Ein Teenager liegt um zwölf Uhr mittags im Wiener Prater auf einer Decke, das Gesicht der Sonne zugewandt, keine Creme, kein Schatten. Was aussieht wie gewöhnliches Sonnenbaden, ist Teil eines gezielten Programms: Tanmaxxing heißt der Trend, der auf TikTok und Instagram diesen Sommer tausende Jugendliche in die stärkste UV-Strahlung des Tages lockt. Ziel ist es, so schnell wie möglich so braun wie möglich zu werden.
Für die Wiener Dermatologin Dr. Barbara Franz ist das kein harmloses Sommer-Ritual. Sie warnt eindringlich — und die Rechnung, von der sie spricht, kommt nicht sofort, sondern mit Verzögerung. Was die Haut jetzt aufzeichnet, präsentiert sie jahrzehntelang später.
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Was Tanmaxxing ist — und warum er gerade Jugendliche erreicht
Der Begriff setzt sich aus dem englischen “tan” (Bräune) und “maximizing” (maximieren) zusammen. Auf Social Media kursieren Videos, in denen selbst ernannte Beauty-Experten erklären, wie man durch gezielte Exposition gegenüber der Mittagssonne möglichst rasch eine tiefe Bräune erzielt — ohne Sonnenschutz, manchmal sogar mit reflektierenden Folien.
“Ich halte es für brandgefährlich, dass in Social Media selbst ernannte Spezialisten, egal zu welchem Thema, ihre Meinung kundtun”, sagt Dr. Barbara Franz, Fachärztin für Ästhetische Medizin, Lasermedizin, Haut- und Geschlechtskrankheiten und Operative Dermatologie in ihrer Praxis “Hautsache Gut” im 9. Wiener Gemeindebezirk. Besonders problematisch sei, dass Jugendliche solche Inhalte oft ungefiltert übernähmen.
Warum es keine gesunde Bräune gibt — auch nicht in der Mittagssonne Wiens
“Es gibt keine gesunde Bräune”, stellt Franz unmissverständlich klar. Schon gar nicht zur Mittagszeit, wenn der UV-Index seinen Tageshöchststand erreicht. “Es gibt überhaupt kein Für, es gibt nur Gegenargumente.”
Die Haut verfügt zwar über eigene Schutzmechanismen, doch deren Kapazität ist streng begrenzt. “Der Körper hat nur ganz, ganz kurz die Möglichkeit, die UV-Strahlung selbst zu kompensieren. Das ist eine Frage von wenigen Minuten”, erklärt die Wiener Dermatologin. Alles, was darüber hinausgeht, verursacht Schäden auf zellulärer Ebene — lange bevor ein sichtbarer Sonnenbrand entsteht.
Das Sonnenkonto: Warum jeder Strahl ein Leben lang bleibt
Franz beschreibt die lebenslange UV-Belastung mit einem eindrücklichen Bild: “Wir haben ein Sonnenkonto. Die Haut hat einen wahnsinnigen Memory-Effekt und merkt sich jeden Sonnenstrahl.” Jede einzelne Dosis werde auf diesem Konto verbucht — und am Ende werde die Rechnung präsentiert.
UV-Strahlung erzeugt oxidativen Stress, fördert die Bildung freier Radikale und beschleunigt die Hautalterung sichtbar. Altersflecken und Falten sind die frühen Posten auf dieser Rechnung. Schwerer wiegen die medizinischen Folgen:
- Akute Verbrennungen und Entzündungsreaktionen der Haut
- Basaliome und Spinaliome (weißer Hautkrebs) sowie deren Vorstufen — treten häufig erst im höheren Alter auf
- Melanom (schwarzer Hautkrebs), die aggressivste Form, steht in direktem Zusammenhang mit kumulativer UV-Belastung
- Vorzeitige Hautalterung, Faltenbildung, Pigmentstörungen
Entscheidend, so Franz: Schäden entstehen bereits, bevor die Haut sichtbar rot wird. Wer den Sonnenbrand als einzigen Maßstab nimmt, unterschätzt die tatsächliche Belastung erheblich.
Warum “Vorbräunen” und berufliche Sonnenhaut kein Freifahrtschein sind
Ein verbreiteter Irrglaube lautet, man könne die Haut durch allmähliche Rötungen langsam an die Sonne gewöhnen. Franz widerspricht: Auch wenn Menschen mit regelmäßiger beruflicher Sonnenexposition — etwa Landwirte oder Bauarbeiter — gewisse Anpassungsreaktionen entwickeln und die Haut etwas dicker wird, sei das kein Schutz. “Gesund ist es trotzdem nicht”, betont die Wiener Ärztin ausdrücklich.
Als besonders riskant stuft Franz das klassische Urlaubsmuster ein: monatelang im Büro, dann zwei Wochen lang intensive Bestrahlung am Strand. Genau diese geballte UV-Exposition erhöhe das Hautkrebsrisiko überproportional — weit mehr als eine gleichmäßige, berufsbedingte Sonnendosis über das Jahr verteilt.
Welcher Hauttyp besonders gefährdet ist — und was Franz rät
Der individuelle Hauttyp ist laut Franz der entscheidende Faktor. Je heller die Haut, je röter die Haare und je heller die Augen, desto kürzer ist das Zeitfenster, in dem die Haut UV-Strahlung ohne bleibenden Schaden verträgt. Der klassische keltische Hauttyp, in Österreich nicht selten, wird kaum braun — er verbrennt stattdessen rasch.
Grundsätzlich gilt: Je sonnenempfindlicher der Typ, desto aggressiver muss der Sonnenschutz ausfallen, und desto konsequenter sollte die Mittagssonne zwischen 11 und 15 Uhr gemieden werden. An einem klaren Sommertag in Wien kann der UV-Index in diesem Zeitfenster Werte von 7 oder höher erreichen — ab UV-Index 3 empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation aktiven Sonnenschutz.
Was der Trend für den Herbst bedeutet — und was Eltern jetzt tun können
Tanmaxxing-Videos zirkulieren auf TikTok und Instagram weiterhin ungehindert, weil keine der großen Plattformen bislang gesundheitsschädliche Sonnenpraktiken in ihren Gemeinschaftsrichtlinien explizit als regelwidrig einstuft. Eine regulatorische Reaktion aus Wien oder Brüssel steht aus. Dermatologische Fachgesellschaften in Österreich haben das Thema nach Informationsstand von Anfang September 2026 noch nicht mit einer eigenen Stellungnahme adressiert.
Für Dr. Barbara Franz bleibt die Botschaft klar: Keine Bräune ist das Ergebnis eines gesunden Prozesses — sie ist das sichtbare Zeichen einer Schutzreaktion der Haut auf eine Schädigung, die sie sich für ein Leben lang merkt.
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