebiet dokumentiert sind.
Entscheidend wird sein, ob Russland in den nächsten Tagen belastbare Daten liefert — denn erst dann kann die WHO einschätzen, ob internationale Schutzmaßnahmen nötig werden.
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