Am 21. April 2016 starb Prince im Alter von 57 Jahren in seinen Paisley Park Studios im US-Bundesstaat Minnesota. Zehn Jahre später, an einem Freitagabend Ende August 2026, erschien dort drüben auf Streaming-Plattformen und im Plattenhandel ein Album, das keiner seiner Zeitgenossen je zu Gehör bekam: “Timeless” — zehn Stücke, aufgenommen zwischen 1977 und 2016, allesamt bislang unveröffentlicht.
Was das Prince Estate mit dieser Veröffentlichung auf den Markt bringt, ist kein gewöhnliches Archivprojekt. Die Spanne von fast vier Jahrzehnten macht “Timeless” zu einem musikalischen Querschnitt durch eine der eigenartigsten Karrieren der Popgeschichte — und wirft unweigerlich die Frage auf, wie viel von Prince noch im Keller von Paisley Park schlummert.
Aufnahmen aus fast vier Jahrzehnten: Was auf “Timeless” zu hören ist
Die frühesten Titel stammen aus den Anfangsjahren von Prince in Minneapolis, die jüngsten aus dem Jahr seines Todes. Kein klassisches Album also, das einem einzigen Schaffensmoment entspringt, sondern eher ein Längsschnitt: derselbe Künstler, viele Stile, viele Lebensabschnitte. Für Fans, die sein offizielles Werk in- und auswendig kennen, sind das Einblicke, die bisher schlicht nicht existierten.
Im Zentrum steht “The Guilty Ones”, aufgenommen am 26. Oktober 2007 in den Paisley Park Studios. Prince übernahm Komposition, Produktion und Arrangement in Personalunion — sämtliche Instrumente auf der Aufnahme spielte er selbst ein. Musikalisch bewegt sich der Titel zwischen Funk-Rock und Gospel, mit einem treibenden Groove und markanten Hintergrundstimmen, die an seinen späten Stil erinnern.
“Stone” und “With This Tear”: Die Vorabsingles, die Aufmerksamkeit erregten
Ganz unvorbereitet traf “Timeless” sein Publikum nicht. Noch vor dem Albumrelease hatte das Prince Estate 2026 bereits zwei Titel vorab veröffentlicht. “Stone” stammt aus dem Frühjahr 1995 und war zuvor niemals erschienen. Der zweite Vorabauskopplung, “With This Tear”, entstand im November 1991 — ebenfalls in Paisley Park.
“With This Tear” löste dabei die stärkste Resonanz aus. Der Rolling Stone beschrieb die Aufnahme als “zutiefst persönlich”; das US-Branchenblatt Billboard hob die bewusst reduzierte Umsetzung hervor und stellte Princes Stimme sowie sein Klavierspiel in den Vordergrund. Für ein Stück, das über 34 Jahre in einem Archiv verbracht hatte, eine bemerkenswerte Rezeption.
Was das Archiv über Prince verrät — und was es verbirgt
Dass Prince exzessiv aufnahm und dabei nur einen Bruchteil seines Materials veröffentlichte, ist seit Jahrzehnten bekannt. Paisley Park gilt als eines der reichhaltigsten Privatarchive der Popmusik. Wie groß dieser Fundus tatsächlich ist, lässt sich von außen kaum abschätzen — das Prince Estate hält sich bedeckt.
“Timeless” macht aber deutlich, dass das Material nicht einfach nur lagert, sondern gezielt kuratiert wird. Die Auswahl der zehn Stücke folgt offenbar einem dramaturgischen Gedanken: unterschiedliche Karrierephasen, unterschiedliche Klangwelten, kein beliebiges Durcheinander. Wer dafür die redaktionelle Verantwortung trägt, kommuniziert das Estate nicht öffentlich.
Zehn Jahre nach dem Tod: Wie das Prince Estate das Vermächtnis verwaltet
Seit dem 21. April 2016 hat das Prince Estate mehrere Archivveröffentlichungen auf den Markt gebracht. “Timeless” ist dabei die erste, die so dezidiert den Charakter einer Werkschau annimmt — zehn Stücke, zehn Stationen, fast vier Jahrzehnte Arbeit eines Mannes, der Zeit seines Lebens die Kontrolle über sein Werk eifersüchtig hütete.
- Schwarze Standard-Vinyl (breite Verfügbarkeit im Handel)
- CD-Edition für jene, die kein Plattenspieler besitzen
- Limitierte Purple-Marble-Vinyl, exklusiv über den Direktvertrieb erhältlich
Vor allem Sammler dürften sich auf die Purple-Marble-Ausgabe stürzen — die Farbe ist natürlich kein Zufall, sondern eine bewusste Referenz an das lila Markenzeichen, das Prince zu Lebzeiten so konsequent pflegte wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation.
Was “Timeless” über posthume Veröffentlichungen grundsätzlich aussagt
Das Album erscheint in einem Moment, in dem die Frage, wie Nachlässe von Musikern verwaltet werden sollen, intensiver diskutiert wird als je zuvor. Das Prince Estate hat sich dabei für einen Weg entschieden, der Qualität vor Quantität zu stellen scheint — keine Flut von Archivmaterial, sondern ausgewählte Veröffentlichungen mit erkennbarem kuratorischen Anspruch.
Ob “Timeless” tatsächlich hält, was der Titel verspricht, werden die Zuhörerinnen und Zuhörer entscheiden. Was feststeht: Der musikalische Fundus, den Prince hinterlassen hat, ist offenkundig groß genug, um das Estate noch auf Jahre hinaus mit Material zu versorgen — und die Frage, welche Aufnahmen als Nächstes das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden, bleibt vorerst offen.



