Irgendwo in der Schweiz steckt eine Baumwollunterhose 30 Zentimeter tief im Ackerboden — und zerfällt dabei langsam, Faser für Faser. Was klingt wie ein skurriler Scherz, war 2021 bitterer wissenschaftlicher Ernst: Rund 1.000 Freiwillige vergruben im ganzen Land insgesamt 2.000 Baumwollunterhosen, um etwas sichtbar zu machen, das mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist.
Der Zustand unserer Böden bleibt meist im Verborgenen. Dabei speichern sie Wasser, binden Kohlenstoff, versorgen Pflanzen mit Nährstoffen und beherbergen einen Großteil aller Lebewesen auf der Erde. Das Citizen-Science-Projekt „Beweisstück Unterhose” der Universität Zürich und des Forschungszentrums Agroscope wollte genau diese unsichtbare Welt messbar machen — und die Ergebnisse sind verblüffend eindeutig.
Das Projekt: 2.000 Unterhosen als lebendige Messinstrumente
Die Methode ist so einfach wie überzeugend. Jeder der rund 1.000 Freiwilligen vergrub jeweils zwei handelsübliche Baumwollslips an verschiedenen Standorten in der Schweiz. Nach 30 und 60 Tagen wurden die Textilien wieder ausgegraben, fotografiert und ausgewertet. Der Zersetzungsgrad der Baumwolle diente dabei als direkter Näherungswert für die biologische Aktivität des Bodens.
Das Prinzip dahinter ist schlüssig: Je schneller Mikroorganismen, Pilze und Regenwürmer die Baumwollfasern abbauen, desto lebendiger und leistungsfähiger ist der Boden darunter. Die Studie wurde im Fachjournal Plants, People, Planet veröffentlicht. Bemerkenswert: Rund 240 freiwillige Helfer wurden darin als Mitautoren namentlich genannt.
Was Forscher fanden: Dramatische Unterschiede nach Standort
Die Ergebnisse zeigen, dass nicht alle Böden gleich sind — und zwar weit mehr, als bisher angenommen. Nach zwei Monaten im Boden waren die Slips je nach Standort unterschiedlich stark abgebaut:
- Privatgärten: durchschnittlich rund 58 Prozent zersetzt
- Äcker: etwa 51 Prozent zersetzt
- Dauergrünland: rund 47 Prozent zersetzt
- Rasenflächen: nur etwa 40 Prozent zersetzt
Privatgärten schnitten damit deutlich besser ab als intensiv bewirtschaftete Rasenflächen. Der Unterschied von fast 20 Prozentpunkten zwischen dem besten und schlechtesten Wert ist für die Forschenden ein klares Signal.
Bodenbewirtschaftung als entscheidender Faktor
„Unsere Resultate zeigen, dass die Bodenbewirtschaftung einen großen Einfluss auf das Bodenleben und die Bodenqualität haben kann”, erklärte Studienleiter Marcel van der Heijden von der Universität Zürich. Maßnahmen wie permanente Bodenbedeckung, der gezielte Einsatz von Kompost und vielfältige Fruchtfolgen können das unterirdische Leben gezielt fördern.
Die Landnutzungsart erwies sich dabei als der stärkste Einflussfaktor überhaupt. Nicht die Region, nicht das Klima — sondern was der Mensch direkt mit dem Boden macht, entscheidet darüber, wie aktiv das Leben darin ist.
Schnelle Zersetzung ist nicht überall ein gutes Zeichen
Einen wichtigen Einwand bringt Co-Autor Franz Bender von Agroscope ein. Er betont: „In naturnahen Lebensräumen wie Wäldern können sehr hohe Nährstoffgehalte auf Störungen des natürlichen Nährstoffhaushalts hinweisen.” Ein rascher Abbau sei also kein universelles Gütesiegel. In ökologisch stabilen Systemen kann er sogar auf ein Ungleichgewicht im Nährstoffkreislauf hindeuten.
Der sogenannte „Unterhosen-Index” soll deshalb nicht als absolute Skala, sondern als leicht verständliches Bildungswerkzeug dienen — ein erster Zugang zu einem Thema, das sonst im Labor bleibt.
Was das für Österreich bedeutet: Böden unter Druck
Die Schweizer Befunde sind auch für Österreich relevant. Laut dem Umweltbundesamt Österreich gelten rund 40 Prozent der heimischen landwirtschaftlichen Nutzflächen als erosionsgefährdet. Intensive Bewirtschaftung, fehlende Bodenbedeckung im Winter und der Rückgang der organischen Substanz belasten das Bodenleben hierzulande seit Jahrzehnten.
Die Methode des Citizen-Science-Projekts könnte auch für österreichische Gemeinden, Schulen und Landwirtschaftsbetriebe ein niederschwelliger Einstieg sein, um den Zustand ihrer eigenen Böden zu beurteilen — ohne Labor, ohne Kosten, nur mit einer Unterhose und einem Spaten.
Ob die Methode des „Unterhosen-Index” tatsächlich Eingang in die landwirtschaftliche Beratungspraxis in Österreich findet, wird sich in den kommenden Forschungszyklen zeigen — die Universität Zürich und Agroscope haben weitere Untersuchungsrunden nicht ausgeschlossen.



