Der Bericht wurde in Palau vorgestellt, einem Inselstaat mitten im Pazifik, dessen gesamte Existenz von intakten Riffen abhängt. Mehr als 21 Millionen Einzelbeobachtungen aus 36.800 Riffstandorten in 124 Ländern flossen in den „Zustand der Korallenriffe der Welt: 2025″ des Global Coral Reef Monitoring Network (GCRMN) ein — die größte globale Bestandsaufnahme, die je durchgeführt wurde.
Das Ergebnis ist ernüchternd: Die weltweite Bedeckung mit Hartkorallen ist im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1980 bis 2009 bereits um rund 9,5 Prozent gesunken. Und die eigentlich beunruhigendere Zahl steckt nicht im gegenwärtigen Verlust, sondern in dem, was den Riffen zunehmend fehlt — Zeit.
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GCRMN 2025: Was die bisher größte Riff-Erhebung zeigt
Früher lagen zwischen schweren Bleichereignissen oft Jahrzehnte. Die Korallen hatten Gelegenheit, sich zu erholen, neue Kolonien zu bilden und verlorene Hartstruktur aufzubauen. Dieser Rhythmus ist zusammengebrochen. Laut dem GCRMN-Bericht verbleiben den Riffen heute im günstigsten Fall noch fünf bis sechs Jahre zwischen zwei schweren Bleichphasen.
„Nicht der aktuelle Verlust der Hartkorallenbestände bereitet mir die größten Sorgen, sondern die Tatsache, dass wir die Bedingungen für ihre Regeneration stetig zerstören”, erklärte Manuel Gonzalez Rivero, Hauptautor der Studie und Forscher am Australian Institute of Marine Science. Diese Einschätzung unterscheidet den Bericht von früheren Bestandsaufnahmen: Es geht nicht mehr nur um das, was bereits weg ist, sondern um das Zeitfenster, das noch bleibt.
Korallenbleiche: Warum das Weiß der Riffe kein gutes Zeichen ist
Korallenbleiche ist eine Stressreaktion. Wenn die Wassertemperatur zu lange zu hoch liegt, stoßen Korallen die in ihrem Gewebe lebenden Algen ab — jene Mikroorganismen, die ihnen Farbe und bis zu 90 Prozent ihrer Energie liefern. Was bleibt, ist das durchscheinende weiße Kalkskelett. Erholt sich die Koralle nicht schnell genug, stirbt sie ab.
Haupttreiber weltweiter Massenbleichen ist der Klimawandel. Das Wetterphänomen El Niño verschärft die Situation zusätzlich, weil es die ohnehin steigenden Meerestemperaturen weiter anhebt. Der EU-Klimadienst Copernicus registrierte am 22. August 2026 eine globale Meerestemperatur von 21,1 Grad Celsius — ein Rekordwert seit Beginn systematischer Messungen im Jahr 1979.
Rekordwarm: Was steigende Meerestemperaturen für Riffe bedeuten
Die Ozeane haben in den vergangenen Jahrzehnten den Großteil der durch Treibhausgase erzeugten Wärme aufgenommen. Das hat das Ausmaß des Klimawandels an der Erdoberfläche bisher gedämpft — für die Meeresökosysteme aber katastrophale Folgen gehabt. Wärmere Gewässer bedeuten häufigere und intensivere Bleichereignisse.
Die Häufigkeit ist das entscheidende Problem. Selbst widerstandsfähige Riffabschnitte, die ein Bleichereignis überstehen, brauchen mindestens zehn bis fünfzehn Jahre vollständiger Erholung, um ihre Struktur zurückzugewinnen. Bei einem Intervall von fünf bis sechs Jahren ist dieser Prozess schlicht nicht mehr möglich.
Wo noch Hoffnung besteht: Die Erholung von 2017 bis 2019
Der GCRMN-Bericht enthält auch einen Befund, der nicht untergehen sollte. Zwischen 2017 und 2019 nahm die weltweite Korallenbedeckung um sechs Prozent zu. Das belegt, dass Riffe grundsätzlich zur Regeneration fähig sind — unter zwei Bedingungen:
- Zwischen schweren Bleichereignissen muss ausreichend Zeit ohne extreme Wassertemperaturen liegen.
- Die globalen Treibhausgasemissionen müssen sinken, um die Erwärmung der Ozeane zu verlangsamen.
Beide Bedingungen sind derzeit nicht erfüllt. Genau das macht den Zeitraum der nächsten Jahre so entscheidend.
Was der Rückgang für Artenvielfalt und Millionen Menschen bedeutet
Korallenriffe bedecken weniger als 0,2 Prozent des Meeresbodens, beherbergen aber schätzungsweise ein Viertel aller bekannten Meeresspezies. Sie sind die Wälder der Ozeane — und wie Wälder filtern, strukturieren und ernähren sie ganze Ökosysteme. Weltweit sind rund 500 Millionen Menschen direkt auf Riffe angewiesen: als Nahrungsquelle, als Küstenschutz gegen Sturmwellen und als wirtschaftliche Basis für den Tourismus.
Ein dauerhafter Kollaps der Riffe würde nicht nur Meerestiere treffen, sondern ganze Inselstaaten in ihrer Existenz gefährden — Palau, wo der GCRMN-Bericht vorgestellt wurde, ist dafür ein konkretes Beispiel.
Wie es jetzt weitergeht: Was die Wissenschaft fordert
Der GCRMN-Bericht ist eine Grundlage für politische Entscheidungen, keine Entscheidung selbst. Die Autoren rund um Manuel Gonzalez Rivero fordern konkrete Reduktionsziele für Treibhausgase, die tatsächlich eingehalten werden — nicht nur auf dem Papier. Parallel dazu werden lokale Schutzmaßnahmen wie Fischereiverbotszonen und Wasserqualitätskontrollen als kurzfristige Entlastungsmaßnahmen für besonders gefährdete Riffabschnitte diskutiert.
Ob die nächste internationale Klimakonferenz die Ergebnisse des Berichts aufgreift, bleibt abzuwarten — das Fenster, in dem Maßnahmen noch einen Unterschied machen könnten, schließt sich laut den Daten des GCRMN mit jedem weiteren Rekordmonat auf den Weltmeeren ein Stück weiter.
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