Mitten auf dem Schlossgelände von Marchegg, wo die Auen der March in der Spätsommerstille liegen, haben die Zähler des Vereins Auring in diesem Sommer gezählt, was es in dieser Form noch nie gab: Nest für Nest, Küken für Küken. Das Ergebnis hat selbst erfahrene Vogelschützer überrascht.
147 Jungvögel flogen 2026 aus den Horsten der Marchegger Weißstörche auf — mehr als je zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen. Damit stellt sich die Frage, was hinter diesem außergewöhnlichen Bruterfolg steckt und was er für den Artenschutz in Niederösterreich bedeutet.
147 Jungvögel: Was den Rekord von 2026 so besonders macht
Der bisherige Höchststand stammte aus dem Jahr 1996 — damals wurden 138 Jungvögel erfasst. Heuer übertrafen die Marchegger Störche diesen Wert um 9 Jungvögel. Das aktuelle Monitoring des Vereins Auring, durchgeführt im WWF-Auenreservat, auf dem Schlossgelände, in Markthof sowie in der Stadt Marchegg selbst, lieferte die Grundlage für diese Auswertung.
Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Wert: Mit durchschnittlich rund drei Küken pro Brutpaar wurde ein Allzeit-Hoch bei der Jungvogelrate erreicht. Das ist kein Zufallsergebnis, sondern das Produkt jahrzehntelanger Schutzarbeit.
Mehr zum Lesen
46 Brutpaare: Warum auch dieser Wert Geschichte schreibt
Parallel zum Jungvogelrekord wurde mit 46 Brutpaaren der Rekord von 1994 eingestellt. Zwei historische Marken in einer einzigen Brutsaison — das hat es in Marchegg noch nicht gegeben. Die Kombination aus hoher Paarzahl und überdurchschnittlichem Bruterfolg pro Nest erklärt, warum 2026 als Ausnahmejahr in die Storchkunde eingehen wird.
„Die erfreulichen Zahlen sind ein großer Erfolg für den Artenschutz und verdeutlichen die Bedeutung des WWF-Auenreservats für die Biodiversität“, sagte Jurrien Westerhof, Leiter des WWF-Auenreservats Marchegg.
Was Marchegg für Weißstörche so unersetzlich macht
Nicht jedes Feuchtgebiet eignet sich als Storchrevier. Der Erfolg in Marchegg beruht auf einem Zusammenspiel, das andernorts so kaum existiert. „Weißstörche brauchen geeignete Brutplätze und nahrungsreiche Flächen in ihrer unmittelbaren Umgebung. In Marchegg kommt beides zusammen, das macht dieses Gebiet so wertvoll für ihren Bruterfolg“, erklärte Karin Donnerbaum, Biologin beim Verein Auring aus Hohenau an der March.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei die naturnahe Bewirtschaftung des rund 1.100 Hektar großen Reservats. Westerhof beschreibt, was das konkret bedeutet: „Die Beweidung durch eine Rinderherde und unsere halbwilden Konik-Pferde schafft wertvolle Strukturen, wie zum Beispiel Dunghaufen, Suhlen und unterschiedliche Vegetationsstufen. Davon profitieren neben den Weißstörchen noch viele weitere Tier- und Pflanzenarten.“
Mehr als 500 gefährdete Arten: Was das Reservat sonst noch beherbergt
Das WWF-Auenreservat Marchegg ist weit mehr als ein Storchrevier. Laut WWF leben hier über 500 gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Neben den Weißstörchen finden Seeadler, Schwarzstörche und Rotmilane wichtige Brutplätze — eine Artenvielfalt, die in Mitteleuropa ihresgleichen sucht.
Die folgenden Faktoren machen das Reservat laut Vereinsangaben so produktiv:
- Naturnahe Auenlandschaft entlang der March mit regelmäßigen Überflutungen
- Extensive Beweidung durch Rinder und Konik-Pferde, die vielfältige Kleinstrukturen schafft
- Geschützte Brutplätze auf dem Schlossgelände, in Markthof und in der Stadt Marchegg
- Langfristiges wissenschaftliches Monitoring durch den Verein Auring seit Jahrzehnten
- Einbettung in das grenzüberschreitende Auensystem an der March
WWF fordert österreichweite Renaturierung — was als nächstes kommen soll
Der Rekord wird vom WWF nicht als Schlusspunkt, sondern als Argument gewertet. „Marchegg zeigt, was langfristiger Naturschutz bewirken kann. Diesen Weg müssen wir auch andernorts stärken: Auen schützen, Flüssen mehr Raum geben und geschädigte Natur wiederherstellen“, sagte Westerhof. Der WWF richtet damit eine konkrete Forderung nach einer österreichweiten Renaturierungsoffensive an die Politik in Bund und Ländern.
Ob sich der Bruterfolg von Marchegg tatsächlich als Modell für andere Auengebiete in Niederösterreich und darüber hinaus erweisen lässt, wird die Auswertung der kommenden Brutsaisons zeigen — die Zahlen von 2026 setzen jedenfalls eine Messlatte, an der sich künftige Schutzbemühungen werden messen lassen müssen.
Ihre Meinung hilft uns










Das Gespräch geht weiter
Kommentare