Leitungswasser nach Urlaub: Warum 72 Stunden Stillstand die Dusche zur Falle machen

Koffer in den Flur stellen, Schuhe aus, und dann zieht es einen sofort in die Küche. Nach stundenlanger Heimreise, vielleicht aus Kroatien oder der Türkei, ist das erste Glas Wasser aus dem Hahn fast schon ein Ritual. Die Hand greift automatisch zum Hebel — aber genau in diesem Moment lohnt sich eine kurze Pause.

Denn während du zwei oder drei Wochen weg warst, stand das Wasser reglos in deinen Rohren. Bei sommerlichen Temperaturen jenseits der 30 Grad verändert sich dabei einiges in der Leitung. Trinken ist in aller Regel kein Problem — doch beim Duschen sieht die Sache anders aus, und hier steckt das eigentliche Risiko nach der Rückkehr.

Stagnationswasser: Was in der Leitung passiert, wenn niemand zuhause ist

Wasser, das bewegungslos in Rohren steht, nennt man Stagnationswasser. Es verändert sich langsam: Ablagerungen wie Rost können sich lösen, Mineralien setzen sich anders ab, und die Temperatur gleicht sich der Umgebung an. Im Hochsommer bedeutet das, dass das Wasser in schlecht isolierten Leitungen schnell auf 25 bis 35 Grad erwärmt werden kann.

Laut dem Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen empfehlen Behörden nach einer Nutzungspause von mehr als 72 Stunden ein gründliches Durchspülen der Leitungen. Im Kanton Zürich gilt diese Empfehlung ausdrücklich, ebenso in Basel-Stadt. Die Faustformel ist dabei denkbar einfach.

Sarah Camenisch vom Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen nennt gegenüber dem Magazin „20 Minuten” eine klare Richtlinie: Das Wasser sollte so lange laufen, bis seine Temperatur konstant bleibt. Erst dann ist frisches Wasser aus dem Versorgungsnetz nachgeflossen und die stehende Menge in der Hausinstallation vollständig ausgetauscht.

Trinken trotz Stagnation: Warum Legionellen im Glas harmlos sind

Wer beim Wort „stehendes Wasser” sofort an Legionellen denkt, liegt nicht ganz falsch — aber die Schlussfolgerung ist häufig übertrieben. Laut dem Schweizer Bundesamt für Gesundheit stellt das Trinken von mit Legionellen belastetem Wasser grundsätzlich keine Gefahr dar. Die Bakterien werden von der Magensäure zuverlässig abgetötet, bevor sie irgendeinen Schaden anrichten können.

Einzig in seltenen Ausnahmefällen — etwa wenn Wasser versehentlich beim Verschlucken in die Atemwege gelangt — kann es theoretisch problematisch werden. Im Alltag ist das aber kaum relevant. Wer also nach dem Urlaub einen Schluck aus dem noch nicht gespülten Hahn nimmt, muss nicht in Panik verfallen.

Die echte Gefahr lauert in der Dusche, nicht im Wasserglas

Legionellen werden gefährlich, sobald sie als feinste Wassertröpfchen eingeatmet werden und dabei in die Lunge gelangen. Genau das passiert beim Duschen: Der Brausekopf zerstäubt das Wasser in winzige Aerosole, die man unweigerlich einatmet. Eine Legionellen-Infektion auf diesem Weg kann zu schwerer Lungenentzündung führen — dem sogenannten Legionärskrankheit.

Legionellen vermehren sich besonders rasch bei Wassertemperaturen zwischen 25 und 45 Grad — genau der Bereich, in dem stehendes Leitungswasser nach einem langen, heißen Sommer-Urlaub häufig landet. Die Kombination aus wochenlangem Stillstand und Sommerwärme schafft damit ausgerechnet in der Dusche ungünstige Bedingungen.

So spülst du Hahn und Dusche nach der Heimkehr richtig durch

Die Maßnahme ist einfach und dauert keine fünf Minuten. Behörden in Zürich und Basel-Stadt empfehlen nach längerer Abwesenheit folgendes Vorgehen:

  • Alle Wasserhähne der Wohnung nacheinander aufdrehen und laufen lassen, bis die Temperatur konstant bleibt.
  • Die Dusche als letztes und besonders sorgfältig spülen — mindestens 2 bis 3 Minuten bei vollem Durchfluss.
  • Beim ersten Duschgang Abstand zum Brausestrahl halten und den entstehenden Wassernebel möglichst nicht direkt einatmen.
  • Das erste Spülwasser auffangen und zum Blumengießen oder Putzen verwenden — es muss nicht in den Abfluss.
  • Danach kann die Dusche wie gewohnt genutzt werden.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen Wohnungen, deren Leitungen schlecht isoliert sind oder die sich in älteren Gebäuden befinden. Dort erwärmt sich stehendes Wasser im Sommer schneller und hält die Wärme länger.

Wann die Vorsichtsmaßnahme besonders wichtig ist

Wer nur ein langes Wochenende weg war — also weniger als 72 Stunden — braucht sich kaum Gedanken zu machen. Die kritische Schwelle liegt bei mehreren Tagen, spätestens aber bei einer Woche oder länger. Je wärmer der Sommer und je länger die Abwesenheit, desto mehr lohnt sich das kurze Vorspülen.

Wohnhäuser mit Gemeinschaftsleitungen — etwa Mehrparteienhäuser, in denen im August viele Bewohner gleichzeitig auf Urlaub sind — können ebenfalls betroffen sein, weil die Leitungen auf ganzen Strängen nicht durchflossen werden. Wer nach einem langen Sommerurlaub zurückkommt und Unsicherheit verspürt, kann die Wasserqualität beim jeweiligen Wasserversorger oder der kommunalen Behörde erfragen.

Panik ist nicht angebracht. Aber zwei Minuten am Wasserhahn warten, bevor man unter die Dusche steigt — das kostet nichts und ist nach einem Urlaub von mehr als drei Tagen schlicht vernünftig.

Das erste Glas Wasser: eine einfache Regel für die Heimkehr

Die Zusammenfassung ist kurz: Trinken ist auch aus ungespülten Leitungen in aller Regel unbedenklich. Die Dusche hingegen sollte nach einem Urlaub von mehr als drei Tagen zuerst durchgespült werden, bevor man sie benutzt — und beim ersten Mal kurz Abstand halten.

Das erste aufgefangene Spülwasser wandert nicht in den Abfluss, sondern auf die Blumenkübel, die nach dem Urlaub ohnehin dringend Wasser brauchen. So erledigen sich zwei Aufgaben auf einmal, und frisches Leitungswasser kann unbesorgt genossen werden.

Wer nach dem nächsten Sommerurlaub zurückkommt und seine Leitungen grundsätzlich auf dem neuesten Stand halten möchte, sollte prüfen, ob ein alter Brausekopf mit Kalkablagerungen noch weitere Risiken birgt — denn dort siedeln sich Bakterien besonders gerne an.

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