Im Jahr 2022 begann unter dem Steinboden der Grabeskirche in Jerusalem etwas, das die Welt der Archäologie nachhaltig beschäftigt: Eine italienische Grabungsmannschaft öffnete im Zuge einer Bodensanierung die Erde unter dem vielleicht meistbesuchten religiösen Bauwerk der Erde. Was sie in den folgenden drei Jahren zum Vorschein brachte, übertraf alle Erwartungen.
Denn die freigelegte Schicht unter der Kirche aus dem 4. Jahrhundert zeigt keine gewöhnlichen Überreste. Ein aufgegebener Steinbruch, mit Erde verfüllte Flächen, Spuren landwirtschaftlicher Nutzung, ein Garten und aus dem Fels gehauene Gräber — die Frage, die Millionen Gläubige umtreibt, ist nun neu entfacht: Liegt hier wirklich der Ort, an dem Jesus Christus begraben wurde?
Was die Ausgrabungen unter der Grabeskirche tatsächlich zutage brachten
Die Arbeiten begannen im Jahr 2022 und wurden 2025 abgeschlossen. Geleitet wurden sie von Francesca Romana Stasolla, Professorin für Archäologie des Mittelalters an der Università La Sapienza in Rom. Ihr Team legte eine antike Bestattungslandschaft frei, die sich unmittelbar unterhalb des Kirchenfundaments erstreckt.
Stasolla formulierte den Befund gegenüber der britischen Zeitung Daily Mail nüchtern und präzise: „Wir haben Hinweise auf eine Bestattungslandschaft gefunden.” Keine Übertreibung — aber auch kein Kleinreden eines Fundes, der in Fachkreisen für Aufsehen sorgt.
Die Entdeckung umfasst im Einzelnen:
- Einen verlassenen Steinbruch, der zur Zeit Jesu außerhalb der damaligen Stadtgrenzen Jerusalems lag
- Mit Erde aufgefüllte Flächen sowie landwirtschaftlich genutzte Bereiche
- Spuren von Olivenbäumen und Weinreben, die auf das Jahr 33 nach Christus datiert werden
- Einen Garten, der unmittelbar zwischen dem Bereich von Golgatha und den Gräbern liegt
- Mehrere direkt in den Fels gehauene Grabkammern
Warum der Garten für Bibelwissenschaftler so bedeutsam ist
Das Johannesevangelium erwähnt an der Stelle der Kreuzigung ausdrücklich einen Garten. Genau dieses Detail macht den Fund so brisant. Stasolla erklärte dazu: „Das Evangelium erwähnt eine grüne Fläche zwischen Golgatha und dem Grab, und wir haben diese bewirtschafteten Felder identifiziert.”
Auch die geografische Lage stimmt mit den Angaben der Bibel überein. Der Steinbruch befand sich im 1. Jahrhundert außerhalb der damaligen Stadtmauern Jerusalems — genau so, wie es der Hebräerbrief andeutet, der die Hinrichtungsstätte Jesu als außerhalb der Stadt gelegen beschreibt. Diese Übereinstimmungen sind für Archäologen selten und für Theologen kaum zu ignorieren.
Die Felsgräber und ihre Verbindung zu Matthäus, Markus und Lukas
Besonders die Form der freigelegten Grabkammern erregt Aufmerksamkeit. Sie ähnelt den Beschreibungen, die sich in den Evangelien des Matthäus, des Markus und des Lukas finden: Felsengräber, wie sie im Judäa des 1. Jahrhunderts verbreitet waren, mit einer Kammer, die durch einen Stein verschlossen werden konnte.
Eine dieser Kammern wurde im 2. Jahrhundert durch ein römisches Bauwerk versperrt. Erst auf Anordnung von Kaiser Konstantin wurde dieses Bauwerk im frühen 4. Jahrhundert entfernt, das Grab freigelegt und an seiner Stelle ein christlicher Schrein errichtet — der Vorläufer der heutigen Grabeskirche, die seit dem Jahr 326 nach Christus an diesem Standort steht.
Was der Fund beweist — und was er ausdrücklich nicht beweist
Stasolla selbst betonte unmissverständlich: Ein endgültiger archäologischer Beweis, dass es sich tatsächlich um das Grab Jesu handelt, wurde nicht erbracht. Das ist in der Wissenschaft keine Niederlage, sondern eine notwendige Klarstellung — denn die Identität des Grabes lässt sich durch materiellen Befund allein nicht belegen.
Was die Ausgrabung jedoch zeigt, ist, dass der Ort unter der Grabeskirche tatsächlich die topografischen und archäologischen Merkmale aufweist, die die Evangelien beschreiben. Das ist mehr, als bisherige Untersuchungen zeigen konnten. Stasolla brachte es selbst auf den Punkt: „Der wahre Schatz, den wir freilegen, ist die Geschichte der Menschen, die diesen Ort durch ihren Glauben zu dem gemacht haben, was er ist.”
Wie die Grabeskirche zu einem der zentralen Orte des Christentums wurde
Die Kirche, die heute über dem Fundort steht, gilt für Millionen Christen weltweit als der heiligste Ort ihres Glaubens. Sie markiert nach christlicher Überlieferung den Schauplatz von Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung Jesu. Jährlich pilgern Hunderttausende nach Jerusalem, um diesen Ort zu besuchen — darunter auch viele Österreicherinnen und Österreicher im Rahmen organisierter Heilig-Land-Reisen.
Die Kirche selbst geht auf das 4. Jahrhundert zurück. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Zerstörung, Wiederaufbau und ungebrochenem religiösem Bekenntnis — was den aktuellen Fund auch deshalb so bedeutsam macht, weil er die Kontinuität dieses Ortes über fast 2.000 Jahre archäologisch sichtbar macht.
Was als nächstes folgt: weitere Analysen und offene Fragen
Die Grabungsergebnisse wurden publiziert und stehen nun der internationalen Fachwelt zur Auswertung offen. Weitere Datierungen der organischen Funde — insbesondere der Olivenbaum- und Weinrebenspuren — könnten die Chronologie des Ortes weiter schärfen. Ob und wann die Grabungsstätte auch für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist nach Angaben der zuständigen kirchlichen Autoritäten in Jerusalem noch nicht entschieden.
Die entscheidende Frage — ob dieser Ort wirklich das Grab Jesu Christi ist — wird die Forschung noch lange beschäftigen.



