Hülsenfrüchte Stickstoff: Wie Sojabohnen und Erbsen sich selbst düngen

Wer im August über einen österreichischen Acker geht, sieht auf den ersten Blick kaum einen Unterschied: Hier Sojabohnen, dort Erbsen, alles grünt gleichmäßig unter der Spätsommersonne. Doch wenige Zentimeter unter der Erde läuft ein Prozess ab, der für die Landwirtschaft weit mehr bedeutet als bloßes Pflanzenwachstum.

Während Getreide und die meisten anderen Kulturpflanzen auf externe Stickstoffdüngung angewiesen sind, haben vier bestimmte Hülsenfrüchte eine andere Strategie entwickelt. Wie sie das schaffen und was das für die Böden in Österreich bedeutet, erklärt sich im Boden selbst.

4 Pflanzen mit dem besonderen Trick: Sojabohnen, Erbsen, Ackerbohnen, Süßlupinen

Sojabohnen, Körnererbsen, Ackerbohnen und Süßlupinen teilen eine Eigenschaft, die keine andere Hauptkultur besitzt: Sie können Stickstoff direkt aus der Bodenluft nutzbar machen. Der Stickstoffanteil der Luft liegt bei etwa 78 Prozent — für die allermeisten Pflanzen ist dieses riesige Reservoir jedoch vollkommen unzugänglich.

Der Schlüssel sind sogenannte Rhizobien. Diese Bodenbakterien siedeln sich an den Wurzeln der Hülsenfrüchte an und bilden dort kleine, gut sichtbare Knöllchen. In diesen Knöllchen findet der entscheidende Schritt statt: Die Bakterien wandeln den molekularen Stickstoff in mineralische Verbindungen um, die die Pflanze direkt aufnehmen und für den Aufbau von Eiweiß verwenden kann.

Wie die Stickstoffbindung aus der Luft wirklich funktioniert

Die Zusammenarbeit zwischen Pflanze und Bakterium ist keine Einbahnstraße. Die Pflanze liefert den Rhizobien energiereiche Kohlenstoffverbindungen, die durch die Fotosynthese in den grünen Pflanzenteilen entstehen. Die Bakterien erhalten damit ihre Energiequelle — im Gegenzug stellen sie der Pflanze den gebundenen Stickstoff zur Verfügung.

Wie effizient dieses System arbeitet, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Der jeweiligen Pflanzenart und dem vorhandenen Bakterienstamm
  • Der Menge an bereits frei verfügbarem mineralischem Stickstoff im Boden
  • Den Witterungsbedingungen während der Wachstumsperiode
  • Der Bodenstruktur und dem pH-Wert
  • Bei Sojabohnen zusätzlich: dem Vorhandensein geeigneter Rhizobien im Boden

Gerade bei Sojabohnen und Süßlupinen, die in Österreich und Deutschland noch nicht überall auf Böden mit ausreichend spezifischen Bakterien angebaut wurden, kann es beim erstmaligen Anbau notwendig sein, das Saatgut vor der Aussaat gezielt mit passenden Rhizobien zu behandeln.

Was das für mineralischen Stickstoffdünger bedeutet

Mineralischer Stickstoffdünger ist energieintensiv in der Herstellung. Seine Produktion verbraucht erhebliche Mengen an Energie und ist mit beachtlichen Treibhausgasemissionen verbunden. Hülsenfrüchte, die ihren Stickstoffbedarf zumindest teilweise selbst decken können, machen den Einsatz solcher Betriebsmittel auf diesen Flächen entbehrlich.

Stephan Arens, Geschäftsführer der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen e. V. (UFOP), ordnet das klar ein: „Hülsenfrüchte zeigen, wie sich die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel mit einem extensiveren Einsatz von Betriebsmitteln verbinden lässt. Ihre besondere Form der Stickstoffversorgung macht sie zu wichtigen Kulturen für eine resiliente Landwirtschaft”, sagt Arens.

Der Effekt reicht über die Ernte hinaus — und nützt der Folgekultur

Nach der Ernte bleibt ein Teil der Wurzeln und der Erntereste auf dem Feld. Bodenorganismen bauen diese organische Masse ab, und dabei gelangen Nährstoffe sowie organische Substanz wieder in den Boden. Was oben als Stoppelfeld aussieht, arbeitet also unsichtbar weiter.

Davon profitiert auch die Folgekultur: Je nach Pflanzenart, Ertragshöhe und Bewirtschaftung kann sich der Stickstoffbedarf der nächstjährigen Pflanze spürbar verringern. Eine pauschale Zahl lässt sich hier nicht nennen — zu verschieden sind die Böden zwischen dem Weinviertel und dem Innviertel, die Niederschlagsmengen und die Anbaujahre.

Vier Pflanzen, vier unterschiedliche Wurzelsysteme — aber eine gemeinsame Stärke

Sojabohnen, Körnererbsen, Ackerbohnen und Süßlupinen sind trotz ihrer gemeinsamen Fähigkeit keineswegs identisch. Ihre Wurzelsysteme unterscheiden sich deutlich: Manche erschließen tiefere Bodenschichten und holen Wasser und Nährstoffe aus dem Untergrund, andere verbleiben stärker im oberen Bereich. Das macht jede Art für andere Standorte und Fruchtfolgekonstellationen interessant.

Gemeinsam ist ihnen neben der Stickstoffbindung noch etwas anderes: Ihre reifen Samen enthalten pflanzliches Protein in nennenswerter Menge. Gerade in einer Zeit, in der die österreichische Landwirtschaft unter dem Druck der Dürresommer und steigender Betriebsmittelkosten steht, verbinden diese 4 Kulturen zwei Anforderungen auf einmal — schonender Ressourceneinsatz und Produktion proteinreicher Lebensmittel.

Fruchtfolge: Warum Hülsenfrüchte auch der gesamten Ackerwirtschaft nützen

Der Anbau von Körnerleguminosen lockert einseitige Ackersysteme auf. Werden auf einem Feld unterschiedliche Pflanzenfamilien im Wechsel angebaut, verringert sich die Gefahr, dass sich Krankheitserreger und Schädlinge langfristig im Boden festsetzen. Ein gezielter Kulturwechsel kann die Ausbreitung spezialisierter Schaderreger begrenzen.

Ganz ohne Einschränkungen funktioniert das freilich nicht. Auch Hülsenfrüchte haben ihre spezifischen Krankheiten und Schädlinge — ausreichend lange Anbaupausen zwischen zwei Soja- oder Erbsenjahren auf derselben Fläche bleiben daher unerlässlich. Der unscheinbare Vorgang an den Wurzeln zeigt damit, wie eng natürliche Prozesse und moderne Ackerwirtschaft miteinander verflochten sind.

Ob sich der Hülsenfruchtanteil in österreichischen Fruchtfolgen in den kommenden Jahren tatsächlich erhöht, wird auch davon abhängen, wie sich die Marktpreise für Soja und Erbse und die Verfügbarkeit geeigneter Saatgutsorten entwickeln.

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