Lehrerengpass Wien: Warum jede dritte Stelle drei Wochen vor Schulstart unbesetzt bleibt

Drei Wochen vor dem ersten Schultag, und noch immer klafft in Wiens Klassenzimmern eine Lücke, die sich in nackten Zahlen kaum schönreden lässt: Von insgesamt 2.100 ausgeschriebenen Lehrstellen ist rund ein Drittel bislang nicht vergeben. Das meldete die Wiener Bildungsdirektion am 18. August 2026 — und löste damit sofort eine politische Debatte aus, die weit über den üblichen Vorschulstart-Betrieb hinausgeht.

Besonders angespannt ist die Situation dem Vernehmen nach im zehnten Bezirk: In Favoriten werden laut Lehrergewerkschaft Pädagoginnen und Pädagogen in nahezu allen Fächern gesucht. Für die Oppositionsparteien FPÖ und ÖVP ist das kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse — und sie machen dafür eine Person verantwortlich.

700 offene Stellen: Was die Zahlen wirklich bedeuten

Rund 700 der 2.100 ausgeschriebenen Stellen galten zum Stichtag 18. August 2026 als unbesetzt. Das entspricht etwa 33 Prozent — also tatsächlich jedem dritten Posten. Besonders gefragt, aber kaum verfügbar, sind laut Kritikern Klassenlehrer, Mathematiklehrer und Sonderpädagogen.

Die Bildungsdirektion Wien zeichnet ein anderes Bild. Gegenüber Heute hieß es, die Zuweisungen für das kommende Schuljahr liefen “aktuell auf Hochtouren”. Die Behörde erklärte weiter: “Die Bewerbungslage zeigt sich sehr positiv und aus aktueller Sicht können bis zum Schulbeginn alle Stunden besetzt werden.” Eine Entwarnung also — die die Opposition nicht gelten lässt.

FPÖ-Klub Krauss: “Bildungspolitisches Totalversagen” in Wien

Maximilian Krauss, FPÖ-Bildungssprecher und Klubobmann im Wiener Gemeinderat, greift sowohl Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) als auch ihren Vorgänger Christoph Wiederkehr (NEOS) scharf an. “Wiederkehr und Emmerling haben die Probleme an den Wiener Schulen jahrelang schöngeredet. Jetzt fehlen erneut Klassenlehrer, Mathematiklehrer und Sonderpädagogen. Die NEOS sind mit ihrem selbst erklärten Anspruch als Bildungspartei krachend gescheitert”, sagte Krauss.

Die Ursache sieht er nicht allein in mangelnder Personalplanung. Massive Sprachdefizite, schwieriger werdende Unterrichtsbedingungen und fehlende Unterstützung trieben Lehrerinnen und Lehrer aus sogenannten Brennpunktschulen. “Wiederkehr und Emmerling haben darauf bis heute keine Antwort”, so Krauss.

Rücktritt gefordert: Krauss nimmt Emmerling ins Visier

Krauss blieb nicht bei allgemeiner Kritik stehen. Er richtete eine konkrete Forderung an die amtierende Bildungsstadträtin: Emmerling müsse für ausreichend Personal, eine spürbare Entlastung der Lehrenden und einen wirksamen Umgang mit mangelnden Deutschkenntnissen sorgen. Sein Urteil fiel knapp aus: “Dass drei Wochen vor Schulstart jede dritte ausgeschriebene Stelle noch nicht vergeben ist, ist ein Armutszeugnis für die Verantwortliche und der letztgültige Beweis, dass diese überforderte Stadträtin endlich zurücktreten muss — zum Wohl unserer Kinder.”

Emmerling selbst äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht direkt zu den Rücktrittsrufen. Die Bildungsdirektion verwies auf die laufenden Besetzungsverfahren.

ÖVP Zierfuß: Qualifizierte Pädagogen müssen ab Tag eins im Klassen­zimmer stehen

Auch die Wiener ÖVP schaltete sich in die Debatte ein. Harald Zierfuß, Bildungssprecher und Klubobmann der ÖVP Wien, erklärte: “Wenn drei Wochen vor Schulbeginn noch jede dritte ausgeschriebene Lehrerstelle nicht vergeben ist, können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Neos-Stadträtin Bettina Emmerling muss sicherstellen, dass zum Schulstart ausreichend qualifizierte Pädagogen in den Klassen stehen.”

Zierfuß forderte bessere Rahmenbedingungen für Lehrerinnen und Lehrer sowie gezielte Entlastungsmaßnahmen — konkret, um Probleme wie Personalmangel, ausgeprägte Sprachdefizite bei Schülerinnen und Schülern sowie zunehmend belastende Bedingungen an einzelnen Schulstandorten zu bekämpfen.

Favoriten als Brennpunkt: Warum gerade dieser Bezirk fehlendes Personal trifft

Der zehnte Bezirk steht exemplarisch für die strukturellen Herausforderungen, die Kritiker seit Jahren ansprechen. In Favoriten, dem bevölkerungsreichsten Bezirk Wiens mit über 210.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, sucht die Lehrergewerkschaft nach eigenen Angaben Fachkräfte quer durch alle Unterrichtsgegenstände.

Die Gründe dafür sind vielschichtig:

  • Hoher Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Zweitsprache, was den Unterrichtsaufwand erhöht
  • Mangel an Sonderpädagogen, die für Fördermaßnahmen dringend benötigt werden
  • Schwieriger werdende Arbeitsbedingungen, die erfahrene Lehrkräfte in andere Bezirke oder Schulen abwandern lassen
  • Fehlende Anreize, an sogenannten Brennpunktschulen langfristig zu bleiben
  • Hohe Pensionierungsraten, die den Ersatzbedarf weiter steigern

Ob die Bildungsdirektion ihre Zusage einhalten kann, alle Stunden bis zum Schulbeginn zu besetzen, wird sich spätestens am ersten Schultag zeigen — und dürfte die politische Diskussion über die Wiener Bildungspolitik bis weit in den Herbst hinein begleiten.

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