In der Danziger Altstadt, unweit der Lenica-Werft, die einst Symbol eines anderen historischen Aufbruchs war, versammeln sich dieser Tage Politiker, Unternehmenschefs und Vertreter internationaler Institutionen zum fünften Mal zur Ukraine-Wiederaufbaukonferenz. Der Anlass ist ernst: Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Konferenzreihe sitzt Österreich nicht mit einem Minister, sondern mit dem Regierungschef am Tisch. Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) reiste persönlich nach Danzig.
Dahinter steckt mehr als diplomatische Geste. Österreich war vor dem russischen Angriffskrieg der sechstgrößte ausländische Investor in der Ukraine — und Stocker will sicherstellen, dass die heimische Wirtschaft beim größten Wiederaufbauprojekt Europas seit 1945 nicht leer ausgeht. Wie ernst er das meint, und welche Unternehmen bereits vor Ort sind, zeigt das Bild in Danzig deutlich.
517 Milliarden Euro: Das Ausmaß der Zerstörung, das Österreich nicht ignorieren kann
Die Weltbank hat den Gesamtbedarf für den Wiederaufbau der Ukraine auf rund 588 Milliarden US-Dollar — umgerechnet etwa 517 Milliarden Euro — beziffert, verteilt über die kommenden zehn Jahre. Stocker kommentierte diese Zahl in Danzig mit deutlichen Worten: „Dies belegt das schier unglaubliche Ausmaß an Brutalität und Zerstörung, dem die Ukraine nun schon im fünften Jahr ausgesetzt ist. Der russische Angriffskrieg geht unvermindert weiter.”
Für den Kanzler ist der Wiederaufbau keine rein humanitäre Frage. Er bezeichnete ihn als strategische Entscheidung für den gesamten Kontinent: Eine starke, moderne und europäische Ukraine sei eine Investition in Sicherheit, Stabilität und Wohlstand — auch für Österreich.
1.000 Austro-Firmen schon jetzt in der Ukraine aktiv
Die österreichische Wirtschaftspräsenz in der Ukraine ist größer, als vielen bewusst ist. Laut Bundeskanzleramt sind derzeit rund 1.000 österreichische Unternehmen in der Ukraine tätig, davon etwa 200 mit eigener Niederlassung. Zusammen sichern sie vor Ort rund 30.000 Arbeitsplätze — trotz der anhaltend schwierigen Sicherheitslage.
In Danzig sind Vertreter von mehr als 20 österreichischen Spitzenunternehmen vertreten. Darunter befinden sich:
- ASFINAG und Frequentis (Infrastruktur und Kommunikation)
- Palfinger und Primetals (Maschinenbau und Stahltechnik)
- RAG Austria und Verbund (Energie)
- RBI und Uniqa (Finanzierung und Versicherung)
- Voestalpine (Stahl und Bauwesen)
Sie decken genau jene Bereiche ab, die die Ukraine für den Wiederaufbau am dringendsten benötigt: Finanzierung, Infrastruktur, Energie, Bauwesen und Nachhaltigkeit.
Stocker als Türöffner: Was der Kanzler konkret in Danzig verspricht
Stocker wählte in Danzig eine klare Sprache. „Vom Wiederaufbau in der Ukraine sollen auch österreichische Unternehmen profitieren. Ich sehe mich als Türöffner für unsere heimische Wirtschaft”, sagte Christian Stocker, Bundeskanzler (ÖVP), vor den versammelten Konferenzteilnehmern. Die österreichischen Firmen seien in der Ukraine „seit langem geschätzte und verlässliche Partner”.
Sein Ziel formulierte er ebenso direkt: „Unser aller Ziel ist klar — eine souveräne, sichere Ukraine, die auf Frieden, Demokratie und Wohlstand aufgebaut ist.” Der Wiederaufbau solle dabei nicht den früheren Zustand wiederherstellen, sondern eine Investition in die Zukunft sein, bei der österreichisches Know-how eine entscheidende Rolle spielen könne.
Exporte über Vorkriegsniveau: Wirtschaftliche Signale aus dem ersten Quartal 2026
Die Zahlen geben Stockers Auftritt in Danzig wirtschaftlichen Rückhalt. Im ersten Quartal 2026 stiegen die österreichischen Exporte in die Ukraine um mehr als 30 Prozent — und lagen damit erstmals wieder über dem Vorkriegsniveau des Jahres 2021. Das ist ein konkretes Signal, dass die Wirtschaftsbeziehungen trotz des laufenden Krieges wieder Fahrt aufnehmen.
Der Schwerpunkt der diesjährigen Konferenz liegt gezielt auf der Frage, wie der private Sektor stärker in den Wiederaufbau eingebunden werden kann. Genau darin sieht Wien seine Chance: Während staatliche Gelder die Grundlage legen, sollen österreichische Unternehmen als Umsetzer, Betreiber und Investoren auftreten.
Bilaterale Gespräche in Danzig: Tusk und Svyrydenko auf dem Programm
Neben den Wirtschaftsterminen absolviert Stocker in Danzig auch politische Bilateral-Gespräche. Auf dem Programm stehen Treffen mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk sowie mit der ukrainischen Ministerpräsidentin Yulia Svyrydenko. Polen als Gastgeberland und Ukraine als direkte Partnerin sind für Österreich die zentralen Gesprächspartner dieser Konferenz.
Ob aus den Kontakten in Danzig konkrete Verträge oder Absichtserklärungen für österreichische Unternehmen folgen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen — die Konferenz selbst endet am 25. Juni 2026.



